Escape From The Shadow Garden

0 10

Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Magnum
Label: SPV Records
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 62:42
Wertung: 3.5/5

Magnum sind wieder unter uns mit einem neuen Studioalbum. Dieses präsentiert sich, wie es für sie inzwischen fast schon üblich ist, mit einem epischen Titel, »Escape From The Shadow Garden«, während das phänomenal gute Cover unter der Regie des langjährigen Grafikpartners Rodney Matthews wieder im traditionellen Stil gehalten ist – von der Rückkehr des leicht stilisierten »On a Storyteller’s Night« (1985)-Logos ganz zu schweigen. Auf beiden Seiten des Albumcovers finden sich verschiedene Motive aus Mathews‘ bisherigen Magnum-Covern, also ab dem Jahr 1982, was bedeutet, dass sich der kultische Grafiker diesmal wirklich maximal ins Zeug gelegt hat. All das lässt schon vor dem Hören von »Escape From The Shadow Garden« erahnen, dass es sich um ein weiteres Produkt im ‚antiquarischen‘ Geist handelt – Magnum versuchen darauf, zumindest teilweise den kompositorischen Ansatz und die Atmosphäre aus den ‚guten alten Zeiten‘ wiederzubeleben.

Dieser Trend hält eigentlich schon seit etwa 2007 an, als sich die aktuelle Besetzung der Band mit Schlagzeuger Harry James festigte, was bedeutet, dass er die Richtung der vergangenen vier Studioalben fortsetzt. Das ist gleichzeitig eine gute und eine schlechte Nachricht: Einerseits gibt es darauf keinen schlechten Song, und auch fast alle Kompositionen mit Ausnahme von »Too Many Clowns« sind im unverkennbaren Magnum-Melodic-Rock-Stil aufgebaut – andererseits gibt es auf »Escape From The Shadow Garden« verdammt wenig wirklich aufregender Momente, während einige Arrangements ziemlich generisch wirken.

Das zweite, etwas kleinere, aber mit jedem weiteren Jahr zunehmend brennende Problem ist der immer müder werdende Gesang von Bob Catley, der zwar noch immer über unverkennbares Charisma und Leidenschaft verfügt, dem aber auch beim gesanglichen Manövrieren das Gewicht der Jahre immer mehr anzumerken ist. Instrumentell sind Magnum auch diesmal makellos, was besonders für das legendäre Duo Tony Clarkin (Gitarre) und Mark Stanway (Keyboards) gilt, das auch diesmal für eine Reihe solistischer Meisterstücke sorgt. Das Rhythmusgespann zwischen Bassist Al Barrow und Schlagzeuger Harry James ist gewohnt überzeugend, obwohl es diesmal mit keinem nennenswerten solistischen Glanzpunkt aufwartet. Magnum widmen ihren Prog-Wurzeln seit Jahren keine übermäßige Aufmerksamkeit mehr, daher überrascht es nicht, dass auch das diesmalige Werk überwiegend melodic/hard-rock-gefärbt ist. Am meisten Art-Rock-Anteil ist noch in den einzelnen sinfonischen Arrangements Stanways zu spüren, die gelegentlich an ihre besten Zeiten (die Achtziger) erinnern.

Clarkin war diesmal, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht sonderlich kompositorisch inspiriert, daher sind bestimmte Kompositionen auf dem Album schlicht uninteressant bzw. bringen nichts Neues – was aber noch lange nicht bedeutet, dass sie auch schlecht sind. Der Einstieg ins Album gelingt mit dem druckvollen, wenn nicht gar revitalisierenden »Live ‚Til You Die«, das ein pompöses sinfonisches Arrangement enthält und begeisternd genug ist, um alle langjährigen Anhänger des Magnum-Erbes mitzureißen. Diesmal handelt es sich sogar um einen der besseren Eröffnungstracks der letzten zwölf Jahre, da er all jene Klangelemente enthält, die diese britischen Melodic-Rock-Pioniere in den Achtzigern weltberühmt gemacht haben: Catleys energischer Gesangsansatz, melancholische Gitarrenpassagen von Clarkin, die sich harmonisch in Stanways epische Synthesizer-Arrangements ergießen, unterlegt von einem dynamischen und massiven rhythmischen Fundament.

»Unwritten Sacrifice« eröffnet mit einem ikonoklastischen, sinfonischen Arrangement, mithilfe dessen, angetrieben von Clarkins Gitarrenphrasen, ein melodisch-episches Tempo geformt wird. Nach der starken Eröffnungskomposition, die auf dem Niveau ihrer besten Werke liegt, folgt eine würdige Fortsetzung der druckvollen und imposanten Atmosphäre. Den Magnum-Mitgliedern muss man zugutehalten, dass sie sich zumindest im Eröffnungsteil des Albums wirklich Mühe gegeben und eine Atmosphäre geschaffen haben, die ihre klassischen Alben auszeichnete. Leider gilt das nicht für »Falling Fort The Big Plan«, wo die hohen Standards des Eröffnungsteils etwas nachlassen, obwohl es sich noch immer um ein solides Werk handelt. Auf die langsame, klavierorientierte Einleitung folgt ein Übergang in eine druckvolle Sektion mit mächtigen Drum-Crashes, jedoch mit einem ausdrucksarmen und leicht generischen Refrain. Auf Catleys gemessenen Gesangseinsatz folgt ein mächtiges Gitarrensolo, mit dem Clarkin einmal mehr beweist, warum er einer der meistübersehenen Gitarrenhelden unserer Zeit ist. »Crying In The Rain«, das durch eine energische Gitarrenphrase besticht und wo Bob das Maximum aus seinem Gesang herausholt, hat einen etwas in die Länge gezogenen Einstiegsteil und einige ungewöhnliche rhythmische Blockaden, aber auch einen ausgefeilten AOR-Refrain, der so manchem alten Fan gefallen wird.

»Too Many Clowns«, mit Abstand das schwächste Stück des Albums, stellt ein ziemlich unlogisches, wenn nicht gar bizarres Hard-Rock/Rock’n’Roll-Experiment dar, das mehr an AC/DC als an Magnum erinnert – seine Haupteigenschaft ist die ‚heilige Schlichtheit‘: bescheidenes Akkordangebot, nahezu tanzbarer Beat und ein banaler Refrain mit noch banalereren Texten. Das Einzige, was hier die Lage etwas ‚rettet‘, ist Clarkins Gitarre. Die Power-Ballade »Midnight Angel«, die leicht an den ‚Hairmetal‘-Stilansatz des Albums »Goodnight L.A.« (1990) erinnert, gehört ebenfalls nicht zu den besten Momenten dieses Albums, da sie sich trotz pompösem Beat und geschmackvollem sinfonischen Arrangement irgendwie nicht in die richtige Richtung entwickelt. Hier ist auch am deutlichsten Catleys gelegentliche stimmliche Ermüdung zu hören, die er zu den richtigen Momenten jedoch gut zu kaschieren versteht.

Umso besser fällt der energetische Katalysator »The Art Of Compromise« aus, der als melancholische Ballade beginnt, sich aber schnell in einen temperamentvollen melodischen Rocker mit epischem Arrangement verwandelt. Diesmal ist es dem alten Fuchs Stanway wirklich gelungen, ein Synthesizer-Arrangement zu kreieren, das klingt, als wäre es irgendwo aus der Mitte der Achtziger gezogen. Diese optimistische Komposition mit ihrem feierlichen Beat und ihrem dynamischen Rhythmus erinnert stark an ihre goldene Ära zwischen 1985 und 1988 – sie stellt eines der besten Kapitel dieses Albums dar. »Don’t Fall Asleep« ist eine melancholische, ziemlich generische, aber dennoch ausreichend interessante Power-Ballade mit einem begeisternden Gesangsansatz von Catley, während ihn eifrig subtile sinfonische Vorhänge begleiten. Obwohl so mancher beim Hören an ’schon gehört‘ denken wird, verbirgt sich in dieser Komposition ein nahezu ikonoklastischer Magnum-Refrain, der alle treuen Fans auf die Beine bringen wird.

Das solide »Wisdom’s Had Its Day« ist ebenfalls im klassischen Magnum-Stil aufgebaut, was bedeutet, dass auch hier Catleys ‚märchenhafter‘ Gesang, das pompöse sinfonische Arrangement und die kämpferische Gitarrenphrase regieren. Eine der größeren Überraschungen stellt die mächtige sinfonische Sektion dar, die diesmal in der Produktion in den Vordergrund gerückt ist. »Burning River« ist ebenfalls einer der besseren Momente auf dem Album, da er eine ähnliche Gitarrenphrase und einen ähnlichen rhythmischen Beat enthält wie der unvergessliche Klassiker »Vigilante« – was zwar auf erneuten Mangel an kompositorischer Originalität hindeutet, aber auch auf den brennenden Wunsch der Band, die treuen Fans mithilfe einer musikalischen Zeitmaschine zurück in ihre goldenen Zeiten zu befördern. Die Ähnlichkeit mit dem zuvor genannten Evergreen ist wirklich mehr als offensichtlich, was auch für das epische Arrangement gilt, während Clarkins geistvolle Gitarren-Improvisation etwas völlig Neues darstellt. Die abschließende Power-Ballade »The Valley Of Tears«, in der feierliche sinfonische Arrangements dominieren, stellt einen triumphalen Abschluss dar, wie er diesen ewigen englischen Märchenerzählern vollkommen gerecht wird.

Der musikalische Eskapismus in Fantasiewelten bleibt auch auf »Escape From The Shadow Garden« die liebste Magnum-Praxis, was bedeutet, dass das neue Album alle langjährigen Fans der Melodic-Rock-Helden zufriedenstellen, aber nicht elektrisieren wird. Leider gibt es einfach zu viele generische Momente, als dass man das diesmalige Studiowerk zu den besten Kapiteln ihrer Karriere zählen könnte, was man ihnen angesichts ihres Alters und allem, was sie bisher erreicht haben, aber auch kaum vorwerfen kann. Denn niemand erwartet, geschweige denn verlangt von Magnum ein neues »On a Storyteller’s Night« oder »Wings Of Heaven« (1987). Für die Zukunft wäre es aber vielleicht doch nicht verkehrt, wenn die Herren Catley, Clarkin, Stanway, Barrow und James vor der Veröffentlichung des nächsten Albums eine längere Pause einlegen würden – in dieser Zeit würden sie mit ziemlicher Sicherheit eine größere Anzahl an erfrischenden kompositorischen Ideen sammeln.

Besetzung

Bob Catley – Gesang 
Tony Clarkin – Gitarre, Hintergrundgesang 
Mark Stanway – Keyboards 
Al Barrow – Bass 
Harry James – Schlagzeug

Produktion

Tony Clarkin

Trackliste

01. Live ‚Til You Die
02. Unwritten Sacrifice
03. Falling For The Big Plan
04. Crying In The Rain
05. Too Many Clowns
06. Midnight Angel
07. The Art Of Compromise
08. Don’t Fall Asleep
09. Wisdom’s Had Its Day
10. Burning River
11. The Valley Of Tears

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies