Elixir: Voyage Of The Eagle

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Label: Dissonance Productions
Erscheinungsdatum: 06.03.2020
Produktion: Elixir
Albumlänge: 45.17 min
Genre: Heavy Metal (N.W.O.B.H.M.)
Bewertung: 9.0 / 10


Elixir sind zurück. Die kultische britische Truppe, die 1983 gegründet wurde und seit jeher echten N.W.O.B.H.M.-Purismus pflegte, hatte etwas Pech: Als 1986 ihr Debüt »The Son Of Odin« erschien – nebenbei wirklich eine kultische und großartige Sache, was der britische Metal jener Zeit zu bieten hatte –, waren bereits alle Züge abgefahren, die der Band den Durchbruch auf der Szene garantiert hätten. Das Interesse an einem solchen musikalischen Ansatz im Metal war nämlich vollständig versiegt. Logisch. Auf dem Planeten tobten damals längst die Thrash-Metaller, die mit Metallica und der restlichen Kompanie (Slayer, Exodus, Anthrax, …) die damaligen Trends im Metal bereits grundlegend umwälzten.

Wie auch immer, die knorrigen Briten haben in all den Jahren des Trotzes ihrem Stil, der durch das Debüt definiert wurde, nicht abgeschworen. In ihrer Karriere reihten sie noch vier weitere Alben aneinander, mit einer dazwischenliegenden Dekadenpause, wobei das fünfte, »All Hallows Eve«, erst 2010 erschien; die Band stellte 2012 erneut den Betrieb ein, reaktivierte sich aber später und veröffentlichte im März dieses Jahres das sechste. Das ist das Album »Voyage of the Eagle«. Was dabei am meisten fasziniert: Die Band hat in der Quintett-Besetzung gleich vier Originalmitglieder auch für das neue Album behalten. Den Bass übernahm Luke Fabian, der im Team den originalen Bassisten Kevin Dobbs ersetzte. Die anderen vier Männer stammen aus der »The Son Of Odin«-Besetzung. Also. »Voyage of the Eagle« ist, geradeheraus gesagt, ein rechtgläubig altmodisches, bis ins Nostalgische vernarrtes Metal-Album, wie es die britische N.W.O.B.H.M.-Pionier-Rezeptur diktiert – in den Händen einer Generation, die Metal tatsächlich auf die Weltkarte gesetzt hat. Tiefer geht’s nicht. Dabei ist es sehr ermutigend, dass Vokalist Paul Taylor noch immer genug vokale Durchschlagskraft und Dominanz bewahrt hat, während seine Stimme gleichzeitig diesen theatralischen Anflug von Düsternis, Finsternis und, wenn man so will, verderblicher Bösartigkeit beibehält.

Die Produktion ist lebendig, organisch, mit wenig oder gar keinem Polieren. Die Riffs elementar, ursprünglich – und sie packen sofort zu! Das Album bietet Brecher, mittelschnelle atmosphärische Marschstücke (Mutiny), und auch Platz für ausgesprochen düstere, gemächlicher stampfende Suiten findet sich – geliefert von Siren’s Song.

Der Albumtitel assoziiert irgendwie auf das Cover des Debüts, auf dem ein fliegender Adler abgebildet ist. Das neue Album trägt tatsächlich ein Konzept und knüpft damit direkt an das Debüt an. In diesem Zusammenhang hatte Gitarrist Phil Denton daran gedacht, zunächst nur eine EP mit Songs zu schreiben, die sich von »Dead Man’s Gold« inspirieren lassen und so die Geschichte des Debüts »Sons Of Odin« zu erweitern – doch Paul Taylor deutete ihm an, dass wenn er bereits Drink To The Devil (The Tavern Song), Press Ganged, The Siren’s Song und Sail On geschrieben hätte, es sich lohne, gleich ein ganzes Konzeptalbum aufzunehmen. Wahrscheinlich habt ihr inzwischen auch schon selbst erraten, dass The Eagle der Name eines Schiffs aus dem sechzehnten Jahrhundert ist, das bewusst wegen der Assoziationen mit dem Adler auf dem Debüt-Cover eingebunden wurde.

Das Album »hebt ab« mit dem eingängigen Drink to the Devil (super verkommener Titel), das den Reigen eröffnet. Sofort Terzharmonien (»verzerrter Keltizismus«), damit niemand auf die Idee kommt, er höre zufällig Sepultura – und dann sehr bald ein Phrasenwechsel in ein aggressiv gieriges Riff, in das sich Taylor mit seinem markanten und charismatischen Gesang verbeißt, der eben durch dieses Charisma den Mangel an technischer Versiertheit wettmacht. Aber in Pauls Generation gab es nicht viele technisch versierte Metal-Sänger, nur Talente wie Paul, die sich von Dio inspirieren ließen, was vollkommen gereicht hat. Phil Denton versteht es immer noch, ein giftiges Riff in einen Song zu schmuggeln, daran gibt es keinen Zweifel. Press Ganged bestätigt, dass »Metal heute sehr alt ist«, und fasziniert weiter mit seiner Klassik. Horizons ist ein Präludium zur epischen, sieben Minuten langen Suite, die größtenteils auf dem Black-Sabbath-haften, unheilschwanger eingefangenen Riff des mysteriösen Siren’s Song reitet, wo der Frauengesang von Katie Alys Barton perfekt eingebettet ist. Onward Through the Storm ist ein weiterer kerniger und eingängiger altmodischer Riff-Kinnhaken, der in der Furie dankbar Öl ins Feuer gießt im zweiten Teil des Albums. Almost There ist überhaupt ein klassisch geschnittener Track, gerade mit dem eingefangenen klassischen Beat, wo sich Thin Lizzy, AC/DC und Saxon die Hand geben. Whisper on the Breeze, der mystische (im ersten Teil akustische) Song hüllt das Album in Melancholie, wie Briten Melancholie heraufbeschwören können. Ohne Pathos. Der epische Moment entflammt im Finale mit dem vorzüglichen Evermore, das einer der besten Songs des Albums ist – womit sich »Voyage of the Eagle« in grandiosem dramatischen Theater beschließt.

Elixir sind also wieder auferstanden und haben sich erneut behauptet. Sie haben all ihre Markenzeichen bewahrt und auf das sechste Studioalbum übertragen, das nach Erwartung hallt, als wäre es in Zeit und Raum verloren gegangen. Die Zeit hat es um rechtgläubige 35 Jahre und mehr verfehlt. Deshalb spricht es umso besonderer an. Besser gesagt: Im Jahr 2020 ganz besonders. Das Nachahmen und Sich-Inspirieren-Lassen vom Stil, den Elixir pflegen, gibt es heute nämlich zuhauf. Vor allem in Skandinavien und Deutschland – und der Nachwuchs spielt das zweifellos ausgezeichnet. Aber wenn die »alten Säcke« zu ihrem Werkzeugkasten greifen, erschaffen nur sie genau jene Atmosphäre, die sie in den Achtzigern zu kreieren wussten. Auch heute noch. Und »Voyage Of the Eagle« hat das. Genau das. Und das ist natürlich der Kern der Sache! Ein hervorragendes Album.

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
01. Drink To The Devil (The Tavern Song)
02. Press Ganged
03. Horizons
04. The Siren’s Song
05. Sail On
06. Onward Through The Storm
07. Mutiny
08. Almost There
09. Whisper On The Breeze
10. Evermore

Besetzung:
Paul Taylor – Gesang
Phil Denton – Gitarre
Norman Gordon – Gitarre
Luke Fabian – Bassgitarre
Nigel Dobbs – Schlagzeug

GASTSÄNGERIN:
Katie Alys Barton – Gesang auf Track Nr. 5

Elixir – Whisper On The Breeze (offizielles Lyrikvideo)
Elixir – Evermore (Audioaufnahme)
Elixir – Voyage of the Eagle (Albumcover)
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