En Vivo!

0 7

Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Iron Maiden
Label: EMI Records
VÖ: 2012
Laufzeit: 108:16
Wertung: 4/5

Die südamerikanischen Anhänger der Metallgötter Iron Maiden gelten seit Langem als die größten Fanatiker, was bedingungslose Treue zu ihren Idolen betrifft – in puncto Loyalität können es mit ihnen vielleicht noch die Japaner aufnehmen. Kein Wunder also, dass die Eisernen Jungfrauen nach Brasilien, wo sie das Doppel-Livealbum »Rock in Rio« (2002) aufnahmen, für die Aufzeichnung eines neuen Konzertdokuments, das sie schlicht »El Vivo!« nannten, Santiago, die Hauptstadt Chiles, wählten. Die Entscheidung für ein neues Liveprodukt fiel während der weltweiten ‚The Final Frontier‘-Tour, auf der sie das gleichnamige aktuelle Studioalbum präsentierten. Auf diese Weise führen die Maidns seit der Rückkehr von Sänger Bruce Dickinson und Gitarrist Adrian Smith die schöne Tradition fort, auf jedes neue Studiowerk ein neues Doppel-Livealbum folgen zu lassen – zur Freude aller langjährigen Fans und gleichzeitig zur kräftigen Füllung der eigenen Kassen.

Iron Maiden sind seit Langem der größte Heavy-Metal-Konzern, und daran braucht man sich nichts vorzumachen. Der Hauptunterschied zu anderen ‚Konzernbands‘ besteht vor allem darin, dass sie ihren treuen Anhängern für ihr Geld nach wie vor hochwertige musikalische Produkte zu bieten wissen. Auch diesmal haben sie sich wieder bewährt und ein Konzertleckerbissen geschaffen, der von Anfang bis Ende ein Genuss ist – auch wenn die Setlist (wieder einmal) ziemlich vorhersehbar ausfällt.

Die Atmosphäre auf »El Vivo!« ist, dem südamerikanischen Temperament entsprechend, unglaublich laut und hyperaktiv, sodass man sich als Hörer problemlos die riesige Menschenmasse mitten im gewaltigen Estadio Nacional vorstellen kann, wie sie Dickinson bei jeder Geste aus der Hand frisst, während Steve Harris mit dem Fender-Bass mit einem Fuß auf dem Verstärker steht und die ohnehin schon bis auf die letzte Faser aufgeheizte und durchgeschwitzte Meute der Metal-Maniacs noch weiter anfeuert. Das Gitarrentrio aus Dave ‚dem Zotteligen‘ Murray, Herrn Adrian Smith und dem ewig rotierenden Hard-Rock-Kreisel Janick Gers ist mit seinem technischen Kontrastreichtum vor allem für jüngere Fans, die die Zeit nicht erlebt haben, als die Maidns ’nur‘ zwei Gitarristen hatten, ebenfalls eine der Hauptattraktionen des Konzerts. Natürlich darf man auch die Anwesenheit des stets sympathisch verrückten Nicko McBrain nicht vergessen, der neben seinen schlagzeugerischen Stampeden fleißig für eine stets willkommene Prise Humor sorgt. Die Produktion, für die erneut Harris und Kevin Shirley verantwortlich zeichnen, ist in bewährter Maiden-Tradition wieder einmal erstklassig, sodass auf »El Vivo!« keine überflüssigen Störgeräusche oder etwaigen Patzer zu vernehmen sind.

Iron Maiden können zu Recht stolz auf ihr aktuelles Studioalbum »The Final Froniter« sein, von dem sie auf der Tour im Schnitt gleich sechs Songs spielten. »Satellite 15«, »The Final Frontier« und die hervorragende Single »Eldorado«, mit denen die erste CD von »El Vivo!« eröffnet wird, präsentieren die frischesten Errungenschaften der Band und beweisen, dass die Eisernen Jungfrauen auch nach dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nach wie vor die führende Metal-Weltmacht sind – auch in Sachen kompositorischer Innovationskraft durch die beständige Erneuerung alter Tricks. Die Hauptaufmerksamkeit der Fans ziehen natürlich nach wie vor die langjährigen Klassiker auf sich, wie etwa »2 Minutes To Midnight«, bei dem die Stimmung dank des hyperaktiven Publikums nochmals um mindestens zwei Stufen ansteigt. Mit den ausgezeichneten Darbietungen von »The Talisman« und Coming Home« kehren sie zum aktuellen, von futuristischem Ambiente durchdrungenen Studiowerk zurück, das für seine Qualität zu Recht viel Lob geerntet hat.

»Dance of Death«, das Glanzstück des gleichnamigen Studioalbums, bietet mit seinen im Hintergrund platzierten orchestralen Arrangements eine schöne Gelegenheit für Konzert-Keyboarder Michael Kenney, kurz mit seinen Synthesizer-Künsten zu glänzen. Die »Piece of Mind« (1983)-Klassikerin »The Trooper« stellt zweifelsohne den Höhepunkt des ersten Teils dieses Konzertdokuments dar, was die schiere Intensität der Liveatmosphäre betrifft. »The Wicker Man« bleibt nach wie vor der beliebteste Klassiker der neueren (post-2000) Maiden-Ära und fehlt daher auch diesmal nicht. Interessanterweise spielten sie kein einziges Stück vom Album »A Matter of Life and Death« (2006). Ebenso wurden – mit Ausnahme der ewig mitgesungenen »Fear of the Dark« – fast die gesamten Neunziger ‚vergessen‘. ‚Vergessen‘ bleiben sie vor allem deshalb, weil Iron Maiden in jener Zeit kommerziell deutlich weniger einspielte als nach der Rückkehr von Dickinson und Smith.

Auf der zweiten CD, die das hymnische »Blood Brothers« eröffnet – stets dazu bestimmt, den Geist des ‚Brüdertums und der Einheit‘ innerhalb der Metal-Gemeinde anzufachen –, finden sich hauptsächlich langjährige Maiden-Klassiker wie »Iron Maiden, »The Number of the Beast und »Hallowed Be Thy Name«, auf die man natürlich nicht verzichten kann, auch wenn sie im Laufe der Jahre auf gewisse Weise so vorhersehbar geworden sind, dass manch ein Fan sie längst lieber gegen Stücke austauschen würde, die er live noch nie gehört hat. Wohlgemerkt: alle werden so gespielt, wie es sich gehört. Das epische »When the Wild Wind Blows« lockert die Vorhersehbarkeit der langjährigen Klassiker auf angenehme Weise auf. »The Evil That Man Do« ist einer jener Maiden-Klassiker, die sie von Zeit zu Zeit aus der Mottenkiste holen, und ist daher diesmal wieder mehr als willkommen. Das NWOBHM-Juwel »Running Free«, das ganz am Ende steht, ist der einzige Maiden-Klassiker, bei dem man in den Autorenkredits auch den Namen des originalen Sängers Paul Di’Anno findet. Iron Maiden meiden es sonst, wann immer möglich, die Beiträge ehemaliger Mitglieder zu erwähnen – als würde die aktuelle Besetzung bereits seit dem ersten Tag zusammenspielen und man mit den einstigen Weggefährten, die zumeist mit dem einen oder anderen Problem zu kämpfen haben, nichts mehr zu tun haben wollen.

Das Einzige, was bei »El Vivo!« etwas ins Auge sticht – ins Ohr fällt es dagegen nicht –, ist das ziemlich generische Cover im Stil von »Rock In Rio«, bei dem man Derek Riggs und seine monumentalen Kunstwerke wirklich vermisst (Melvyn Grant wandelt immerhin hübsch in seinen Fußspuren), zusammen mit der unangenehmen Tatsache, dass Eddie bis zur Unkenntlichkeit degeneriert ist, sodass man sich zu Recht fragen kann, ob er auf dem letzten Studiowerk nicht kurzerhand durch einen mutierten Abkömmling ersetzt wurde, der ihn nur noch entfernt erinnert.

Jede neue Iron Maiden-Livealbum-Veröffentlichung ist für treue Fans ein Hochgenuss, und so ist »El Vivo!« ein mehr als willkommenes offizielles Dokument der ‚The Final Frontier‘-Tour. An den Kultstatus von »Live After Death« (1985) reicht es natürlich bei Weitem nicht heran, dennoch lässt es sich neben den übrigen, mit wenigen Ausnahmen zumeist vorzüglichen Livealben der Band einreihen.

Besetzung

Bruce Dickinson – Gesang
Adrian Smith – Gitarre
Dave Murray – Gitarre
Janick Gers – Gitarre
Steve Harris – Bassgitarre
Nicko McBrain – Schlagzeug

Produktion

Kevin Shirley

Trackliste

CD1:
1. Satellite 15
2. The Final Frontier
3. El Dorado
4. 2 Minutes To Midnight
5. The Talisman
6. Coming Home
7. Dance Of Death
8. The Trooper
9. The Wicker Man

CD 2.:
1. Blood Brothers
2. When The Wild Wind Blows
3. The Evil That Men Do
4. Fear Of The Dark
5. Iron Maiden
6. The Number Of The Beast
7. Hallowed Be Thy Name
8. Running Free

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies