Freudiana

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Freudiana
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1990
Laufzeit: 75:32
Wertung: 4.5/5

1989 begannen zwei musikalische und produzentische Schwergewichte, Alan Parsons und Eric Woolfson, Musik für das elfte Album der kultigen Artrock-Gruppe The Alan Parsons Project (kurz TAPP) zu schreiben. »Freudiana« sollte die langjährige konzeptionelle TAPP-Tradition fortsetzen – geplant als Konzeptalbum über Leben und Werk des berühmten österreichischen Psychoanalytikers Sigmund Freud. Doch dann zerstritten sich Alan und Eric plötzlich, was die ursprünglichen Pläne von Grund auf über den Haufen warf.

Woolfson, des Lebens im Schatten von Alans Namen überdrüssig, wollte plötzlich eine konzeptionelle Rock-Oper schaffen, die gleichzeitig sein erstes Soloalbum werden sollte – was das Ende von The Alan Parsons Project bedeutete, noch bevor »Freudiana« fertiggestellt war. Alan blieb nichts anderes übrig, als den Aufnahmeprozess bis zum Ende durchzuhalten, allerdings unter der Bedingung, dass »Freudiana« der Titel des Albums/der Rock-Oper und des gemeinsamen Projekts bleibt. Der leider bereits verstorbene schottische Sänger und Keyboarder stimmte dem schließlich zu, obwohl er diese ambitionierte Rock-Oper über Sigmund Freud später als Beginn seiner eigenen Solo-Diskografie zählte – während manche »Freudiana« (fälschlicherweise) als elftes The Alan Parsons Project-Album einstuften, obwohl Alan dem immer entschieden widersprochen hat.

Die Entscheidung, »Freudiana« nicht unter dem TAPP-Namen zu veröffentlichen, war sowohl gut als auch schlecht. Gut, weil sich dieses Konzeptprojekt trotz ähnlicher stilistischer Ausrichtung wie beim letzten TAPP-Album, nämlich »Gaudi« (1987), deutlich von Alans und Erics bisherigen Unternehmungen unterschied. Zum ersten Mal setzten sie nämlich gesprochene Monologe ein, die das Konzept zusammenhielten, dazu weibliche Vocals und Elemente der Weltmusik, um den Effekt der (Prog-)Rock-Oper noch zu verstärken. Andererseits war das Album gar nicht so grundverschieden von ihren früheren konzeptionellen Werken – mit einer Reihe stilistischer Gemeinsamkeiten und Songs verschiedener Sänger, die durchaus Hitpotenzial hatten. Aus kommerziellem Blickwinkel war die Entscheidung für das Freudiana-Projekt statt einer TAPP-Fortsetzung ein Fehler; gleichzeitig enttäuschten sie damit zahlreiche Fans, die die kultische Artrock-Gruppe durch die Siebziger und Achtziger treu unterstützt hatten.

Woolfson hat sich voll und ganz in das Freud-Konzept hineingefuchst – er reiste sogar nach Wien und durchforstete historische Archive über Freuds Leben, wo er sogar die Namen und Titel einiger seiner Patienten fand, die dann zu Figuren auf einzelnen »Freudiana«-Songs wurden (Little Hans, Dora, Wolfman, Ratman und Richter Schreber). Alans und Erics Begleitmannschaft war dieselbe wie bei »Gaudi«, mit dem schottischen Gitarristen Ian Bairnson in der Hauptrolle, während unter den Gastsängern Eric Stewart (ex-10cc), Leo Sayer, John Miles und Chris Rainbow (ex-Camel) herausragten. Die Hauptgesangsrolle gehörte natürlich Woolfson, der seinen Gesang auf vier »Freudiana«-Songs beisteuerte. Parsons wirkte auf dem Album als Produzent und zusätzlicher Keyboarder mit. Die Direktion der einzelnen Arrangements übernahm der langjährige TAPP-Weggefährte, Komponist, Arrangeur und Dirigent Andrew Powell.

»Freudiana« eröffnet im Stil der langjährigen TAPP-Tradition mit einem Instrumental. »The Nirvana Principle« war tatsächlich eines der stärkeren Instrumentals aus der Zeit, als Herr Parsons noch mit Woolfson zusammenarbeitete. Elektronische rhythmische Nuancen sind mit pompösen orchestralen Arrangements durchwoben, aus denen dramatische Saxofonpassagen herausstechen – zusammen entfalten sie eine grandiose Eröffnungsatmosphäre. Auf dem Titelstück, einer mächtigen Power-Ballade mit einigen Elementen der Weltmusik, glänzt Woolfson in der Hauptgesangsrolle mit seiner charakteristischen Klangfarbe und seinem melodisch-melancholischen Gesangsansatz. Im Hintergrund begleiten ihn subtile Synthesizer-Texturen und ‚trauernde‘ Gitarrenpassagen, die die nostalgische Atmosphäre wunderbar aufrechterhalten. In den goldenen TAPP-Zeiten wäre diese ausgezeichnete Power-Ballade höchstwahrscheinlich zumindest ein kleiner Radiohit geworden.

Das druckvolle »I’m a Mirror«, wo die ambitionierte Rock-Oper vorübergehend ins Feld des melodischen Rock/AOR wechselt, mit orchestralen Arrangements dazwischen, hat Leo Sayers Gesangsbeitrag zu bieten. Der legt mit seinem energischen Ansatz eine starke Leistung hin, während Bairnson mit geschärften Gitarrenpassagen demonstriert, warum er von allen musikalischen Mitarbeitern am längsten mit Herrn Parsons zusammengearbeitet hat. Das schelmisch-verspielt anmutende »Little Hans« mit Hauptsänger Graham Dye (ex-Scarlet Party), der so eine Art vokales Hybrid zwischen John Lennon und Paul McCartney ist, klingt wie ein verlorener The Beatles-Song. »Dora« ist eine weitere nostalgische Power-Ballade mit Woolfsons ausgezeichneter, emotional hochengagierter Gesangsdarbietung und grandioser Orchesterkulisse – womit es stark an einige frühere TAPP-Balladen erinnert.

Auf der unterhaltsamen Burleske »Funny You Should Say That« glänzt die britische A-cappella-Gruppe The Flying Pickets mit komischen Gesangseinlagen – mit typisch englischen Stimmmanierismen erzeugen sie eine authentische viktorianische Atmosphäre, obwohl sie eigentlich den Eindruck Wiens um die Jahrhundertwende erzeugen sollten. Die komischen, stellenweise beinahe operettenhaften Gesangslinien gestalten ein therapeutisches Gespräch zwischen Freud und einem seiner traumatisierten Patienten, während im Hintergrund prächtige orchestrale Vorhänge wogen. »You’re On Your Own« ist eine waschechte Poprock-Nummer, die instrumental und ambient unter die ‚vollblütigen‘ TAPP-Schöpfungen fallen würde, wäre da nicht erstmals eine Frau mit dabei – Sängerin Kiki Dee. Sie ist vor allem für ihre erfolgreiche Zusammenarbeit mit Elton John bekannt.

Die Ballade »Far Away From Home« enthält feierliche orchestrale Arrangements, während sich das A-cappella-Kollektiv The Flying Pickets bei den Vokalharmonien erneut von seiner besten Seite zeigt. »Let Yourself Go«, wo man erneut von einem ‚vollblütigen‘ TAPP-Song sprechen könnte, enthält minimalistische Basslinien unter der Regie von Laurence Cottle sowie nostalgische ambientale Vorhänge, während Woolfson sein gesangliches Pensum erneut ausgezeichnet erfüllt. Zwischenzeitliche Bläsereinlagen peppen das Ganze schön auf und verleihen ihm einen zusätzlichen Hauch von Raffinesse. »Beyond the Pleasure Principle« ist ein weiteres erlesenes Instrumental mit pompösen orchestralen Arrangements, das stellenweise wie ein vergessener Song vom TAPP-Klassiker »The Turn Of A Friendly Card« (1980) klingt.

»The Ring«, wo der stets brillante Eric Stewart in der Rolle des Hauptsängers glänzt, gehört zu den artistischen und ambientalen Höhepunkten von »Freudiana« – es klingt stellenweise wie eine äußerst interessante Kreuzung zwischen TAPP und 10cc, also zwischen den Stilen beider legendärer Artrock-Gruppen. Mit seinem melodischen und perfekt arrangierten Refrain, dazu dramatischen Mehrstimmigkeiten und unterhaltsamen Gitarrenvariationen, hätte er sich zweifellos einen Hitstatus verdient. »Sects Therapy« ist eine weitere unterhaltsame viktorianische Burleske, wo der anerkannte englische Komiker Frankie Howerd mit seiner theatralischen Gesangsdarbietung auftrumpft.

Auf der Liebesballade »No One Can Love You Better Than Me« glänzen gleich vier verschiedene Sänger – Woolfson, Kiki Dee, Marti Webb und Gary Howard –, die sich gegenseitig hervorragend abwechseln und für einige faszinierende Vokalharmonien sorgen, während im Hintergrund wundervolle orchestrale Vorhänge wogen, unterstützt von melancholischen Gitarrenvariationen. »Don’t Let The Moment Pass« ist die nächste Liebesballade mit reichem orchestralen Prunk, auf der Marti Webb ihren gesanglichen Stempel hinterlässt – neben Kiki Dee eine weitere Sängerin mit wundervoller Klangfarbe und beneidenswertem Stimmumfang. Eric Stewart kehrt als Hauptsänger auf dem ausgezeichneten »Upper Me« zurück, das mit seinem Ambiente und seiner Arrangementstruktur an die goldenen TAPP-Zeiten erinnert. Bairnsons fantastisches Gitarrensolo verstärkt die elektrisierende romantische Atmosphäre noch weiter. Das ist nicht nur einer der besten Songs auf »Freudiana« – diese ‚Prog-Pop‘-Leistung hätte ein paar Jahre früher ganz sicher Hitstatus erlangt.

Das Instrumental »Freudiana«, das das tragende Motiv des gleichnamigen Vokalsongs aufgreift, ist vollgepackt mit pompösen Arrangements, in denen die Gastorchestersektion besonders auftrumpft. »Destiny« ist von A-cappella-Vokalharmonien unter der Regie von Langzeitweggefährten Chris Rainbow geprägt. Die abschließende Power-Ballade »There But For the Grace of God« besticht durch eine beinahe religiöse Atmosphäre und eine brillante Gesangsdarbietung von John Miles – von dem man sagen muss, dass seine Stimme leicht an Gary Brooker (Procol Harum) erinnert. Miles‘ emotional meisterhafter Gesang wird von subtilen Klavierarrangements und weiblichen Begleitharmonien getragen, was das Album (und sein Konzept) gemeinsam auf die bestmögliche Weise abschließt.

Die Rock-Oper »Freudiana« war ein außerordentlich ambitioniertes Projekt unter der Regie des Traumgespanns Parsons-Woolfson und würde sich auch im Vergleich mit der Diskografie von The Alan Parsons Project ziemlich weit oben einreihen. Einerseits ist es wirklich schade, dass Alan und Eric wegen dieses Projekts, in das Woolfson enormen intellektuellen und künstlerischen Einsatz gesteckt hat, die legendäre Band aufgelöst haben und jeder seinen eigenen Weg gegangen ist. Andererseits war klar, dass sie auf die bisherige Art und Weise nicht mehr miteinander arbeiten konnten – ihre Vorstellungen von der musikalischen Zukunft begannen sich immer stärker zu unterscheiden, und Eric zog es zunehmend ins Theater. Interessanterweise erschien »Freudiana«, das das Ende einer sehr erfolgreichen Ära markierte, ursprünglich in zwei Versionen: der ‚weißen‘ und der ’schwarzen‘. Die ‚weiße‘ Version, um die es in dieser Rezension geht, ist auf dem Markt noch relativ leicht erhältlich, während die ’schwarze‘ Version als Doppelausgabe erschien und auf der Bonus-Disc seltene Aufnahmen aus der Theaterversion der gleichnamigen Rock-Oper enthielt. Letztere, die ’schwarze‘ Version von »Freudiana«, die Woolfson als Beginn seines Solowegs zählte, ist längst vergriffen und gilt unter Sammlern als große Rarität.

Besetzung

Alan Parsons – Produzent, zusätzliche Keyboards, Toningenieur
Eric Woolfson – Keyboards, Hauptgesang auf den Songs 2, 5, 9 und 13
Laurie Cottle – Bassgitarre
Stuart Elliott – Schlagzeug, Percussion
Ian Bairnson – Gitarre
Richard Cottle – Synthesizer, Saxofon
Leo Sayer – Hauptgesang auf 3
Graham Dye – Hauptgesang auf 4
The Flying Pickets – Hauptgesang auf 6 und 8
Kiki Dee – Hauptgesang auf 7 und 13
Eric Stewart – Hauptgesang auf 11 und 15
Frankie Howerd – Hauptgesang auf 12
Marti Webb – Hauptgesang auf 13 und 14
Gary Howard – Hauptgesang auf 13
Chris Rainbow – Hauptgesang auf 17
John Miles – Hauptgesang auf 18
Andrew Powell – Arrangements, Dirigent

Produktion

Alan Parsons

Tracklist

1. The Nirvana Principle instrumental (3:45)
2. Freudiana (6:21)
3. I Am A Mirror (4:07)
4. Little Hans (3:15)
5. Dora (3:51)
6. Funny You Should Say That (4:36)
7. You’re On Your Own (3:54)
8. Far Away From Home (3:12)
9. Let Yourself Go (5:26)
10. Beyond The Pleasure Principle instrumental (3:14)
11. The Ring (4:23)
12. Sects Therapy (3:40)
13. No One Can Love You Better Than Me (5:41)
14. Don’t Let The Moment Pass (3:41)
15. Upper Me (5:16)
16. Freudiana instrumental (3:43)
17. Destiny (0:51)
18. There But For The Grace Of God (5:56)

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