Flying Colors
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Flying Colors
Label: Provogue Records
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 59:40
Bewertung: 4.5/5
»Amerikanischer Neo-Progressive-Rock« ist zweifellos ein hässliches, grobes und bei weitem zu vages Genre-Etikett, zu dessen Hauptprotagonisten – man könnte sie sogar als Begründer bezeichnen – in den Neunzigern mit ihrem Auftauchen auf der Szene Spock’s Beard gehörten. Sie gelten bis heute als eine Art Antwort auf das Ausdrucksvokabular des Post-Genesis-Prog-Rocks britischer Bands, am völlig anderen Ende der Welt. Wenn Genesis für manche die Grundlage ist, auf der sie ihren Prog-Rock aufbauen, ist es für die Amerikaner ohne Zweifel in erster Linie Kansas.
Die Amerikaner hinkten im eklektischen Bereich des symphonischen Progressive Rock den Europäern stets hinterher. Erst mit dem Aufkommen von Kansas gelang es ihnen, überzeugend auch in das Terrain der Verbindung symphonischer Elemente mit der Esoterik atemberaubender Solo-Abenteuer und der Kombination anspruchsvollerer rhythmischer Texturen vorzustoßen. Natürlich wurden Kansas ihrerseits zunächst von Yes beeinflusst, einer europäischen Band also. Oft, wenn auch nicht zwingend, trifft es sich, dass amerikanische Prog-Rock-Bands besser in der Fusion von Jazz- und Rock-Elementen aufgestellt sind als europäische. Ebenso entwickeln sie ihre Atmosphären nicht in düsteren Welten, die dir Himmel und Hölle zugleich zeigen, sondern kreieren stets eine positive Stimmung klanglicher Wärme, vorwiegend verspielt und gelegentlich sogar mit einem Hauch naiver Charakternatur.
Diese lange Einleitung hat ihren Sinn. Ohne sie gäbe es heute Flying Colors nicht. Denn sie sind eine neue amerikanische Prog-Rock-Supergroup, die in ihren Reihen erfahrene und hochgeschätzte Musiker mit unangreifbarem künstlerischen Stammbaum vereint. Zählen wir sie auf. Das erste Highlight ist das Dixie Dregs-Gespann Steve Morse (Gitarre) und Dave LaRue (Bass). Für die berühmte schlagzeugerische Verspieltheit sorgt der ehemalige Dream Theater-Großmeister Mike Portnoy, die Arrangements können und wollen die unverkennbare kompositorische Feinmechanik von Neal Morse (Solo, ex-Spock’s Beard) nicht verbergen, während der Gesang des weniger bekannten Casey McPherson (Alpha Rev, ex-Endochine) das i-Tüpfelchen bei der Suche nach einzigartigen und unverwechselbar klingenden Attributen in der Musik von Flying Colors setzt! Er ist ein Sänger mit einem außerordentlich interessanten Charakter an vokaler Klangfülle, der wie gegossen in Verbindung mit dem künstlerischen Anspruch der Musik von Flying Colors funktioniert.
Die Auflistung der Mitglieder dieser Supergroup in dieser Rezension ist eigentlich unumgänglich. Warum? Weil das Album »Flying Colors« ein Dokument einer außerordentlich gelungenen spektralen Verteilung von Splittern des musikalischen Vokabulars der Stammgruppen ist, denen die Musiker in dieser neuen Supergroup angehören. Allein der Klang der Drums sowie die typischen Übergangs-»Rollings« verbergen keinen Moment lang, dass dort ein ehemaliger »Dream-Theater-Mann« sitzt; die Gitarrensoli verraten klar, dass sie nur von der einzigartigen Technik jenes Mannes gespielt werden können, der mit seiner Ausstrahlung zwei Kansas-Alben der Achtziger geprägt hat, der Hauptträger des Klangs von Dixie Dregs ist und der seit 1994 das Klangbild aller neuen Studioalben der Metal-Urväter Deep Purple entscheidend mitprägt. Da ist der einzigartige Bassist Dave LaRue, der Portnoy mühelos auf Schritt und Tritt folgt und damit nur bestätigt, dass es kein Zufall war, dass ihn auch der Begründer des Gitarrenrocks Joe Satriani zur Zusammenarbeit eingeladen hat.
Keyboarder Neal Morse verdient einen eigenen Absatz in dieser Rezension, denn Neal ist die Schlüsselfigur dafür, dass das Debüt von Flying Colors eher kompakt wirkt, melodisch durchweg leichter zugänglich ist und in den Songstrukturen die Klarheit von »Kopf und Schwanz« (eine klar ausgearbeitete »Strophe – Refrain«-Verbindung) wahrt. All das verkörpert sowohl in seiner Zeit als auch noch heute die Musik von Spock’s Beard, woraus sich auch die musikalische Reifung des Musikers beim Hören von Kansas, The Beatles, Yes,…. ablesen lässt. Natürlich lässt Neal Morse in die Arrangements der Flying Colors-Songs seinen Stempel aus seinen Soloalben einfließen. Ein interessantes Abenteuer gönnt sich Meister Neal Morse im Song Everything Changes. Dieser nähert sich nach drei Minuten Spielzeit motivisch (bedingt durch die Keyboard-Arrangements) hauchzart dem Supertramp-Sentiment der späten Siebziger und dem Kultalbum »Breakfast in America« (1979) an. Intro und Outro von Everything Changes hingegen ziehen zur feierlichen Sinfonik der altehrwürdigen Kansas-Schule hin, die später durch den Einbezug von Streicher-Arrangements noch deutlich vertieft wird.
Die Refrains der Songs sind ausgearbeitet, melodisch vollendet, von außerordentlich ansteckendem Charme. Die Songs erreichen damit ein hohes Maß an Lebendigkeit, das Album als Ganzes eine ausgesprochen dynamische Entwicklung. Sei es einer der markantesten Refrains in Kayla, wo die Band die Melodie bravourös mit mehrstimmigem Gesang harmonisiert, das einleitende Blue Ocean, das bereits erwähnte feierliche Everything Changes, das leichtfüßige Love Is What I’m Waiting For, das verträumte Better Than Walking Away oder das düster-gereizte Shoulda Coulda Woulda, das mit seinen Eigenheiten auf dem Album zweifellos heraussticht. Der Song mit dem größten Überschuss an Prog-Rock-Charme ist das abschließende Infinite Fire, wo sich die Band in strahlender Meisterschaft mit den Eigenheiten der Jazz-Rock-Fusion des »Wirbelns auf amerikanisch« auseinandersetzt und dem Ganzen erneut das bekannte symphonische Element des Kansas-Charmes hinzufügt. Dann ist da noch eine absolute Besonderheit des Albums: All Falls Down, das sich in den Arrangements mit seinem symphonischen Element hauchzart den Errungenschaften des Euro-Power-Metal annähert (ein so gesetzter Refrain würde in einem anderen Studioumfeld von Metallern vom Schlage Jag Panzer teuflisch gut ausgenutzt und in eine ganz andere Dimension gehoben werden). Neben Shoulda Coulda Woulda (Intro) ist All Falls Down auch der Moment des Albums, der sich in der Folge am stärksten den Elementen des Prog-Metal annähert. Das gemächliche Fool In My Heart ist Mike Portnoy auf den Leib geschrieben. Es ist die persönliche bekenntnishafte Note des Schlagzeugers in der Vokalinterpretation, und die exzellente Verbindung mit dem Werk von Neal Morse beweist einmal mehr, dass sich beide Musiker, die seit vielen Jahren zusammenarbeiten (Neal Morse Solo, Transatlantic,…), in einer haarspaltenden Manier kennen und dass es zwischen ihnen keine Geheimnisse gibt.
Das gitarristische Vokabular von Steve Morse ist, neben den vokalen Eigenheiten von Casey McPherson, das Zünglein an der Waage des Albums »Flying Colors«, das verhindert, dass die Songs zufällig den Kurven der Stammgruppen folgen, aus denen die in Flying Colors vereinten Musiker stammen. Natürlich liegt über den Songs durchgehend ein verlockendes Sentiment, das klar das Erbe der Musiker verkündet, doch kein einziger Song verfällt dem Gefühl, als würde es sich um eine Replikation der künstlerischen Ausdrucksweise von Dream Theater, Spock’s Beard, Neal Morse Solo, Kansas,… handeln.
Flying Colors sind eine triumphierende neue Supergroup! Das Debüt »Flying Colors« ist ein absolutes Unikum, das mit seinem musikalischen Vokabular in genau der richtigen Dosis die Fans jener Bands reizt, denen diese außergewöhnlichen musikalischen Talente der Flying Colors-Mitglieder angehören (in ihren vergangenen wie auch aktuellen Tätigkeiten), und zugleich eine einzigartige ausdrucksstarke Flexibilität und eklektische Breite erreicht, die die Band Flying Colors in aller Glaubwürdigkeit auf einen besonderen Platz stellt – weshalb wir nur hoffen können, dass dies zur künftigen Konstante wird, dass noch das ein oder andere Studioalbum erscheint und die Fans auch mit Konzerttourneen begeistert werden.
Das Flying Colors-Debüt ist eine der interessantesten Schöpfungen, die der Progressive Rock im laufenden Jahr für neue Zeiten zugeschnitten zu bieten hatte – zugeschnitten in der charakteristischen amerikanischen Herangehensweise an dieses Genre, und damit mehr als eine willkommene Bereicherung der Plattensammlung für alle unter euch, die Scharfsinnigkeit, Originalität und musikalische Andersartigkeit unbedingt verlangen. Dieses Dreigestirn koexistiert in Flying Colors in einer einzigartigen Symbiose zwischen melodischer Ansteckungskraft und den bravourösen Kapriolen instrumentaler Akrobatik. Letztere ist durchgehend innerhalb der straffen Form der Songs kontrolliert, sodass diese niemals der Gefahr des »Fragmentierungs«-Syndroms unterliegen, sondern eine hohe melodische Anziehungskraft aufrechterhalten. Gerade das kann auch all jene unter euch ansprechen, die ihr mit dem sonst üblichen »Verkomplizieren« in der Musikkultur des (Sub-)Genre-Charakters „neuer amerikanischer Progressive Rock“ schwer zurechtkommt.
Besetzung
Casey McPherson – Gesang, Keyboards, Hintergrundgesang, Gitarre
Steve Morse – Gitarre
Neal Morse – Keyboards, Hintergrundgesang, Vokalduette
Dave LaRue – Bass
Mike Portnoy – Schlagzeug, Perkussion, Hintergrundgesang, Lead-Gesang in Track Nr. 10
Produktion
Peter Collins
Trackliste
1. Blue Ocean
2. Shoulda Coulda Woulda
3. Kayla
4. The Storm
5. Forever In A Daze
6. Love Is What I’m Waiting For
7. Everything Changes
8. Better Than Walking Away
9. All Falls Down
10. Fool In My Heart
11. Infinite Fire