Eskobars : Eskobars

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Label: Dallas Records
Erscheinungsjahr: 2010
Produktion: Dejan Radičevič
Albumlänge: 33.14
Genre: Alternative Rock / Indie Rock


Seit Langem gab es keine Band mehr im slowenischen Musikraum, die von einem größeren slowenischen Label unter ihre Fittiche genommen wurde, ein noch unbekannter Name war, nicht von Trends belastet war und dabei ihr musikalisches Talent klar und unmissverständlich zum Ausdruck brachte. Noch mehr. Ich rede von einer slowenischen Band mit einem unverwechselbaren Ich – einem eigenständigen künstlerischen Ausdrucksvokabular. Eskobars ist ihr Name!

Das Trio, das zum Zeitpunkt der Albumveröffentlichung zum Quartett herangewachsen war, ist alles, was gesunder Alternative Rock heutzutage braucht. Es ist arrogant, ätzend, erogen, lyrisch gereift und nicht seicht – und strotzt vor aufgeladener Rocker-Energie. In ruhigen Momenten versteht es die Band, Subtilität äußerst wirkungsvoll herauszustellen. Wohlgemerkt: Den Jungs gelingt das bereits mit dem Debüt, was bedeutet, dass sie mit gesunder Rockmusik aufgewachsen sind und nicht dem „Beschuss“ durch billige Trend-Täuschung schneller Vergänglichkeit erlegen sind – leider aber auch schneller Selbst-Recyclingfähigkeit.

Scharfsinnigkeit ist der zweite Name von Eskobars. Was macht die Band so besonders? Trotz ihrer Direktheit und rockigen Trivialität, die die Band in allem in den Vordergrund stellt, offenbaren die Arrangements in den Songs nämlich viel mehr, als man auf den ersten Blick sieht und beim ersten Durchhören mitbekommt.

Wenn man anfängt, die Songs zu sezieren und Schleier für Schleier ihres Gefüges zu lüften, stellt man fest, dass es sich um eine wirkungsvolle Mischung verschiedener Musikrichtungen handelt, die aus Rock ’n‘ Roll, Rockabilly, Blues, Punk schöpfen – und ihr werdet es nicht glauben: auch aus den Grundlagen des Klassizismus in der Rockmusik. Hier sind auch The Beatles und einige andere interessante Retro-Klänge nicht mehr weit, sogar Psychedelik (Zemljin sin). Natürlich ist das Ganze an die neue Zeit angepasst. Aber erschaffen ohne den geringsten Hauch von Nachahmung oder modischer Trendverfangenheit.

Jure Lesar ist mit seinem Gesang der Haupt-„Schuldige“ dafür, dass man Eskobars letztendlich in den schwer definierbaren Rahmen der „alternativen“ Rockmusik einordnen kann. Sein Ansatz ist spöttisch, männlich, bewusst „näselnd“, sogar bewusst dissonant. Obwohl er mit dem Gesang eine ordentliche Portion Melodie liefert, ist sein Akzent ständig punkmäßig stichelig. Das ist jene Dosis Energie, die im Rock als Frechdachsigkeit, Unverschämtheit und Hedonismus erkennbar ist. Eskobars gehen mit funkensprühendem Sarkasmus vor und selten mit Revolte. Sie tragen die Note witziger Spötter, die keine große Zeit haben, anderen die Schuld an ihren (eventuellen) Übeln zu suchen.

Der verschmitzte Albumauftakt mit Cosmo Blues – mit einem Franz Ferdinand-artigen „Marschieren“ – wird von den Jungs mit Öl-ins-Feuer-Gießen durch das folgende Sobotne noči weitergetrieben und überzeugt vor allem durch ansteckende Refrains, die die Sache sofort auf ein hohes Niveau sprühender, entspannter Rockenergie heben. Nach den gelungenen Märschen, die völlig unterschiedlich konzipiert sind, folgt das wahre Gegenteil. Tragödie im Song Morski ples, in dem vor allem der funkelnde Einsatz trauriger Akkordeonmelodien die Melancholie vertieft. Wenn ich mit dem Auffalten der breiten motivischen Vielfalt im Aufbau der Songs fortfahren darf: Das Album springt im Folgenden auf Eröffnungsniveau durch das hedonistische Girls From Klagenfurt, das signalisiert, dass die Jungs Rolling Stones-Fans sind. Darauf folgt die fast liedermachermäßig konzipierte, akustisch subtile Ballade Čas ločitve. Ein Punkt höherer Punk-Pulsation im Song Cirkus, wo die Band auf „slowenische“ Art an die melodischen Lösungen von Niet (Refrain) streift. Auch Cirkus gehört in den energetischen Rang von Songs wie Cosmo Blues, Sobotne noči oder Girls From Klagenfurt. Das Geschehen bereichert erneut die reggaemäßig freche Burleske Ura mladosti, während das gerissene Čevljar einen der besten Momente der Eskobars-Poesie auf dem Album beherbergt. Hier zeigt sich die äußerst kluge Kombination von rhythmischem, fast salsamäßigem Wiegen und Blues-Rhetorik im wieder subtileren Potnik. Den Abschluss bildet das interessante Zemljin sin, mit einer hervorragenden Verbindung von natürlichen Retro-Klängen der Psychedelik und neo-klassischen Arrangementlösungen, mit einem Hauch sehnsuchtsvoller Melancholie, wie sie im Melos den „slowenischen“ Ursprung der Band offenbart. Schon der Auftakt selbst ist eine überraschende Abkehr von allem, was die Band zuvor auf dem Album geboten hat. Als Komposition definitiv der Höhepunkt des Albums.

Vor uns liegt ein farbenprächtiges, reiches Album, das in gut 33 Minuten eine Fülle handfester Informationen bietet. Allesamt überzeugen sie in der Qualität des musikalischen Charakters mit dem Vorzeichen künstlerischer Wiedererkennbarkeit und Eigenständigkeit. Erwähnenswert ist auch, dass die Band durchgehend der natürlichen Gestaltung organischer Collagen verschrieben ist, die ein saftiges und inhaltlich verzweigtes Klangspektrum aufbauen – eines, das im Verlauf des Albums durchgehend lebhaft pulsiert. Als Band, die auf die Karte ursprünglicher Rock-’n‘-Roll-Keckheit setzt, haben Eskobars bereits ganz am Anfang die Erfahrung des Arrangierens und Hinzufügens von Streicherarrangements reif übertroffen, die die atmosphärische Seite der Songs wie Ura mladosti und Zemljin sin wirkungsvoll aufwerten. „Eskobars“ ist ein Album von alternativ-rockiger Reinheit, das neben der Direktheit, die dieser Ansatz verlangt, weder Hohlheit noch abgedroschene Lösungen abgegriffener Ausgebrannheit kennt noch das Bedürfnis nach aufdringlichem und unbesonnenem Draufgängertum. Alle Klangelemente auf diesem Album sind in ein ideales Miteinander gefügt und ausbalanciert, das durch witziges Arrangieren und scharfsinnige Aussagekraft des bunten musikalischen Inhalts überzeugt. Hut ab auch vor dem Label Dallas, das der Band aus echtem kreativen Holz definitiv die Förderhand gereicht hat.

Autor: Aleš Podbrežnik
Bewertung: 9.0 / 10


Trackliste:
1. Cosmo Blues
2. Sobotne noči
3. Morski ples
4. Girls From Klagenfurt
5. Čas ločitve
6. Cirkus
7. Ura mladosti
8. Čevljar
9. Potnik
10. Zemljin sin

Besetzung:
Jure Lesar – Gesang, Gitarre
Rok Druscovich – Bassgitarre, Backing-Vocals
Bogdan Sojič – Schlagzeug, Percussion, Backing-Vocals

GASTMUSIKER:
Denis Beganovič (Kiki) – Keyboards
Neža Buh (Neisha) – Keyboards (Song Nr. 10)
Selver Kobilica – Akkordeon in Song Nr. 3
Gordana Buh – Piccolo (Song Nr. 7)

STREICHQUARTETT (Songs Nr. 7 und 10):
Janez Podlesek – Violine
Miloš Simic – Violine
Maja Rome – Viola
Klemen Hvala – Violoncello

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