FM: Tough It Out Live
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 9. 4. 2021
Albumlänge: 113.18 min (2CD)
Genre: AOR
Bewertung: 9.0/10
Wenn uns das Album »The Italian Job« unter den neuen Konzertveröffentlichungen des Jahres 2019 noch etwas untergehen konnte, dann geht sein Nachfolger — sprich: das neue Konzertdokument der langlebigen AOR-Legenden FM aus Großbritannien — definitiv nicht mehr unter dem Radar durch. Die Band, die ohne weiteres eine weitere Erfolgsgeschichte à la Def Leppard hätte schreiben können, wenn die Musikkonzerne nicht anders entschieden hätten, veröffentlichte 1989 ihr zweites Studioalbum mit dem Titel »Tough It Out«. Was bedeutet das? Über 30 Jahre sind seit dessen Erscheinen vergangen, und FM haben sich entschieden, das Album in seiner Gesamtheit ins Konzertprogramm aufzunehmen. Die Band brach im Dezember 2019 zu einer Tour auf, bei der FM von Gun und Dan Reed Network begleitet wurden. Natürlich eine Britannientour — denn außerhalb der Insel bekommt keiner dieser Bands irgendjemand mit.
2016 veröffentlichte die Gruppe »Indescreet 30«. Wie der Name schon andeutet, werden Kenner sofort merken, dass es sich um eine »Auffrischung« des Klassikers »Indiscreet« (1986) handelt — des Debüts, das so mit aktualisierten und frisch arrangierten Arrangements wiedergeboren wurde. Auf diese Weise feierten sie damals den 30. Geburtstag des Erstlingswerks. Diesmal aber wurde das dreißigjährige Jubiläum von »Tough It Out« kurzerhand mit einem Konzertprogramm begangen.
Und? Großartige Setlist. Kein einziger Track vom Album »Indiscreet«. Auf den ersten Blick liest sich das wie eine Sünde, die nichts auswäscht — doch FM haben sich auf der zweiten CD auf andere Weise freigekauft. Was man auf »Tough It Out Live« bekommt, ist neben der kompletten Aufführung dieses Albums ein Haufen Überraschungen mit Songs, die FM in den letzten Jahren eher selten ins Programm genommen haben. Treue Fans werden also mehr als begeistert sein. Das ist ein zusätzlicher Anziehungspunkt dieses Konzertdokuments.
Die Band spielt brillant. Egal ob Dezember 2019, egal ob Songs aus weiter zurückliegenden Zeiten. Das muss man gar nicht extra betonen. Overland ist mit den Jahren ein immer besserer Sänger geworden. Es ist schlicht erstaunlich, wie sehr sich seine Stimmfarbe all die Zeit lang keinen Deut verändert hat. Als wäre er für 30 Jahre aus der Vergangenheit in die Gegenwart versetzt worden — oder umgekehrt. Overland ist brillant und einer der besten Hard-Rock-Sänger Großbritanniens. Kein Thema. Erst recht, wenn wir über Hard Rock und AOR reden. Der Kern der Besetzung bleibt über die Jahre intakt. Neben Overland sind das das Rhythmusgespann Pete Jupp (Schlagzeug) und Merv Goldsworthy (Bass)! Vervollständigt wird die Aufstellung durch zwei etwas jüngere Herren: Keyboarder Jem Davis und den besonders faszinierenden Gitarristen Jim Kirkpatrick, dem rein gar nichts entgeht. Die Band hat die Arrangements genial neu definiert bzw. veredelt — wobei es eigentlich keine große Hexerei war. Das Originalalbum wird sehr korrekt und nah am Originalklang umgesetzt, aber man muss dazu 30 Jahre Streckenlänge und die Reife der Crew addieren. Jim Kirkpatrick ist schlichtweg außergewöhnlich. Die entscheidende Frage beim Gitarristen ist ja immer: »Wie klingt das Ganze, wenn auf dem Original ein früherer Gitarrist gespielt hat?« Während der Aufnahme auf der ersten CD kündigt Overland als Keyboarder das Originalmitglied an, das auf »Tough It Out« gespielt hat. Didge Digital — dieser Spitzname war schon immer irgendwie verdächtig. Ist das ein Witz oder ernst gemeint? Ich kann’s nicht nachprüfen. Die Band entfaltet eine beeindruckende Klangwand und eine saftige Fülle im Sound.
Die zweite CD ist also ein Leckerbissen der besonderen Art. Es handelt sich um eine Zusammenstellung unveröffentlichter Konzertaufnahmen, unter denen sich ein Haufen angenehmer Überraschungen und echter Raritäten befinden. Wie gesagt — »Indiscreet« wird komplett ignoriert, und dennoch: Die Kompensation rechtfertigt das. Der Track Dangerous stammt etwa aus der Zeit des »Indiscreet«-Albums und war als Bonus verfügbar (BBC Sessions). Platz blieb also für das etwas übersehene »Aphrodisiac« (1992), aus dem Hard Day In Hell, Breathe Fire und Blood And Gasoline stammen. Dazu kommen zwei Tracks vom dritten Album »Taking it to the Streets« (1991): Only the Strong Survive sowie das abschließende I Heard It Through the Grapevine (orig. Marvin Gaye), mit dem FM zur Zeit der Veröffentlichung immerhin ein bisschen Kasse gemacht haben. Die Band hat außerdem drei Konzertversionen von Songs des Albums »Metropolis« (Wildside, I Ain’t the One und Hollow) beigesteuert, das 2010 erschienen ist.
Kurzum: »Tough It Out Live« ist nicht nur Pflicht für alle Fans der Band, sondern auch ein äußerst nützliches Einstiegsdokument — ein Punkt, von dem aus jeder frischgebackene Liebhaber des archaischen AOR-Genres einsteigen und eines der besten Alben der Bandkarriere kennenlernen kann, das man heute im Handel kaum noch physisch auftreiben kann. Digitalisierung hat in diesem Fall tatsächlich einen Vorteil. FM bleiben ein Begriff. Eine der Ikonen der AOR-Musik der britischen Inseln. Fast vierzig Jahre nach der Bandgründung kann man sagen: immer noch ein viel zu gut gehütetes musikalisches Geheimnis aus der Geschichte des Rock’n’Roll, das für sein Schaffen deutlich mehr Anerkennung verdient hätte.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
CD1
1. Intro
2. Tough It Out
3. Don’t Stop
4. Bad Luck
5. Someday (You’ll Come Running)
6. Everytime I Think Of You
7. Burning My Heart Down
8. The Dream That Died
9. Obsession
10. Can You Hear Me Calling?
11. Does It Feel Like Love
12. Feels So Good
CD2
1. Digging Up The Dirt
2. Tough Love
3. Hollow
4. Dangerous
5. Hard Day In Hell
6. Wildside
7. Breathe Fire
8. Only The Strong Survive
9. Blood And Gasoline
10. I Ain’t The One
11. I Heard It Through The Grapevine
Besetzung:
Steve Overland – Gesang, Gitarre
Jim Kirkpatrick – Gitarre
Jem Davis – Keyboards
Merv Goldsworthy – Bass
Pete Jupp – Schlagzeug
