First Utterance
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Comus
Label: Dawn Records
Veröffentlichung: 1971
Bewertung: 5/5
Comus war bei den alten Griechen der Gott der Zügellosigkeit und der Exzesse. Bei seinen berüchtigten Ritualen ging es zu wie auf einer wilden Orgie nach der anderen, meist unter dem Einfluss allerlei berauschender Substanzen, die sich später auch im Alten Rom ausbreiteten. Wie sein Vater Dionysos bzw. der römische Bacchus (die Mutter war Kirke, jene berüchtigte Nymphe, den meisten aus der Odyssee bekannt, die Reisende gern in wilde Tiere und Schweine verwandelte) war Komus dank seiner fleischlichen Rituale beim einfachen Volk ein verdammt beliebter Gott, während die damaligen Obrigkeiten vergeblich versuchten, den Einfluss seiner Anhänger einzudämmen. Und wie sich am Beispiel der Römer zeigte, hat ihnen gerade die übertriebene Verehrung am Ende auch das Genick gebrochen. Deshalb gilt er heute auch als Gott der Anarchie und des Chaos. Wozu jetzt diese kurze Geschichtsstunde aus der Antike? Die englische, obskure Prog-/Folk-Rock-Band Comus, die sich nach dem eben erwähnten Gott benannt hat und um die es in dieser Review geht, hat in ihrer Musik nämlich ziemlich viel mit ihm gemeinsam. Es handelt sich um eine ausgesprochen eigenwillige Band, die ihresgleichen suchte und die mit ihrer genialen, aber obskuren Musik offenbar nicht die geringste Hoffnung auf größere kommerzielle Bekanntheit hatte. Deshalb ist sie leider viel zu früh in die Musikgeschichte eingegangen, hat dafür aber ein Album geschaffen, das mit seiner Eigenwilligkeit bis heute die Gemüter erhitzt. Ihre Musik könnte man grob als experimentellen Folk Rock beschreiben, voller pastoraler Motive, zusammen mit für diese Art von Musik untypischen Arrangements und überwiegend düsteren (keinesfalls aber satanistischen) Texten. Comus ist eine der wenigen Bands, die sich getraut hat, die dunkle Seite des Folk Rock zu erkunden, und wer schnell Angst bekommt, sollte dieses Album definitiv nicht im Dunkeln hören, denn manche musikalischen Motive können einem ganz schön den Schreck in die Glieder jagen.
„First Utterance“, ihr erstes Album, ist eine eigenwillige und schon von Weitem erkennbare Kombination aus außerordentlich einfallsreichem und experimentellem Folk Rock, vollgepackt mit ausgeprägter Dramatik, Mystizismus und Pastorale, der aber keineswegs nur traditionelle keltische Folk-Rock-Elemente enthält, sondern in dem auch Spuren von Weltmusik zu entdecken sind. Obwohl sich in ihrer Musik viele traditionelle Elemente des britischen Folk Rock finden, steckt darin viel zu viel extrem experimentelles Arrangement und obskure, aber geniale musikalische Strukturen, wie sie sich etwa Fairport Convention nicht mal im Traum auszudenken gewagt hätten. Mit ihrer musikalischen Unberechenbarkeit sind Comus so die eigenwilligen Sonderlinge unter den frühen britischen Prog-Rock-Bands, zu denen sie zweifellos gehören, denn sie sind viel zu komplex, um sie bloß als Folk-Rock-Band abzustempeln. In ihrer kurzen Karriere haben sie gerade mit ihrem ausgesprochen obskuren, für musikalische Feinschmecker aber enorm spannenden Debüt ein Meisterwerk geschaffen, das einen bei jedem Hören bis heute immer wieder aufs Neue überrascht.
Auf „First Utterance“ muss man vor allem die einzigartige Stimmung hervorheben, die du bei kaum einer anderen Folk-Rock-Band finden wirst. Die Songs sind nämlich vollgestopft mit Motiven, wie man sie bei einem uralten heidnischen Ritual, einem Hexenfest oder einer barbarischen Orgie erwarten würde. Trotzdem weckt das beim Hörer keine „niederen Instinkte“. Eher würde ich das Gegenteil sagen. Vor allem dank der fantastischen Gesangsarrangements (männlich und weiblich), die zu den ungewöhnlichsten und originellsten gehören, die ich je in der Rockmusik gehört habe (da kommen vielleicht nur noch Gentle Giant ran). Diese vorhin erwähnte „antik“-mystische Atmosphäre begleitet die Musik von Comus die ganze Zeit. Der Rhythmus, der bewusst auf Handtrommeln basiert, ist geradezu primitiv-barbarisch (über die Definition von Barbarei ließe sich anderswo übrigens ausgiebig und endlos streiten), regelrecht schamanisch und setzt der gesamten Atmosphäre noch eins drauf. Die instrumentalen Arrangements an Flöte, Oboe, Violine sowie E- und Akustikgitarre sind von allererster Güte, und auch in dieser Hinsicht gehören Comus zu den besten Musikern ihrer Zeit. Eine Geschichte für sich ist Frontmann Wootton. In seinen Gesangsakrobatiken klingt er manchmal wie eine frühe Version von Marc Bolan aus seiner frühen, psychedelischen Phase mit Tyrannosaurus Rex (bevor er in Glam-Gewässer abbog und die E-Gitarre entdeckte), als er noch Lieder über Hobbits und Kobolde schrieb und sang wie jemand, der gerade im Schlaf von einem Birnbaumast gefallen ist. Doch im nächsten Moment klingt Woottons Stimme schon ganz anders. Auch ihre obskuren und überwiegend düsteren Texte sind wieder ein eigenes Kapitel. Du wirst vergeblich versuchen, zu ihrer wahren Bedeutung durchzudringen. Darin verweben sich mystische Bilder uralter Zeiten mit finsteren Themen wie Gewalt, Folter, Wahnsinn und sogar Vergewaltigung. Also bekannte Szenen, wie wir sie aus vielen griechischen Legenden kennen, und hier machen Comus ihrem Namen wieder mehr als alle Ehre. In der Rockmusik kenne ich nur noch eine einzige Band, die von solchen Themen so begeistert ist, aber musikalisch auf einem ganz anderen Ufer steht (die Power-/Prog-Metaller Virgin Steele). Der erste Song „Diana“ (offenbar eine Ode an die römische Göttin der Jagd und der Fruchtbarkeit) beginnt mit einem völlig unerwarteten bluesigen Riff. Dann folgt Woottons ausgeprägteste Interpretation von Bolans Gesang, zu der sich Arrangements an Violine und Oboe sowie ein weiblicher Begleitgesang gesellen. Eine fantastische Komposition, die für das Ohr des Durchschnittshörers aber definitiv ein Schock ist. Interessant: In den Momenten, in denen er nicht an Bolan erinnert, erinnert Wootton in diesem Song, wenn er mit aggressiverem Ton singt, sogar leicht an David DeFeis (Virgin Steele), noch so einen Liebhaber barbarischer Orgien und griechischer Mythen. Damit beweist er, dass er ein technisch sehr guter Sänger ist, der sich mit Begeisterung im Gesangsexperiment in den ungewöhnlichsten Formen austobt. Der engelsgleiche Frauengesang von Watson erzeugt dagegen die Stimmung einer längst vergessenen Epoche der Menschheitsgeschichte. Die ganze Stimmung erinnert wirklich an irgendeine Orgie oder ein heidnisches Ritual. Es folgt die erhabene, allegorische Ballade „The Herald“, eine wunderschöne Komposition, die alle Liebhaber des Mystizismus verzaubern wird, und auch alle, die vielleicht die Obskurität des ersten Songs abgeschreckt hat. Im ersten Teil ist sie eine verträumte Ballade, vollgepackt mit keltischem Mystizismus hoch fünf. Stell dir einen Chor aus Hexen, Druiden oder Elfen vor, die mitten im Wald im Kreis ums Feuer versammelt sind. Hier steht der elegische, oft geheimnisvolle und hallende Frauengesang von Bobbie Watson im Vordergrund. Im Song dominiert die schöne, romantische und ruhige Seite der Band. Im zweiten Teil hören wir dann Goring an der akustischen Gitarre in Bestform, die der Schönheit der gesamten Komposition noch einen draufsetzt, während Violine und Flöte ihr Melancholie verleihen. Comus konnten gleichzeitig so bizarr, zügellos und düster wie schön, mystisch und verträumt sein, und genau das machte sie so einzigartig. „Drip Drip“ ist eine weitere, längere Komposition mit epischem Motiv, die wiederum das komplette Gegenteil ihrer Vorgängerin ist. Ein Meisterwerk voller bester Folk-Elemente, mit Gitarre in Flamenco-Rhythmen und atemberaubendem Geschrubbe auf der Violine. Wootton spielt wieder mit seiner Stimme, die mal völlig klar ist, mal Bolan-mäßig „zugedröhnt“, an einen Satyr erinnert und manchmal sogar an Peter Gabriel (ex-Genesis)! Im letzten Teil des Songs hörst du so einige der ungewöhnlichsten und vielfältigsten Gesangsarrangements der Prog-Rock-Geschichte. „Song To Comus“ ist eine unglaublich komplex angelegte Ode an Komus mit glänzenden instrumentalen und gesanglichen Arrangements, vor allem an Violine und Flöte. Woottons Stimme erinnert hier ein bisschen an Roger Chapman (Family). Zweifellos eines der Highlights des Albums, das mit seiner enormen Bandbreite und originellen musikalischen Motiven begeistert. Der Text ist hier, wenig überraschend, voller Erotik. „The Bite“ ist eine weitere äußerst komplexe Komposition, in der eine wunderschöne Flöte, eine messerscharfe Violine und engelsgleicher Frauengesang die Hauptrolle spielen. Hier erinnert die Band, wenn man den Gesang weglässt, stellenweise sogar an eine bis zum Anschlag aufgedrehte Version von Jethro Tull. „Bitten“ ist das einzige Instrumental auf dem Album und noch so ein einzigartiges Meisterwerk. Es ist schlicht unglaublich, wie es der Band gelungen ist, in einen Song, der kaum länger als zwei Minuten dauert, so viele verschiedene musikalische Motive zu packen. Der Abschluss „The Prisoner“ basiert dann größtenteils auf Blues und Gitarre in Flamenco-Rhythmen. Er enthält viele der besten Elemente des englischen Folk Rock, vor allem aber Woottons Gesangsakrobatik.
„First Utterance“ ist ein verlorenes Meisterwerk und ein Muss für alle Liebhaber musikalischer Esoterik, Prog Folk, Folk Rock und frühen Progressive Rocks. Es ist ein großer Verlust für die Musikwelt, dass die Band nach diesem Album nur noch ein weiteres veröffentlichte (zu dessen Aufnahme sie von der Plattenfirma gezwungen wurde, was natürlich nichts Gutes bringen konnte), das aber nur ein blasser Schatten von „First Utterance“ war. Bei den Kritikern waren sie nämlich, wenig überraschend, ziemlich verhasst, obwohl sich sogar David Bowie für sie starkmachte und sie unterstützte. Für das ungeübte Ohr des Durchschnittshörers ist „First Utterance“ sicher eine ziemlich bizarre, schockierende und ungewöhnliche Angelegenheit, vor allem Woottons vielseitiger Gesang, der alle möglichen Gesangstricks einsetzt und sich dabei hemmungslos amüsiert, genau wie die meisten Bandmitglieder an ihren Instrumenten. All das könnte manch einem für seinen Musikgeschmack zu schockierend vorkommen. Aber glaub mir: Sobald du einmal den Kern erfasst hast und das Album dich einmal gepackt hat, wirst du nicht mehr aufhören können, es zu hören, und dich am Ende sogar fragen, warum du es nicht schon früher gehört hast. Heute gilt „First Utterance“ als eine der vergessenen Perlen des frühen Prog Rock und ist Pflicht für jeden ernsthaften Sammler dieses Genres. Ich hoffe nur, dass nicht irgendjemand nach übermäßigem Hören dieses zeitlosen Meisterwerks auf die Idee kommt, unter dem Einfluss bestimmter Substanzen zur Musik von Comus nackt mitten im Stadtpark zu tanzen und so die öffentliche Moral und das Wohl unseres lieben Vaterlandes zu stören.
Besetzung
Roger Wootton – Gesang, Akustikgitarre
Glen Goring – 6-12-saitige Akustikgitarre, E-Gitarre, Slide-Gitarre, Handtrommeln, Begleitgesang
Andy Hellaby – Fender-Bass, Slide-Bass, Begleitgesang
Colin Pearson – Violine, Viola
Rob Young – Flöte, Oboe, Handtrommeln
Bobbie Watson – Gesang, Percussion
Produktion
Barry Murray
Tracklist
1. Diana (4:37)
2. The Herald (12:12)
3. Drip Drip (10:54)
4. Song to Comus (7:30)
5. The Bite (5:26)
6. Bitten (2:15)
7. The Prisoner (6:14)
Spielzeit des Albums: 49:08