Flucht aus dem Irrgarten
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Divje Jezero
Label: Celinka
Erschienen: 2017
Spielzeit: 50:44
Wertung: 4.5/5
Divje jezero sind eine Gruppe, wie es sie in Slowenien kaum gibt. Zumindest heutzutage nicht. Neben den Feedback aus Tolmin gehören die wackeren Idrijčaner zu den seltenen Vertretern eines heute archaischen Genres, das seinen Höhepunkt in den Siebzigern erlebte, als Return to Forever, Wheather Report und auch Mahavishnu Orchestra auf den Schwingen kommerziellen Erfolgs ritten und Billy Cobham, Jeff Beck und Herbie Hancock mit ihren Studioabenteuern das Zepter schwangen. In den fernen Siebzigern hatten auch wir Slowenen eine kräftige Basis an Musikern, die dieses Genre anzog. Da waren Predmestje, da waren Izvir. Man kann sagen, dass Divje jezero zusammen mit Feedback die legitimen Nachfolger beider slowenischen Gruppen sind. Eingeschränkt gesellen sich dazu natürlich noch die Ljubljanaer Moonlight Sky – mit allerdings einem starken Ethno-/World-Music-Element, dem man bei Divje jezero (bislang zumindest) nur selten begegnet, wenn überhaupt.
»Pobeg iz blodnjaka« ist in gerade mal zwei Jahren bereits das zweite Studioalbum der Gruppe, die in der Zwischenzeit zwischen den Alben keine Mitgliederwechsel in der Besetzung vorgenommen hat. Das ist sehr gut. Auch auf dem Album »Pobeg iz blodnjaka« halten Divje jezero an der bewährten Rezeptur fest, die auf dem exzellenten Studiodebüt vollblütig gezündet hatte – mit dem Unterschied, dass »Pobeg iz blodnjaka« nicht zwischen den Genres forscht wie das Debüt, sondern inhaltlich konzentrierter und stilistisch sowie klanglich klarer definiert ist (im Sinne des fortschreitenden musikalischen Visionärismus der Gruppe). Man kann sagen, dass Divje jezero auf dem Album »Pobeg iz blodnjaka« ihr artistisches musikalisches Ausdrucksvokabular noch klarer definiert haben – das Ergebnis ist ein Album strenger Revitalisierung der Jazzrock-Fusion.
Die Gruppe liefert ein neues, außergewöhnliches Geflecht aus neun vollblütigen, abwechslungsreichen Tracks. Bei aller Klangdichte, die ihre musikalische Landschaft zeichnet, drücken sich Divje jezero vorwiegend in weichen, pastellfarbenen Klangfarben aus. Vor allem dank des angenehmen und unprätentiösen Dialogs zwischen Bläsern (Klarinette, Saxofon), Tasteninstrumenten (E-Piano) und E-Gitarre. Letztere behält einen feinen halbakustisch-organischen Klang, scheut aber auch den übersteuerten Sound nicht, der zum Rockmoment des Albums beiträgt – obwohl die verzerrten Phrasen in der Produktion lieber gedämpft und hinter Tasteninstrumenten und Bläserarrangements verborgen bleiben, anstatt die Klanginitiative zu übernehmen und in den Vordergrund der Klanglandschaft zu treten.
Die führenden motivischen Strukturen sind durchsiebt und durchzogen von erstklassig attraktiver Arbeit der ungezähmten Eskapaden des hochkontemplativen Dialogs der Rhythmussektion. Plötzliche Sprünge in den führenden rhythmischen Schlüsseln gibt es auf dem Album in Hülle und Fülle – und Divje jezero fangen sich bei diesen Sprüngen ihres zügellos tobenden Spielritts stets gekonnt auf einer gemeinsamen Wellenlänge hoher spielerischer Harmonie. Die Band ist außergewöhnlich eingespielt, und dahin hat sie eine lange Strecke voller Schufterei, Schufterei und nichts als Schufterei geführt. Die Chemie zwischen den Bausteinen funktioniert einwandfrei. Deshalb ist es auch keine Frage, dass die Band das Album »Pobeg iz blodnjaka« im Studio nach dem Vorbild eines Live-Auftritts eingespielt hat – und das größtmöglich in einem einzigen Take. Wie in Zeiten, als man mit Aufnahmeband sparen musste. Also in der Ära der analogen Aufnahmetechnik.
Das Album verkörpert ein starkes Element spontaner und unerwarteter Entwicklungen, und Divje jezero reagieren darauf in progressiver Manier. Solistische Akrobatiken von Tasteninstrumenten, Gitarren und Bläsern spielen sich die Initiative in den Stücken gekonnt zu, wobei die Improvisationsformen keine übermäßige Auflockerung oder Fragmentierung der Kompositionen mit sich bringen. Neben der abwechslungsreichen und vielseitigen Arbeit am Schlagzeug muss man auf diesem Album unbedingt auch die Arbeit der Bassgitarre hervorheben. Ihr aktiver und dynamischer Resonanzklang erzeugt eine warme, organische Farbe. Die Basslinien sind mit außerordentlicher Weichheit und Gespür gespielt, mit dynamischem Einbringen hoher musikalischer Ästhetik – die aber alles andere als ein leichter Happen ist. Es handelt sich um komplexe Strukturen, die eine außergewöhnliche Eingängigkeit bewahren, während diese Basslinien gleichzeitig den nötigen Kontrast und die Erfüllung der Klanglandschaft hinzufügen. Stellenweise streift es auch den Funk Groove (Žirafe).
Alle neun Stücke liefern – ungeachtet der Leichtigkeit der Arrangements, die stets durch den roten Faden strukturierter Klarheit zusammengehalten werden – neun abgeschlossene Geschichten, klar definierte musikalische Charaktere. Diese Stücke liefern in ihrer konzeptuellen Bandbreite ein hohes Maß an expressiver Lebendigkeit. Darüber hinaus ist jedes Stück aus mehreren motivischen und rhythmischen Umschaltungen aufgebaut und bietet daher ein unglaublich begeisterndes Hörerlebnis: Bei aller Komplexität bewahrt und pflegt es durchgehend ein hohes Niveau der Musikalität, durch das zugleich beständig ein hochgradig schelmischer Ausführungskern aufblitzt – eine spielerische Hingabe, die nach technischer Makellosigkeit und Perfektion in der Ausführung strebt.
Divje jezero bewahren eine heitere und lebensfreudige Natur. Selten sind Momente nostalgischer Sehnsucht, die wehmütige Sentimentalität einbringen würden. So ist es auf einer der Kompositionspassagen des Stücks Marakeška tržnica, wo auch ein Element des Neoklassizismus aufblitzt, wie er im Progressive Rock stärker betont wird. Das Album trägt keine depressiven oder düsteren Momente und Gefühle. Die Strukturen sind – wie bereits erwähnt – funkelnd unterhaltsam, optimistisch-luzide bis schelmisch ausgerichtet, und durch sie ist der außergewöhnliche Schwung, den Divje jezero und ihre zügellose Spiellust ausstrahlen, mühelos spürbar. Die Jungs genießen schlicht und einfach, was sie tun – und das, was sie tun, beherrschen sie auch am besten (derzeit). Neben der erstklassigen Musik, von der »Pobeg iz blodnjaka« wieder so voll ist, werden besonders anspruchsvolle Hörer begeistert sein – vor allem Musikkenner, die ihren wählerischen musikalischen Appetit kaum stillen können. Glaubt mir: Bei der Musik der Gruppe Divje jezero gibt es kein Halbherziges, kein Mittelmaß. Das ist eine Gruppe, die nach klanglicher Ausführungsperfektion strebt. Dabei ist aber noch etwas sehr wichtig. Divje jezero spielen mit der Leidenschaft ungezügelter Emotionen und funkelnd herzlicher Hingabe an die musikalische Magie, für die ihr Herz schlägt. Und Divje jezero bleiben auch mit ihrem zweiten Album, dem exzellenten »Pobeg iz blodnjaka«, fest auf ihrem eigenen, ihnen ureigenen musikalischen Thron – dem in Slowenien kaum jemand (auch nur ansatzweise) ähnelt!
Divje jezero – Studioaufnahmen zu „Pobeg iz blodnjaka“ (offizielles Studio-Video, Teil 1):
Divje jezero – Studioaufnahmen zu „Pobeg iz blodnjaka“ (offizielles Studio-Video, Teil 2):
Besetzung
Alen Bogataj – Bassgitarre
Luka Čibej – Schlagzeug, Perkussion
Aleš Golja – Gitarre
David Križaj – Keyboards, Akkordeon
Tomi Peljhan – Saxofon, Klarinette
Produktion
Alen Bogataj, Luka Čibej & Aleš Golja
Trackliste
1. Pobeg iz blodnjaka/Escape From the Maze
2. Milano
3. Jutranji ples/Morning dance
4. Noč in dan/Night & day
5. Mornarska zmeda/Sailor’s Mess
6. Žirafe/Giraffes
7. Vzemi si trenutek/Take a Moment
8. Marakeška tržnica/Marakesh Market
9. Ob pravem času/On Time