El Kachon: Mi nismo
Eigenverlag
Erscheinungsdatum: 10.04.2020 (digitales Format) / 24.04.2020 (Vinyl-Format)
Produktion: El Kachon & Robert Oven
Albumlänge: 42.18 min (digitales Format)
Genre: Art Blues Rock
Bewertung: 10 / 10
Vor sieben Jahren erschien das Album »In The Bush«. Das Album der Band El Kachon aus Dolenjska – genauer gesagt ihr hervorragendes Studiodebüt –, mit dem in der slowenischen Rockszene ein Wind aufkam, wie er hierzulande noch nie geweht hatte. Mit ihrem Auftritt und dem Debüt lieferten El Kachon den lange vermissten Mosaikstein im slowenischen Musik-Genre-Mosaik. Wenn dir der Blues singt und weint und mit seiner Aufrichtigkeit und künstlerischen Frische dir sogar eine Gänsehaut verpasst!
Sieben Jahre später ist die Band, die bereits mit dem Debüt bestätigt hatte, dass es sich um ein außergewöhnlich talentiertes Team handelt, durch die nächsten Alben »Permanently Lubricated Nuts« (2015) und »Svet dovoljenih laži« (2016) allmählich bis zu ihrem vierten »Mi nismo« geritten und hat damit unmissverständlich bestätigt, dass El Kachon zu den aktiveren Rockgruppen bei uns zählen. Positiv aktiv. Das heißt, das erarbeitete Ergebnis ist immer wieder von sehr hoher Qualität. Zumal angesichts der Tatsache, dass sie sich größtenteils selbst durchschlagen. Ausdauer wird immer belohnt, auch wenn man sich dafür die Finger blutig schuften muss – aber es lohnt sich. »Mi nismo« hat die Gruppe im Vinyl-Format veröffentlicht. Überflüssig zu sagen, dass das Projekt vollständig eigenfinanziert war.
»Mi nismo« ist also das Album, das – sowohl in der Produktion als auch in Komposition und Arrangement – unter allen bis heute erschienenen El Kachon-Alben am ausgefeiltesten und detailliertesten ist. Die Band hat damit eine neue künstlerische Herausforderung bestanden und ist siegreich aus diesem Abenteuer hervorgegangen. Sie hat nämlich einen neuen Reifegrad ihres Artismus erreicht. Ein höheres Niveau des Artismus. Die Gruppe hat ihren Stil und Sound schon längst begründet – und doch ist da noch was. Auf dem neuen Album sind zehn Stücke, die jedes für sich eine besondere Geschichte erzählen und sich in ideeller Bewegtheit und kreativer Frische voneinander abheben, dabei aber von Kopf bis Fuß mit der unverkennbaren künstlerischen Signatur dieser Gruppe versehen bleiben. Diese Bewegtheit zwischen den Tracks war noch nie so ausgeprägt.
El Kachon ist stilistisch äußerst schwer zu definieren. In der Ausgangsposition spürt man eigentlich vor allem Blues, doch die Gruppe koketiert unglaublich geschickt zwischen den Genres, wenn sie in die Arrangements mal Ausflüge zum Urwesen des Rock’n’Roll einbaut (Mi nismo), mal zu radiofreundlichem Art Pop (Osvobojena – ein Hauch Surf entgeht ihr dabei nicht), im nächsten Schritt zur Funk-Koketterie einlädt (S poljubom izdana) und sogar Reggae-Ansätze auftauchen (Domov im Abschlussteil) – und gewisse Sympathien mit Punk finden sich ebenfalls (Ivan), oder präziser beziehungsweise nuancierter gesagt: mit Alternativrock. Der gemeinsame Nenner ist also der Blues, dem die Würze der Genre-Elastizität aber künstlerische Flügel eines Unikats verleihen, einer musikalischen Eigenständigkeit, wenn nicht gar eine Art Eklektizismus, an dem du El Kachon auf Anhieb erkennst.
Also! El Kachon sind ein durch und durch abgebrühtes, erfahrenes Sextett! Ja. Nicht mehr fünf, sondern sechs! Der „verlorene und wiedergefundene Sohn“ PimpS ist zurück, über den einst hieß es: »Od Franclna možgani« gore list. Zu PimpS kommen wir zurück. El Kachon sind Perfektionisten. Wenn du sie auf der Bühne siehst, spürst du das sofort. Und neben dem Perfektionismus ist es noch wichtiger zu erkennen, dass sie grenzenlose Genussmenschen sind und alles, was wir bei ihnen hören und sehen, nicht nur mit außergewöhnlichem Gespür gemacht ist, sondern mit sinnlicher Leidenschaft und einem Schwall von Emotionen. Und dabei agieren sie als Sextett einheitlich. Deshalb berühren sie so unmittelbar und mühelos jedes einzelne Herz.
Nie zuvor haben sie so eindringlich an die Tore der Radiowellen geklopft wie mit »Mi nismo«. Das Eröffnungsstück Osvobojena bringt sofort einen der Albumhöhepunkte. Ein ungemein ansteckender Track. Musikalisch und raubgierig-potent leichtfüßig. Ein hervorragender Einstiegskatalysator. Eigentlich ein sehr einfaches Stück, in dem aber Sängerin Tina Gerbec sofort aufleuchtet (sie übernimmt den Fokus) mit ihrer vokalen Charisma, in die sie durchgehend an den richtigen Stellen etwas von Aretha Franklins Erbe einwebt (dieses Gefühl verstärkt das folgende Peti greh). Tina dominiert im weiteren Verlauf vor allem in den Stücken, die – ähnlich wie das Eröffnungsstück – das Potenzial haben, die Radiofrequenzen zu besetzen, wie Ivan (gewidmet Feu) und vor allem S poljubom izdana, das kompositorisch mit dem Opener Osvobojena verwandt ist. Die Frau regiert mit ihrer verspielt-frechen Art, ihrer durchdringenden Kraft, die sie mühelos durch alle Lagen trägt, und ihrer verinnerlichten Leidenschaft. Tina hat sich über die Jahre zu einer außergewöhnlichen Sängerin entwickelt, und das stellt sie auf »Mi nismo« unter Beweis. Hinzuzufügen ist, dass El Kachon auch in Sachen Liedtexte mit »Mi nismo« die drei Vorgängeralben übertroffen haben.
Den Titeltrack des Albums gilt es als eines der ambitioniertesten Werke des neuen Albums auszurufen – und vielleicht sogar als seinen künstlerischen Höhepunkt, auch wenn Domov erfolgreich versucht, ihm diesen Ruf zu „stehlen“. Ein verschmitzter, frecher Track, der auf Sondžas gespanntem, klappernd rollendem Bass fährt. Die Motiventwicklung ist außerordentlich, er bietet auch mehr motivische Sprünge und Übergangsmomente als üblich – auf dem Album gilt er als die kühnste Komposition von künstlerischer Herausforderung. Mitsamt gelungenem Text! In diesem Stück ist ein Didgeridoo eingesetzt. Achte auf die außerordentliche Modulation in der Middle-Eight-Passage, wo die Band sogar Ausblicke auf Progressive Rock kreiert. Das haben wir vor allem auf dem ersten Album erlebt. Der Titeltrack ist, was die Repräsentativität der Musik der Gruppe angeht, das perfekte Beispiel, bei dem du alle Elemente an einem Ort zusammenfindest – und er einfängt auf eleganteste und direkteste Weise die Aura von El Kachon im Jahr 2020. Der Track spannt sich von Runde zu Runde hin zu einem theatralischen (Ausgangs-)Crescendo, das seinen Stimmungshöhepunkt genau im Abschluss erreicht. Eine geniale Komposition und sicherlich eine der besten, die die Band je in ihrer Karriere geschaffen hat. Peti greh? Willst du mehr Tanzbarkeit, sogar mit einem Rhythmus, der ans Händeklatschen erinnert? Nach Osvobojena gießt genau Peti greh das Feuer der musikalischen Ansteckungskraft weiter.
Beim Blues angelangt, treten gegen Ende des Albums jene Momente in den Vordergrund, die sich in den Stücken Tam, kjer raste blues und dem mit Lap Steel verzierten Krog finden, wenn der bildhafte und einzigartige Tomi Perinčič ins Zentrum des musikalischen Karussells tritt. Ein Gitarrist seinesgleichen gibt es nicht. Ja. The Allman Brothers und Tedeschi Trucks Band werden zu flüchtigen Assoziationen – vor allem mit der Slide-Gitarre im abschließenden Krog spielt Tomi sogar etwas „to the roots“-Blues-Rhetorik ein, und gleichzeitig beschwört er in Potencialni ljubimci Gitarren-Abenteuer, bei denen auch Derek Trucks die Ohren spitzen würde.
Der Sound ist warm, samtig, organisch, lebendig und strahlt eine außergewöhnliche Chemie und Harmonie des Sextetts aus. Aber Achtung. Wie du weißt, hat Vinyl begrenzten Platz auf beiden Seiten. Die digitale und die Vinyl-Version etwa von Domov unterscheiden sich deshalb leicht im Abschluss. Domov wird – neben dem Titeltrack – für anspruchsvollere Hörer eines der interessantesten Stücke des Albums sein. Es ist auch das längste Stück – und dennoch. Immer noch nicht lang genug. Die Nadel auf dem Vinyl springt nämlich mitten im »Fade-out« weg, genau wenn die Gitarre noch nicht alles zu Ende gespielt hat, was sie sich vorgenommen hatte. Also ja. Aufgrund der begrenzten Spielzeit auf Vinyl mussten bestimmte zeitliche Kürzungen vorgenommen werden. Die digitale Version von Domov klingt abgerundet und ist länger.
Zweifellos sorgt Krt für einen höheren Dezibel-Pegel, aber auch für stärkere Rock-Durchschlagskraft und sofortige musikalische Ansteckungskraft. Krt ist direkt in seinen Aktionen und verleiht der Gruppe auch eine Prise Alternative-Rock-Charisma, auch wenn das subtil untergeschoben ist! Auf der anderen Seite steht der unglaublich feine, sanfte Gitarren-Charmeur Tomi Perinčič, der immer wieder mit seinem klagend-weichen Spiel begeistert. Das Gitarrengeflecht von Krt und Tomi ist ein Markenzeichen, das sonst nirgendwo zu finden ist. Ein Gitarrengeflecht, das seinesgleichen sucht. Zwei Gitarristen unterschiedlichen Stils und Ansatzes, die in dieser ursprünglichen Verschiedenheit zugleich ständig brillant miteinander kommunizieren und sich wahrnehmen. Niemand soll sagen, dass diese Band je ohne die richtige Chemie ausgekommen wäre. Die Chemie eines Teams, das wie ein einziges Wesen atmet und von ursprünglicher Ehrlichkeit und Unverfälschtheit angetrieben wird.
Doch damit ist dieser Essay noch nicht zu Ende. Die Rhythmussektion. Sondža ist kontrastreich in den Vordergrund gestellt, ständig außergewöhnlich aktiv im Ausspielen von Musikalität und raffinierten Tricks – den Rhythmus trägt er im Blut. Er kann erschütternd durchdringend sein oder unglaublich sentimental und filigranisch sensibel und weich. Die Rhythmussektion wäre diesmal aber nie so stark gewesen, wenn PimpS nicht erneut zur Band gestoßen wäre. PimpS agiert als gleichwertiges Glied in der Erschaffung des Sounds dieses Albums, und sein Schlagwerk ist allgegenwärtig. Allein schon deswegen sind El Kachon ein Unikat für sich. Die kernigen und kraftvollen Rhythmen von Žiga Dobravec bekommen durch PimpS jene Farbigkeit, die auf dem Vorgängeralbum gefehlt hat! PimpS fügt außerordentliche Lebendigkeit, Dynamik, Feuer und Galopp hinzu. Nicht nur dem Rhythmus, sondern dem Gesamtklang und -stil der Gruppe. Wenn du die Werke der Gruppe ohne PimpS mit dem neuen Album vergleichst, kommst du sofort zum Schluss, dass PimpS einfach ein Glied ist, das Teil des El Kachon-Teams sein muss. Möge es so bleiben, denn seine Anwesenheit festigt die eklektische Haltung der Band.
»Mi nismo« ist, wie gesagt, das beste El Kachon-Album, das bis heute erschienen ist. Ein Sextett außergewöhnlicher musikalischer Charaktere, das in einer bemerkenswerten Mischung aus vollblütiger Schöpfung von Emotionen, Leidenschaft, brillanter kreativer Frische und Eklektizismus, der traditionell vom Bluesrock inspiriert ist, und gleichzeitig mit dem Prosaischen eines herausfordernden Erprobens eine neue Art von Eklektizismus und Einzigartigkeit erreicht. Angesichts des ungeahnten Talents, sowohl der Einzelnen als auch des gesamten Teams, ist es eine kühne Annahme, dass dies noch nicht der kreative Höhepunkt der Bandkarriere ist. El Kachon können da noch höher greifen. Wahr ist aber, dass die Band mit »Mi nismo« ein fantastisches Art-Blues-Rock-Album erschaffen hat, das in Slowenien seinesgleichen sucht – daher wird die Herausforderung seiner reiferenden Weiterentwicklung umso größer sein. Die Band könnte sich zwar auf diesen Lorbeeren ausruhen, aber das wäre für sie keineswegs gut. Ein Album also, das du dir unbedingt anhören und in die Musiksammlung deines Haushalts aufnehmen musst.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Osvobojena (Andrej Barbič / Andrej Barbič)
2. Peti greh (Tomi Perinčič / Tomi Perinčič)
3. Potencialni ljubimci (Tina Gerbec Radaković / Tina Gerbec Radakovič)
4. Song zate (Tina Gerbec Radaković / Tina Gerbec Radakovič)
5. Domov (Tomi Perinčič / Tomi Perinčič)
6. Ivan (Ivan Volarič Feo, Tomi Perinčič / Tomi Perinčič)
7. S poljubom izdana (Tomi Perinčič / Tomi Perinčič)
8. Mi nismo (Andrej Barbič / Andrej Barbič)
9. Tam, kjer raste blues (Tomi Perinčič / Tomi Perinčič)
10. Krog (Tomi Perinčič / Tomi Perinčič)
Besetzung:
Tina Gerbec Radaković – Gesang, Hintergrundgesang
Andrej Barbič Krt – Gesang, Akustik- und E-Gitarren, Mundharmonika
Sondža – Bass
Tomi Perinčič – Gesang, E- und Slide-Gitarre, Lap Steel
Žiga Dobravc – Schlagzeug
Primož Malenšek PimpS – Perkussion
Gastmusiker:
Nenad Patković (Šinobusi) – Hammond-Orgel auf „“Potencialni ljubimci“
Robert Oven – Didgeridoo, Hintergrundgesang
