ENTTÄUSCHTE HAUSFRAUEN ODER UNDER THE BRIDGE
O.K., das ist keine Diskografie (na ja, ein bisschen schon), keine Rezension und erst recht keine Reportage. Aber es ist eine interessante kleine Geschichte darüber, wie falsch die Vorstellungen vom kommerziellsten Song der Red Hot Chilli Peppers waren bzw. noch immer sind.
Ich geb’s zu, die haben mich aufs Glatteis geführt. Als sich 1984 vier Außenseiter zusammentaten, vier verdammt scharfe Peppers, erwarteten wir von ihnen genau das, was sie boten. Interesse an Sex, Funk, Hardcore und ihre Vögel dem Publikum zu zeigen. Aber hey, sie hatten ja Fußballsöckchen drüber! Beziehungsweise, Socken! Der charismatische Frontmann indianischer Abstammung Anthony Kiedis, der „durchgeknallte“ Bassist namens Flea, Gitarrist John Frusciante, der 1989 auf dem Album „Mother’s Milk“ dazustieß, als Ersatz für den zugedröhnten Hillel Slovak, und Schlagzeuger Chad Smith, der zur selben Zeit Jack Irons ablöste. Mit der Coverversion von Wonders „Higher Ground“ landeten sie sogar auf MTV.
Und dann haben sie die ganze Welt aufs Glatteis geführt. Auf einmal brachten sie ein phänomenales, kommerziell äußerst erfolgreiches Album heraus, „Blood Sugar Sex Magik“, und überall konntest du „Suck My Kiss“ und den Rest hören. Aber von allen kam ausgerechnet die tiefe, einfühlsame Ballade „Under The Bridge“ am besten an. Geschrieben hat sie Kiedis, und zuerst wollte er sie auf keinen Fall aufnehmen. „Das sind nicht wir!“, behauptete er. Aber der Produzent und wahrscheinlich das Geld, der Herrscher der Welt, überzeugten ihn. Ein Volltreffer! Die Jungs werden damit also berühmt!
Und hier kommen wir zu den Hausfrauen, und zwar zu den echten aus Kansas. Stell dir diese Szene vor: Ein Frauchen spült das Geschirr, hört in ihrem eintönigen Alltag ein schönes Liedchen im Radio und gibt dem Männchen zu verstehen, die hätte sie gern (die Platte, nämlich!). Klar, er lässt sich nicht lumpen, das Männchen rennt ganz fröhlich zum CD-Shop, denn wenn das Frauchen zufrieden ist, ist auch er zufrieden (wörtlich!). Und dann bricht der Abend herein, mitten in Kansas, und das hoffnungsvolle Männchen und das Frauchen gönnen sich diese jungen Burschen (wieder meine ich die Platte!), die dieses so schöne Liedchen haben. Aber siehe da, die schreckliche Wahrheit. Als sie das Album auflegen, hören sie Kiedis mit dem Song „Sir Pscyho Sexy“, der nichts mit „Under The Bridge“ und der versprochenen Vorstellung zu tun hat, die das Frauchen in ihrem romantischen Wunschbild hatte, und sie bricht in Tränen aus! Und ab auf die Palme…
Aber darum geht es im Kern. Was wollte Kiedis in „Under The Bridge“ mit Zeilen sagen wie:“Under the bridge downtown, is where I drew some blood/ Under the bridge downtown, where I could not get enough/…I gave my life away“.Hat er endlich ein junges Mädel in die Finger bekommen? Wollte er sich umbringen? Nein. Kiedis erlebt in „City of Angels“ die Ekstase der braunen Droge namens Heroin, und zwar unter Brücken. Eine hässliche Erfahrung, aus der er sich herauszog und aus der er alles herausholte. Denn die Platte wurde platinfarben, dank diesem Song. Kiedis teilte schon als kleiner Junge Frauen und Drogen mit seinem Vater, und auch alle anderen Bandmitglieder kämpften gegen dieses Monster, über das schon viele Rock ’n‘ Roll-Hits geschrieben wurden. Deshalb wechselten auch Gitarrist und Schlagzeuger. Aber Frusciante kehrte rehabilitiert triumphal zurück (zwischendurch ersetzte ihn Dave Navarro von Jane’s Addiction, der Mann der üppigen Carnem Electra) und wirkte beim nächsten Projekt mit –“Californication“, das aus ihnen eine richtige, ernstzunehmende Stadionband machte. Aber über all das ein andermal…
Nicht dass ihr jetzt denkt. Der Song geht mir total auf die Nerven, und wahrscheinlich nicht nur mir. Aber es ging darum, diesen Song aufzuklären, denn ich glaube, es gibt auch slowenische Fans, die davon vielleicht keinen Schimmer haben. Und noch was:die englischen Girls der Popband All Saints haben „Under The Bridge“ gecovert und damit Platz 1 der UK-Charts erreicht, was RHCP mit dem Original nie gelang!
Die bekanntesten Songs über das braune Pulver:
I’M WAITING FOR THE MAN – Velvet Underground (1967)
– Lou Reed, Rocker mit der längsten Junkie-Laufbahn, erklärt, wie heiß er auf den Dealer wartet
THE NEEDLE AND THE DAMAGE DONE – Neil Young (1972)
– Hymne an die, die es nicht überlebt haben
PERFECT DAY – Lou Reed (1972)
– Hymne an seine Lieblingssubstanz
GOLDEN BROWN – The Stranglers (1982)
– der bekannteste Song über Drogen
MR.BROWNSTONE – Guns N‘ Roses (1987)
– Axls Blick auf Heroin
Es gibt zwar noch mehr bekannte Songs, aber bleiben wir bei diesen. Oder besser gesagt: Halten wir uns von dem Scheiß fern und bleiben wir bei Sex und Rock ’n‘ Roll! Und meidet die Brücken in L.A.….