Everything Must Go
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Steely Dan
Label: Reprise Records
Erscheinungsjahr: 2003
Laufzeit: 42:24
Wertung: 4/5
Die alten Musikfüchse, Keyboarder und Sänger Donald Fagen sowie Gitarrist/gelegentlicher Bassist Walter Becker, die unter dem Namen Steely Dan in ihrer inzwischen mehr als fünfunddreißigjährigen Karriere den Begriff jazz-rockiger Raffinesse geprägt haben, ruhten sich nach dem großen Comeback-Album „Two Against Nature“ (2000), mit dem sie den Grammy für das Album des Jahres und eine ganze Reihe anderer Auszeichnungen einheimsten, nicht auf ihren Lorbeeren aus. Ihr unerwartet überaus erfolgreiches Comeback in der Musikszene setzten sie mit dem Album „Everything Must Go“ fort, das nach ihrer klassischen, unverwechselbaren jazz-rockigen, dabei rhythmisch stets unberechenbaren Rezeptur geschrieben wurde – es brachte ihnen jedoch bei weitem nicht den kommerziellen Erfolg wie sein Vorgänger. Bislang bleibt es das einzige Steely Dan-Album, das in den Verkaufscharts keinen Goldstatus erreichte, was sie freilich nicht sonderlich beschäftigte, da sie in ihrer reichen Musikkarriere praktisch alles gewonnen hatten, was es zu gewinnen gab. Mit scheinbarer Leichtigkeit und mit der bewährten Unterstützung einer Reihe erstklassiger Studiomusiker schufen sie ein weiteres hervorragendes Album, das ihren früheren Meisterwerken kaum nachsteht und ihr Gespür für das Komponieren scheinbar kompakter, strukturell und lyrisch jedoch anspruchsvoller Songs mit moderner Produktion vereint.
Das unzertrennliche Duo entschied sich diesmal für einen etwas entspannteren Ansatz, um einen möglichst lebendigen, fast konzertartigen Sound einzufangen, was ihnen recht gut gelungen ist, denn das Album glänzt mit außergewöhnlicher Organik und Fluss. Fette Funk-Basslinien verbinden die raffinierten und kunstvoll gesetzten Bläser- und Keyboard-Arrangements, durch die sich überwiegend verspielte Gitarrenriffs von Becker bewegen. Den Großteil der Bassparts spielte diesmal nach langer Zeit wieder Becker selbst ein und erledigte seine Arbeit ausgezeichnet. Natürlich fehlt es auch nicht an einem Überfluss an begleitenden Frauenvokalen auf Basis von Soul und R’n’B, die ihre kompositorischen Kunstwerke mit einem zusätzlichen Hauch Erotik und Schalk bereichern. Die kraftvolle Bläsersektion und Fagens schwungvolle Klavierpassagen bringen stets jene traditionelle, verträumte Jazz-Komponente ein, die ein echtes Bar-Ambiente schafft. Die subtile Melodiosität aber ist der entscheidende Faktor, der den Großteil der Kompositionen prägt und bei dem sich sowohl Musikgourmets als auch jene Hörer begeistert die Finger lecken, die hauptsächlich auf leicht zugängliche Radiohits abfahren – auch wenn kein einziger Song unter diese Kategorie fällt.
In Fagens bester lyrischer Tradition findet sich auf dem Album eine Fülle sarkastisch und enigmatisch gewürzter Texte, die nicht nur die weniger angenehmen Seiten der amerikanischen Gesellschaft berühren, aus der er in früheren Jahren gewöhnlich den meisten Inspirationsschub zog, sondern die moderne Gesellschaft im Allgemeinen. So verspottet er unter anderem auf intelligente und subtile Weise den kapitalistischen Konsumerismus, die Prostitution, die virtuelle Realität, die plötzliche westliche Besessenheit von diversen New-Age-Religionen, den schlechten Umgang mit Einwanderern in den Ländern der sogenannten entwickelten Welt sowie ausbeuterische Konzerne. Gelegentlich widmet er sich auf seine eigene Art auch grundlegenderen lyrischen Themen wie etwa Einsamkeit und Untreue.
Der Großteil der Songs auf dem Album folgt also ihrer unverwechselbaren kompositorischen und lyrischen Formel, die bereits für sich ein Garant für Erfolg ist, auch wenn diesmal keine besonders spektakulären Ergebnisse erzielt werden – weshalb sich keine Songs ausmachen lassen, die als Steely Dan-Klassiker proklamiert werden könnten, obwohl alle durchweg mindestens solide sind. Ein beträchtlicher Teil von ihnen bewegt sich im mittleren Tempo, so wie der Opener „The Last Mall“, dem Beckers straffe Gitarrenphrasen einen Hauch Blues verleihen, während Fagen auf seine typisch bissige Art dem übertriebenen Konsumismus spottet. Im Hintergrund haben sie auf außerordentlich raffinierte Weise Bläsersektionen und weibliche Mehrstimmigkeit gesetzt, mit denen sie die einfache, aber süchtig machende Melodie aufrechterhalten. Eine der Hauptqualitäten des Albums ist, dass es von Minute zu Minute besser wird, was sich bereits beim nächsten Highlight bemerkbar macht: „Things I Miss the Most“ erinnert mit seinen Funk-Rhythmuslinien und einem geradezu unverschämt spöttischen Refrain auf Kosten romantischer Desillusionen kräftig an einige ihrer Kunstwerke aus den Siebzigern. Das von der Thematik der Prostitution durchdrungene „Blues Beach“, wo verführerische Frauenmehrstimmigkeiten und hawaiianische Rhythmen regieren, hat trotz des Titels kaum Berührungspunkte mit dem Blues – sieht man von einigen schüchternen Gitarrenpassagen Beckers ab.
Das Funk-durchtränkte „Godwhacker“, in dem Fagen moderne religiöse Prediger und die westliche New-Age-Manie verspottet, ist geradezu ein Steely Dan-Archetyp mit einer Reihe markanter solistischer Ausflüge, was besonders für Beckers erstklassiges Gitarrensolo gilt. Auch die zwischenzeitlichen Basspassagen sind genial und dringen durch die einzelnen Instrumentalpassagen mit unglaublicher Präzision. Das hervorragende „Slang of Ages“ ist in die Annalen der Steely Dan-Geschichte als einziger Song eingegangen, bei dem Walter Becker die Rolle des Hauptsängers übernahm. Der legendäre Gitarrist meisterte seine ungewöhnliche Rolle auf erstaunlich überzeugende Weise, wobei ihm R’n’B-Frauenvokalisierungen eine starke Stütze boten. Fagens Exkursionen auf dem Rhodes und der Orgel sowie temperamentvolle Bläsereinschübe sind es, die ein gehöriges Maß an jazz-rockiger Raffinesse einbringen. Auf „Green Book“ seziert Fagen begleitet von Frauenstimmen auf besonders saftige Weise die Irrwege der virtuellen Realität, während ein geheimnisvolles Motiv durch eine Kombination aus groovenden Basslinien und leichten Gitarren- und Keyboardpassagen aufrechterhalten wird.
Von allen Schöpfungen des Albums hat „Pixeleen“ mit seinem verführerischen, gehörig erotischen Soul-Refrain zweifellos das meiste Hit-Potenzial. Dafür verantwortlich ist die raffinierte Kombination aus verspielten Bläsereinschüben, die aus dem enigmatischen Intro-Ambiente den Verlauf der Komposition hin zu einem unglaublich verführerischen Refrain lenken, in dem eine hervorragende Vokalharmonie zwischen Fagen und seinen „Begleiterinnen“ regiert. Der Text ist freilich alles andere als romantisch, denn er erzählt von den Abenteuern des indischen Einwanderers Abu und einer hochnäsigen, verwöhnten Zicke. Auch „Lunch With Gina“, in dem Fagen sich über ein eingebildetes Rendezvous mitten in einem Restaurant lustig macht, das sich in jemandes Kopf abspielt, ließe sich zu den Höhepunkten des Albums zählen. Im Mittelteil gönnt sich der legendäre Keyboarder auch ein kurzes Synthesizer-Solo, das zu den besten Instrumentalmomenten zählt. Das Album schließt mit dem Titeltrack, der zugleich die längste und ambitionierteste Schöpfung darauf ist. Dem instrumentalen Appetithäppchen zu Beginn folgt ein hervorragendes Tenor-Saxofon-Solo (ein weiteres erklingt am Ende des Songs), das die Komposition durch versierte rhythmische Mäander hin zu einem verträumten Refrain trägt, in dem Fagen sich über den Aufstieg und Fall eines korrupten Konzerns mokiert. Dies ist also einer jener lyrisch besonders reflektiven Songs, den ich all jenen wärmstens zum Hören empfehle, denen diverse Bavčarji und Šroti gehörig im Magen liegen geblieben sind.
Mit „Everything Must Go“ hat das legendäre Steely Dan-Duo erwartungsgemäß keine besonders große künstlerische Innovationsflamme entfacht, sondern mithilfe der erprobten Kompositionsformel ein weiteres Album für das neue Jahrhundert geschaffen, das in den schönsten Tönen jazz-rockiger Raffinesse verläuft. Die alten Füchse haben mit diesem Werk, das vor allem durch seine außergewöhnlich lebendige Produktion und Konsistenz besticht, einmal mehr bewiesen, dass sie auch im 21. Jahrhundert noch immer die Meister schlechthin sind, wenn es um jazz-rockige Subtilität und eingängige Melodien geht, gewürzt mit beißendem Humor. Ihre beeindruckende Serie aufeinanderfolgender Meisterwerke endete zwar bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten, doch „Everything Must Go“ folgt dieser grandiosen Tradition trotzdem würdig nach – auch wenn es nicht gerade die Inkarnation jazz-rockiger Perfektion darstellt, mit der sie in vergangenen Jahren Musikgourmets gehörig verwöhnt haben.
Besetzung
Donald Fagen – Gesang, Orgel, Synthesizer, Percussion, Klavier, Clavinet, Fender Rhodes, Wurlitzer
Walter Becker – Gitarre, Bassgitarre, Percussion, Backgroundgesang
Ted Baker – Keyboards
Bill Charlap – Keyboards
Jon Herington – Gitarre
Hugh McCracken – Gitarre
Kenneth Hitchcock – Klarinette
Tony Kadleck – Trompete
Michael Leonhart – Trompete
Chris Potter – Tenorsaxofon
Jim Pugh – Posaune
Roger Rosenberg – Baritonsaxofon
Walt Weiskopf – Altsaxofon, Tenorsaxofon
Keith Carlock – Schlagzeug
Gordon Gottlieb – Percussion
Ada Dyer – Backgroundgesang
Tawatha Agee – Backgroundgesang
Carolyn Leonhart – Backgroundgesang
Cindy Mizelle – Backgroundgesang
Catherine Russell – Backgroundgesang
Brenda White-King – Backgroundgesang
Produktion
Walter Becker, Donald Fagen
Trackliste
1. The Last Mall
2. Things I Miss The Most
3. Blues Beach
4. Godwhacker
5. Slang Of Ages
6. Green Book
7. Pixeleen
8. Lunch With Gina
9. Everything Must Go