Expresso II
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Gong
Label: Virgin Records
Veröffentlichung: 1978
Laufzeit: 37:17
Wertung: 5/5
„Expresso II“ war stilistisch die Fortsetzung des makellosen Vorgängers „Gazeuse!“, was bereits der Titelname des Albums treffend veranschaulicht („Gazeuse!“ erschien in Nordamerika nämlich unter dem Namen „Expresso“). Darauf demonstrierten Gong erneut ihren spezifischen, melodischen Ansatz zur harmonischen Fusion von Jazz und Progressive Rock, getragen von starker Unterstützung durch die verschiedensten Perkussionsinstrumente. Die jazz-rock-fusionistische Version von Gong unter der Führung des legendären, leider mittlerweile verstorbenen französischen Schlagzeugers Pierre Moerlen hatte zwar eine gemeinsame Vergangenheit mit den originalen, psychedelisch-space-rockigen Gong unter der Führung des durch und durch intergalaktischen Gurus Daevid Allen, pflegte jedoch ab dem Album „Shamal“ (1975) eine völlig andere musikalische Vision, die nach dem Weggang des Kultgitarristen Steve Hillage und der Ankunft seines nicht minder namhaften Nachfolgers Allan Holdsworth (ex-Nuclues, Tempest, Soft Machine, UK) noch weiter aufblühte.
„Expresso II“ war das letzte Album von Moerlens Version von Gong, bevor sie sich in Pierre Moerlen’s Gong umbenannten, um mögliche Verwechslungen zu vermeiden, die durch das erneute Auftauchen von Allens Gong entstehen hätten können (die sich inzwischen langsam wieder aus dem post-psychedelischen Trauma zu erholen begannen). Dank Bands wie Weather Report, Brecker Brothers, Brand X, Colosseum II und letztendlich auch den Jazz-Pop-Rock-Pionieren Steely Dan war Jazz Rock Fusion gegen Ende der Siebziger auf dem Höhepunkt seiner Popularität, weshalb es höchste Zeit war, dass Moerlens Crew mit ihrer Version des melodisch geprägten, aber rhythmisch hochkomplexen Fusions mit diesem Album auch ein etwas breiteres Publikum überzeugt. Zu diesem Zweck vereinten Pierre, sein jüngerer Bruder Benoit und Pierres ehemalige Geliebte Mireille Bauer, die gemeinsam eine ungewöhnlich temperamentvolle und vielseitige Rhythmussektion bildeten, in der sich neben Schlagzeug meist auch die beliebtesten Perkussionsinstrumente fanden, ihre Kräfte mit Musikern wie dem bereits erwähnten Holdsworth, der auch den Großteil der Gitarrensoli beisteuerte, dem legendären Geiger Darryl Way (Curved Air, Darryl Way’s Wolf) sowie Mick Taylor, dem ehemaligen John Mayall’s Bluesbreakers- und Rolling Stones-Gitarristen, der die Riffs für den Eröffnungssong „Heavy Tune“ beisteuerte, wohl auch den bekanntesten Track des Albums.
Letzterer sorgt für eine denkbar energische Eröffnung des Albums und liefert gleichzeitig sofort die besten Qualitäten von Moerlens Gong. Die groovige Basslinie von Hansford Rowe ist von Taylors knallharten Rock-Riffs durchdrungen, während Holdsworth zwischendurch mit einigen besonders gewagten Soli aufwartet. Die farbenreiche Perkussionssektion hält vor allem über das Vibrafon das richtige Maß an Melodiosität und Raffinesse aufrecht, womit sie die atemberaubenden Soli des jazz-fusionistischen Gitarrenvirtuosen miteinander verknüpft. Allan ist einer jener seltenen, vielseitigen Gitarristen, die bei jeder Gelegenheit voller frischer Ideen waren und die wie aus dem Ärmel ein innovatives Gitarrenmotiv zaubern konnten. Taylors kantiges Riffing führt die Atmosphäre der Komposition fast in hartrockige Gewässer, sodass man hier fast schon von einer ausgesprochen saftigen Fusion aus Jazz, Ethno und Heavy Metal sprechen könnte. Für etwas dringend benötigte erneute Bekanntheit dieses zeitlosen Meisterwerks hat nach mehr als dreißig Jahren auch der „Fusion FM radio“-Sender im populären Videospiel „Grand Theft Auto IV“ gesorgt.
„Golden Dilemma“ ist ein weiteres hochkomplexes, aber glänzendes Stück, das in einem extrem schnellen Tempo mit einigen fast überschallschnellen Schlagzeugübergängen daherkommt. Das alles könnte in den Händen einer anderen Band schnell in disharmonisches Chaos ausarten, während Moerlen und seine Crew es trotz einer Reihe unerwarteter Soloeinlagen durchgehend schaffen, eine hypnotische Melodiosität und angenehme Atmosphäre aufrechtzuerhalten. Holdsworth wird diesmal am Gitarrenpart vom amerikanischen Gitarristen Bon Lozaga abgelöst (der sich später auch bei Gongzilla weiterentwickelt hat), der mit einigen mehr als lobenswerten Soli zu überzeugen weiß. Auch bei „Sleepy“ ist die Hauptattraktion Allans einleitendes Gitarrensolo, während Darryl Way durch mächtige Passagen auf der Violine die Komposition in fast neoklassizistische Gewässer führt. Für einen zusätzlichen Hingucker sorgt auch Rowes kurzer Solo-Einschub mit einigen fast schon unverschämt groovigen Basslinien, die an das Gezwitscher eines aufgebrachten Vogels erinnern. Das vielschichtige Perkussionsfundament, vor allem Mireilles Beitrag auf Marimba und Vibrafon, hält erneut die raffinierte Atmosphäre wunderbar aufrecht. „Soli“ sorgt für erstklassiges romantisches Flair, mit dem die Band den Hörer im Geiste mühelos irgendwo in Richtung der weiten afrikanischen Savannen inmitten eines goldrot schimmernden Morgenrots entführt. Dafür ist vor allem der geschickte Einsatz des Glockenspiels verantwortlich, das wie selbstverständlich Holdsworths innovative Gitarrenphrasen und Soli miteinander verbindet.
Trotz seines Titels ist „Boring“ alles andere als ein langweiliges Stück. Diesmal sorgt die Perkussion für einen Hauch östlichen, orientalischen Charmes, den Ways neo-klassizistische Passagen auf der Violine, die natürlich aus dem europäischen Musikerbe stammen, in eleganten Abständen durchschneiden. Diese erstklassige Fusion „zweier Welten“ sorgt für eine unvergessliche Atmosphäre, während man durchgehend die außerordentliche Chemie zwischen der Rhythmussektion sowie Bassist und Geiger spüren kann, die regelrecht darum wetteifern, wer das geistreichere Solo abliefert. Das abschließende Meisterwerk „Three Blind Mice“ sorgt für einen temperamentvollen Tanz von Glockenspiel, Xylophon, Röhrenglocken, Pauken und Vibrafon, während Holdsworth seine ganz eigene gitarristische „Magie“ entfaltet. Die Atmosphäre des Stücks passt durchaus zum Titel, denn sie ist leicht komisch und erinnert wirklich ans Rennen, Aneinanderrempeln und Stolpern der drei blinden Mäuse – was aber keineswegs bedeutet, dass es sich um rhythmisches Chaos handelt, denn die Rhythmussektion unter Pierres Führung erfüllt auch diesmal ihre Aufgabe hervorragend, wie ein echtes Perkussionsorchester.
„Expresso II“ ist ein weiteres jazz-rock-fusionistisches Schmankerl unter der Regie von Moerlens Gong, das noch heute alle Liebhaber innovativer und einfallsreicher Ansätze zur Fusion von Jazz und Progressive Rock genießen können. Das Album überrascht positiv mit einigen unerwartet rockigen Momenten, was aber keine sonderliche Überraschung ist, denn Holdsworth war, obwohl Jazz stets seine erste Liebe war, immer ein genreoffener Gitarrist. Pierre verstand es stets, die richtigen, meist bereits etablierten und hochkarätigen Musiker zu gewinnen, mit denen er größtenteils über seine gesamte Karriere zusammenarbeitete, und das zahlte sich meistens reichlich aus. Dennoch werden die Errungenschaften seiner Version von Gong leider viel zu oft vergessen, wenn die besten Jazz Rock Fusion-Gruppen aller Zeiten erwähnt werden.
Besetzung
Pierre Moerlen – Schlagzeug, Glockenspiel, Xylophon, Röhrenglocken, Pauken, Vibrafon
Hansford Rowe – Bassgitarre, Rhythmusgitarre (2)
Mireille Bauer – Marimba, Vibrafon
Benoît Moerlen – Glockenspiel, Vibrafon, Xylophon, Röhrenglocken, Claves
François Causse – Congas
GASTMUSIKER:
Allan Holdsworth – Gitarre (1,3,4,6)
Mick Taylor – Gitarre (1)
Darryl Way – Violine (3,5)
Bon Lozaga – Gitarre (2,3)
Produktion
Pierre Moerlen
Titelliste
1. Heavy Tune
2. Golden Dilemma
3. Sleepy
4. Soli
5. Boring
6. Three Blind Mice