Epitaph, Volumes One & Two

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: King Crimson
Label: Discipline Global Mobile
Erscheinungsjahr: 1997
Wertung: 4/5

„Epitaph“ ist ein Doppel-Livealbum von enormer historischer Bedeutung für alle King-Crimson-Fans, denn es versammelt einige ihrer allerfrühesten Aufnahmen und Schnappschüsse von Auftritten der legendären Urbesetzung der Band mit Fripp/Lake/McDonald/Giles/Sinfield. Bei der Vorstellung dieser Veröffentlichung 1997 kamen auf der Pressekonferenz nach fast 30 Jahren erstmals wieder alle Originalmitglieder der Originalbesetzung zusammen. Man munkelte sogar von ein paar symbolischen Auftritten, doch der unbestrittene Boss der Truppe, Gitarrist Robert Fripp, der für seine ganz besonders „höflichen“ Manieren bekannt ist, sorgte dafür, dass daraus nichts wurde. Fans, vor allem die, die nie die Chance hatten, ihre Lieblinge in der Originalbesetzung zu sehen, mussten sich also mit diesem Livealbum zufriedengeben, dem es mehr als ordentlich gelingt, die Stimmung und Energie einzufangen, die diese damalige Inkarnation der Band durchzog. Live klang die Truppe ohnehin immer noch besser als im Studio, da überrascht es kaum, dass manche Versionen hier besser ausfallen als ihre Studioversionen.

Der Sound der originalen King Crimson, nach Meinung der meisten Kenner offiziell die erste Progressive-Rock-Band der Geschichte und für die meisten Fans bis heute die liebste Version der Band, war eine einzigartige, energiegeladene Mischung aus Jazz, Klassik, Rock und Avantgarde, wobei sie bei ihren Auftritten innerhalb einzelner Stücke immer wieder kürzere Improvisationen einstreuten, was später zu einem ihrer Markenzeichen werden sollte. Das Wichtigste, was sie von den meisten Bands jener Zeit unterschied, war aber wohl die ziemlich düstere und mystische, um nicht zu sagen apokalyptische Stimmung, die aus den meisten ihrer Songs und Texte strahlte und mit den damals üblichen, längst ordentlich abgenutzten Hippie-Mantras über Blümchen und Licht rein gar nichts zu tun hatte. Für die damalige Zeit besonders ungewöhnlich waren die intelligenten, oft metaphysischen Texte aus der Feder ihres Textdichters und Bühnentechnikers Peter Sinfield. King Crimson waren von Anfang an eine durch und durch anti-hippieske Band und eine der ersten Vorboten einer neuen musikalischen und gesellschaftlichen Ära, in der für Naivität und falsche Ideale kein Platz mehr war. Da wundert es kaum, dass neben Yes, The Who, Jimi Hendrix usw. auch die Jungs von Black Sabbath zu ihren Fans zählten.

Diese Aufnahme ist ein echter Schatz für alle Generationen von Fans, denn sie enthält einige der allerersten Live-Momente der Bandgeschichte, genauer gesagt aus der Zeit der Tour nach dem Release ihres legendären Debüts „In The Court of The Crimson King“ (1969). Die Klangqualität mancher Aufnahmen ist verständlicherweise ziemlich mau, aber sie wurden zum Glück gründlich genug aufpoliert, sodass das Rauschen nur vereinzelt auftritt und sie immer noch besser klingen als viele vergleichbare Aufnahmen aus jener Zeit. Und irgendwie bleibt dadurch zumindest ein Stück historische Authentizität erhalten. Auf der ersten CD begeistern vier Mitschnitte aus einer Session für den britischen Radiosender BBC, vor allem die sehr guten Versionen ihrer beiden bekanntesten Klassiker „21st Century Schizoid Man“ und „In The Court Of The Crimson King“. Letzterer kommt hier mit einem anderen Text in der ersten Strophe daher. Weil sie nach dem Erscheinen des ersten Albums noch nicht genug eigenes Material hatten, packten sie hier und da auch mal ein Cover ein. Bei den frühen Auftritten war das meist der Beatles-Klassiker „Lucy In The Sky With Diamonds“, den später Donovans „Get Thy Bearings“ ablöste, das sich auf dem ersten Teil dieser Aufnahme findet. Es ist ein ziemlich psychedelisch angehauchtes Stück, das King Crimson so umgebaut haben, dass ihre Version einige zusätzliche Jazz-Einschübe am Saxofon und Improvisationen enthält. Vielen wird die tolle Darbietung des düsteren postapokalyptischen Epos „Epitaph“ am besten gefallen, durchzogen von mächtigen Mellotron-Wellen und Lakes großartigem Gesang. Oft ist gerade Lakes Stimme das, was man sich auf diesen Aufnahmen am liebsten anhört. Manchmal ist es ein richtig seltsames Gefühl, sich wieder davon zu überzeugen, was für ein hervorragender Sänger er einmal war, sicher einer der besten Rocksänger seiner Zeit, und heute nur noch ein blasser Schatten seiner einstigen Größe.

Der nächste Block an Stücken stammt aus einem legendären Auftritt im ersten Teil ihrer ersten Amerika-Tour, genauer gesagt aus der berühmten Halle Filmore East in New York. Dort spielten sie unter anderem schon zwei Stücke, die in veränderter Form auf dem nächsten Studioalbum „In The Wake Of Poseidon“ (1970) erschienen. Das sind „A Man A City“, das später in „Pictures Of the City“ umbenannt wurde, und für mich der Höhepunkt der damaligen Konzerte – das düstere, apokalyptische Instrumental „Mars“. Letzteres wurde später in „The Devil’s Triangle“ umbenannt, ursprünglich stammt es aber aus der klassischen Suite „Die Planeten“ des legendären deutschen Komponisten Gustav Holst. Diese Version unterscheidet sich deutlich von der späteren Studiofassung und war in dieser frühen Live-Form meiner Meinung nach sogar besser. Der Hauptgrund dafür liegt im anderen, subtileren Einsatz des Mellotrons im Intro. Das Mellotron im Eröffnungsteil, gespielt von Multiinstrumentalist Ian McDonald, klingt deutlich symphonischer und epischer, während Fripps spätere Studio-Interpretation schon ab der ersten Minute eine waghalsige Avantgarde-Fahrt durch die Hölle ist und das Mellotron im Intro merklich weniger dominant auftritt. Diese Essenz des Bösen und der totalen Kriegszerstörung, die aus fast allen Interpretationen dieses Klassikers strahlte, war einer der Gründe für McDonalds Ausstieg nach dem Ende dieser Tour, denn er erklärte damals, er wolle „keine Musik spielen, die negative Vibes vermittelt“. Dieser Satz klingt heute fast banal, besonders von jemandem, der vor King Crimson in einem Militärorchester gespielt hatte, aber damals stand die Band durch seinen Abgang kurz vor dem Aus und wurde dadurch zu einem ständig wechselnden Kollektiv.

Dazu kommen drei Stücke, die auf keinem Studioalbum zu finden sind. Sie wurden bei einem Auftritt in der Halle Filmore West in San Francisco aufgenommen. „Mantra“ ist ein solides, ziemlich hypnotisches Instrumental mit schöner Harmonie, die McDonalds Flöte erzeugt. Das leichtfüßige Jazz-Folk-Experiment „Travel Weary Capricorn“ enthält überraschend ordentlichen Gesang von Schlagzeuger Michael Giles, während die Improvisation „Travel Bleary Capricorn“ solide ist, aber nicht besonders dramatisch, wenn man die ungewöhnlichen Flamenco-Passagen auf Fripps Gitarre mal außen vor lässt, verglichen mit manchen späteren, avantgardistischeren und interessanteren Improvisationen. Ich vermute, dass sich Titel und Text der ersten „Capricorn“-Version auf Sinfield beziehen, der damals nebenbei auch Roadie der Band war.

Die zweite Disc zeigt den allerletzten Auftritt der Band auf dieser Tour, McDonalds letzten Gig mit der Band und damit den letzten Auftritt der originalen King Crimson. Schon deshalb ist sie ein Muss für jeden Fan der Band. Neben den bereits erwähnten Standards gibt es hier noch eine Version von „Drop In“. Das ist ein interessantes jazzig-psychedelisches Experiment mit einer tollen Gesangsleistung von Lake. Der Song erschien später stark umgearbeitet als „Letters“ auf dem Album „Islands“ (1971). Die „Mars“-Version von diesem Auftritt ist noch besser, noch gruseliger und dramatischer. Respekt an alle, die sie im Dunkeln öfter als zweimal hintereinander hören können, ohne dass ihnen der Schauer über den Rücken läuft.

Fripps Ansagen zwischen den Songs, in seinem typisch beinahe professorenhaften Englisch, sind beim ersten Hören ziemlich witzig und zeigen, dass der Mann, den die meisten heute mit Strenge, Ordnung und Disziplin verbinden, doch einen Funken Humor hatte. So kündigt er etwa eine der Versionen von „21st Century Schizoid Man“ als Widmung an ihren wichtigsten Inspirator an, Spiro Agnew, den damaligen amerikanischen Vizepräsidenten in Nixons Regierung, und vor „A Man A City“ fasst er seine Eindrücke vom Blick aus dem Hotelzimmer auf die Straßen von New York zusammen, wo sich schon damals allerlei Müll türmte. Fripp trat also schon zu einer Zeit, als er offiziell noch nicht Alpha und Omega der Band war, als zentraler Sprecher gegenüber Publikum und Medien auf.

„Epitaph“ (später erschien unter demselben Namen noch ein zweiter Teil der Sammlung von Aufnahmen aus dieser Zeit) ist ein Muss für jeden echten Fan der Band. Diese Sammlung zeugt von der unglaublichen Magie der Urbesetzung von King Crimson. Vor allem aber ist sie ein klarer Beleg dafür, dass die Band schon damals live noch deutlich besser klang als im Studio. Nach McDonalds Abschied (der später Gründungsmitglied von Foreigner wurde und zuletzt bei 21st Century Schizoid Band spielte, einer Band, die einige ehemalige King-Crimson-Mitglieder vereint) folgten ständige Veränderungen, die gleichzeitig ständige musikalische Innovationen und Stilwechsel mit sich brachten. Wer weiß, wie es mit der Band weitergegangen wäre, wenn er anders entschieden hätte und Fripp nicht zum obersten Oberhaupt geworden wäre. Wahrscheinlich hätten sie den symphonischeren Stil noch eine Weile beibehalten, deutlich mehr Alben verkauft, Stadien gefüllt, und auch Hörer trendigerer Musikrichtungen hätten über sie gesprochen, so wie es später einigen ihrer Zeitgenossen an der Spitze mit Pink Floyd, Genesis und Yes erging. Mit der Zeit hätte sich ihre experimentelle Natur wohl viel stärker an kommerzielle Herausforderungen angepasst. In diesem Fall waren die ständigen Wechsel, die in den folgenden Jahren kamen, mehr als nützlich, um ihre progressive Natur und ihre ursprüngliche Mission zu bewahren.

Besetzung

Robert Fripp – Gitarre
Greg Lake – Gesang, Bass
Ian McDonald – Holzblasinstrumente, Keyboards, Mellotron, Backing Vocals
Michael Giles – Schlagzeug, Percussion, Backing Vocals
Peter Sinfield – Texte, Beleuchtung

Produktion

Robert Fripp & David Singleton

Tracklist

CD 1: 71:37
1. 21st century schizoid man (7:06)
2. In the court of the Crimson King (6:27)
3. Get thy bearings (5:59)
4. Epitaph (7:08)
5. A man, a city (11:41)
6. Epitaph (7:42)
7. 21st century schizoid man (7:16)
8. Mantra (3:47)
9. Travel weary Capricorn (3:15)
10. Improv: Travel bleary Capricorn (2:23)
11. Mars (Holst) (8:53)

CD 2: 48:36
1. In the court of the Crimson King (7:13)
2. Drop in (5:14)
3. A man, a city (11:19)
4. Epitaph (7:31)
5. 21st century schizoid man (7:37)
6. Mars (Holst) (9:42)

Gesamtspielzeit: 120:13

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