Excellent Italian Greyhound
Künstler: Shellac (of North America)
Label: Touch and Go Records
Erscheinungsjahr: 2007
Laufzeit: 42:19
Wertung: 4.9/5
Welche Band könnte auf dem Albumcover einen von Obst und Gemüse umgebenen italienischen Windhund haben, den man von vorne von hinten sieht und von hinten von vorne? Shellac, klar. Der Hund auf dem Cover ist Uffizi, der Hund von Todd Trainer, dem Schlagzeuger der Band. Uffizi ist so eine Art Bandmaskottchen, er ist bei Proben dabei, bei Aufnahmen, und Todd behauptet, er flippt bei ihrer Musik total aus. Das sagt zwar nicht viel über das Album aus, ist aber genau die Art Anekdote, die der Band eine ganz eigene Identität verleiht. Und wenn irgendeine Band eigenständig ist, dann sind das sicher Shellac.
Natürlich macht so ein prächtiges Cover der Musik Konkurrenz. Shellac mussten Uffizis Erscheinung auf dem Cover irgendwie kontern, und dabei haben sie vielleicht sogar das beste Album ihrer Karriere erschaffen – obwohl ich eher sagen würde, dass alle ihre Alben das beste Album ihrer Karriere sind. Auf der einen Seite enthält Exellent Italian Greyhound alles, wofür der Name Shellac in den 90ern stand (und das natürlich bis heute), alle Ansichten von Steve Albini, auf der anderen Seite aber wirkt es unglaublich sophisticated, was man vielleicht zum ersten Mal auf einem Shellac-Album bemerkt. Diese Sophistication ist natürlich eine schwer greifbare Qualität bei Shellac, gerade wenn Albini von Schwänzen redet (»Genuine Lulabelle«), wenn er als letzter Mensch und DJ auf der Welt einzelnen Mädchen Tracks widmet (»The End of Radio«) und wenn er einfach so Exzentrizitäten rausblubbert (was zwar nicht Albinis Markenzeichen ist, aber den gesamten Zeitgeist der Indie-Szene der 80er und 90er widerspiegelt), aber man spürt sie unzweifelhaft in Albinis Gitarrensound, in der Verflechtung von Rhythmussektion und Gitarre, in der Verwischung der Rollen der Musiker, der Genres und der Ernsthaftigkeit der Aussagen der Band.
Exellent Italian Greyhound ist auf eine ganz besondere Art ein Denkmal für alle Bands, in denen Steve Albini war. Ich behaupte natürlich nicht, dass Steve sich musikalisch nicht weiterentwickelt, obwohl er mit seinen 50 noch immer aussieht wie ein (stereo)typisch verwirrter, etwas unordentlicher Student mit zu großen Brillen (womit er nicht einmal einen Hauch von Hipster-Image ausstrahlt, was heutzutage schwer zu erreichen ist), aber das Album baut genau auf allem auf, was Shellac außergewöhnlich macht, und davor Rapeman und Big Black. Steve Albini verfeinert trotz aller Unmöglichkeit immer noch seinen typischen robotisch-metallischen Gitarrensound, Weston erfindet wieder die unmöglichsten und vielfältigsten Kombinationen von Bassnoten (muss aber mal dem Bassisten-Klischee gerecht werden, sodass der Arme den gesamten Track »The End of Radio«, der gute 8 Minuten läuft und live sogar über 10 Minuten geht, ununterbrochen drei gleiche Töne spielt), und Trainer dreht das ganze Album über sowieso typischerweise voll durch. Die Texte sind eine Mischung aus genialer zeitgenössischer Poetik, Kritik und einfallsreichen Metaphern und unkontrollierten Schreien, blöden Phrasen, und sind insgesamt eine witzige und ehrliche Hommage an den Punk Rock und damit an Albinis unabhängigen Geist.
Doch das ist immer noch nicht der eigentliche Kern des Albums, das Mehr, das, was nicht bloß homage ist, falls ihr das Geschriebene so verstanden habt. Das ist trotz allem Musik, die durch mathematisch-progressive Strukturen noch immer intelligente, einfache und intelligent-einfache Lösungen bietet – nämlich die Verbindung einer ungezügelten Punk-Rock-Haltung, einer DIY-Technik, bei der man das Gefühl hat, alles sei so auf Anhieb entstanden, und wirklich progressiver, verdammt durchdachter Strukturen, klanglicher Nuancen, Akzente, Übergänge, Kontrapunkte, Atonalität, Dissonanz usw. Shellac verlassen sich nicht auf vergangene Ideen, sondern suchen noch immer nach neuen Lösungen, neuen Klängen – immer etwas Neuem, etwas Frischem, etwas noch nicht Gehörtem und damit Interessantem. Auch wenn euch die Musik nicht gefällt, könnt ihr nicht behaupten, so etwas Ähnliches schon gehört zu haben – außer vielleicht durch das Erbe der zuvor genannten (Albini-)Bands. Aber noch keine war so ausgefeilt, so vielschichtig und vollständig wie Shellacs Exellent Italian Greyhound.
Was also ist Excellent Italian Greyhound? Auf jeden Fall ein ziemlich spezifisches Album für ein ziemlich spezifisches Publikum. Kein Punk Rock. Kein Math Rock. Kein Noise Rock. Weder Klamauk noch ernsthaft. Ernsthaft, was ist Excellent Italian Greyhound überhaupt? Was zum Teufel stellt dieser von Obst und Gemüse umgebene italienische Windhund dar? Alles, was in der Kunst wesentlich, ursprünglich und letztlich gut ist, und gleichzeitig den Repräsentanten eines ganz besonderen Zeitgeists, einer Philosophie, einer Denkweise und eines Einfallsreichtums? Oder, wie Albini es bescheiden immer wieder sagt, einfach nur gewöhnliche Musik, die eine gewöhnliche Band macht? Auf beides lässt sich mit Ja und Nein antworten. Excellent Italian Greyhound ist also vor dem eigentlichen Hören des Albums nur ein Schrödingerscher Hund, doch durch das Hören kann er werden – alles.
Besetzung
Steve Albini – Gitarre, Gesang
Bob Weston – Bass, Gesang
Todd Trainer – Schlagzeug
Produktion
Steve Albini
Trackliste
1 The End of Radio
2 Steady As She Goes
3 Be Prepared
4 Elephant
5 Genuine Lulabelle
6 Kittypants
7 Boycott
8 Paco
9 Spoke