Garbarek. Jan Garbarek!
Ort: Križanke, Ljubljana
Konzertdatum: 08.05.2007
Besucherzahl: 0
Ticketpreis: 40 EUR
Diesmal ist der legendäre norwegische Saxofonist Jan Garbarek zu uns gekommen, begleitet von einer echten „All Stars“-Besetzung. Genau genommen ist das gar keine Begleitband, denn alle vier Musiker, Garbarek eingeschlossen, sind total gleichberechtigt und bilden eher eine Art Kollektiv abgebrühter „Kater“, dessen Anführer im Moment eben dieser Saxofonist ist. Wie der zweistündige Auftritt gezeigt hat, hätte jeder jeden anderen begleiten können, und genau das haben sie auch gemacht, denn alle glänzten in etwa gleich stark. Neben dem Hauptakteur stach vielleicht Perkussionist Trilok Gurtu am meisten heraus, der bei uns ziemlich hoch geschätzt wird. Dazu standen noch der bestens gelaunte Rainer Bruninghaus an Keyboards und Klavier sowie Yuri Daniel mit seinem Bass auf der Bühne. Daniel sprang für Eberhard Weber ein, der die Tour aus gesundheitlichen Gründen unterbrechen musste, laut Management aber bald wieder zu seiner Truppe zurückkehrt.
Los ging es mit einem Stück, das sich ganz leise aus den Keyboards heranschlich, die wie Wind klangen, ein Wind aus dem Norden, dem die anderen drei Instrumente im Ambient-Stil nach und nach frische Luft beimischten. Sie schufen Musik, die perfekt zum Wetter passte, das damals die regengetränkte Stadt umgab.
Gleich nach diesem einleitenden Präludium hat sich die Band musikalisch komplett renoviert: Der skandinavische Unterton wich einer deutlich wärmeren Musik, denn in der Jan Garbarek Group spielen Jungs aus aller Herren Länder, und entsprechend vielfältig sind auch die geografischen und musikalischen Umfelder, die bei ihnen ihre ganz eigenen Spuren hinterlassen haben. Obwohl man im Sound des Saxofons die ganze Zeit dieses „Nordische und Natur, Gesang und Geheimnis“ spüren konnte, mit dem Janes Spiel beschrieben wurde, mischte es sich ständig mit anderen Klängen, die durch die Seelen und Körper der Instrumente und ihrer Besitzer ihren gerechten Teil beisteuerten. Auf eine Art kamen dabei vor allem Nord und Süd zusammen und ergänzten sich, weniger Ost und West. Jeder Pol mit seinen zwei Vertretern und ihren vier Folkloren. So regierten mit nordischer Präzision und nur scheinbarer Kühle Jan, der mit seinen beiden Saxofonen völlig mühelos zwischen den Oktaven hin- und herflitzte, mal mit betonten langen Tönen, gleich darauf mit abgehackten und unbetonten, und Rainer, der meist musikalisch eng an seiner Seite stand und die Klänge seiner Tasten meistens geradewegs mit Jans Spiel verflocht. Auf der gegenüberliegenden, scheinbar entspannteren südlichen Seite glänzten der unglaublich einfallsreiche Trilok, eine Art Verkörperung von Jack DeJohnette oder Al Foster und Mtume in einem, und Yuri, der sich mit seinem Spiel etwas mehr im Hintergrund hielt, dort aber eine entscheidende Rolle einnahm, denn mit seinen überwiegend langsameren Linien hielt er die musikalische Grenze des tiefsten Registers fest im Griff.
Alle außer Jan selbst hatten auch ein paar reine Solominuten, in denen sie zusätzliche Virtuosität zeigten. Yuri war als Erster dran. Das Solo spielte er auf einem Fender-Jazzmaster-Bass, obwohl er sonst eher zum unkonventionellen fünfsaitigen Bass ohne Bünde griff, mit dem er deutlich wärmere Sounds erzeugte, die an den Kontrabass grenzten. Hier schob er dagegen etwas schärfere, funkig gefärbte Melodien in den Vordergrund, vor allem mit einem Loop, den er aufnahm und eine Weile abspielen ließ, während er obendrauf noch etwas lebhafter solierte.
Einige Songs später fiel die Ehre, sich solo zu beweisen, Rainer zu, der an diesem Abend vielleicht der Verschmitzteste in diesem gelungenen Quartett war. Er machte sich auf eine kurze Odyssee, die problemlos einen ganzen Abend oder auch zwei hätte dauern können. Er änderte radikal seine Spielweise und wechselte von einem schnelleren Jazz-Motiv, auf den Keyboards ohne besondere Effekte gespielt, zu einer klassisch inspirierten Etüde auf dem echten Klavier. Zum Schluss folgte ein neues Thema, bei dem sich ihm bald die anderen drei anschlossen.
Gegen Ende des Auftritts bekam als Letzter noch Trilok Gurtu seine fünfzehn Minuten, der wie üblich Hände und Füße voll zu tun hatte und mehrere Rhythmen gleichzeitig spielte. Eine Zeit lang saß er auf seinem Schlagzeughocker und beugte sich nur zu den verschiedenen Percussion-Instrumenten, die ihn rundum umgaben, später musste er aufstehen und sich wieder anderen Instrumenten widmen, nur mit dem rechten Fuß hielt er noch den Grundtakt auf der Bassdrum. Manche dieser vielen Percussions klangen fast wie Eisinstrumente, bestimmte Becken sangen regelrecht. Die Glöckchen klangen, als würden sie unter Wasser gespielt, was sie auch wurden, denn hinter ihm stand ein Bottich mit Wasser, in den er sie eintauchte. Gegen Ende der Performance gesellt sich Jan dazu, diesmal mit einer Art Flöte, die einen ganz speziellen Klang von sich gab und mit ihrer Melodie, vielleicht ganz unbeabsichtigt, regelrechte Märchenlandschaften heraufbeschwor, wahrscheinlich dort oben aus dem Norden, durchlöchert vom scheinbar fernen oder zumindest entrückten Getrommel von Trilok. Auf jeden Fall bestätigten diese Klänge die These, die man Jans Spiel angeheftet hat, nämlich dass es sich um sehr intensive und extrem visuelle Musik handelt.
Den ganzen Abend über war so Musik zu hören, die ganz unverhohlen mit jener ursprünglichen, einfachen Schönheit flirtete, die auch ziemlich leicht zugänglich ist und sich meist gar nicht erst in anspruchsvollere Gefilde aufmachte, und wenn doch, dann eher zu einem Ausflug, bei dem man aus der Ferne zuschaut. Jedenfalls wäre es schwer, Leitlinien zu ziehen, die darauf hindeuten würden, dass Garbarek einst seine Inspiration aus dem Werk des extrem freigeistigen und avantgardistischen Saxofonisten Albert Ayler schöpfte. Heute bewegt sich diese Musik ganz im Bereich dessen, was dem Begriff „europäischer Jazz“ am nächsten kommt, jenem Cool Jazz, der mit radikalen, avantgardistischen Inhalten nicht mehr viel zu tun hat und sich sehr gut und plastisch mit dem Sound verbindet, dessen Schöpfer Pat Metheny ist.
Zweifellos etwas, das sowohl Jazz-Feinschmecker garantiert zufriedenstellt als auch alle, die mit dem Genre sonst eigentlich nichts am Hut haben. Neben der Musik selbst wirkten auch die einfachen, aber äußerst einfallsreichen Kulissen hervorragend, die perfekt mit der Musik verschmolzen. Diese Musik könnte man auch „Kammerjazz“ nennen, der offenbar ziemlich viele Fans hat, denn nach zwei Stunden Spitzenmusik musste die Gruppe von Jan Garbarek noch eine Zugabe spielen, bei der man zwar nicht erwarten konnte, dass sie auch wirklich eingefordert wird, aber sie wurde es, und das sagt sicher schon genug für sich.
Foto: Jani Lah
Setlist
Besetzung:
Jan Garbarek: Saxofon
Trilok Gurtu: Schlagzeug, Percussion
Yuri Daniel: Bass
Rainer Bruninghaus: Keyboards, Klavier