El Kachon – Fest am Waldrand (2013)
Ort: Zagradec / Park „Loka“ / Slowenien
Datum: Samstag, 07.09.2013
Diesmal hat es in der Dolenjska geknallt! Zwischen Žužemberk und der Krka! In der Nähe von Zagradec. Einen Steinwurf entfernt von einem der schönsten slowenischen Flüsse. Ich rede von der Krka – vor allem wenn man ihren Unterlauf dazurechnet, der als einziger noch unberührt geblieben ist, (zumindest vorerst noch) ohne den faulen Irrsinn des Kapitalismus namens Wasserkraftwerk. Wir sind im Wäldchen! Weit draußen… Wir kamen für Rock!!!
Und? Fast hätte ich mich verfahren. Niemand konnte mir die genaue Lage erklären. Noch mehr: Sogar die Ankündigungen waren in dieser Hinsicht sehr karg. Zum Glück feuerte die Bedienung in der Pizzeria Toplar mitten in Zagradec auf diese Frage sofort los: »Fahr einen Kilometer weiter und du wirst am Straßenrand eine Handvoll geparkter Autos sehen!« Ausgezeichnet. Als ich glücklich am Veranstaltungsort ankam, schlugen Freewaay Machine gerade den ersten Ton ihres Auftritts an! Roh zerlumpt, wütend laut, aber auf jeden Fall durch und durch authentisch – das werden Freeway Machine: ein Rock ’n‘ Roll-Bataillon. Ein Quintett aus Ivančna Gorica, Verzeihung, aus Stična! Das berühmte Buffet namens »Mlin pri Marjanu« kennen sie sicher, denn die dort auftretenden Bands hatten bis zu diesem Tag schon mehrmals fast den Hof am Stiška-Bach in Flammen aufgehen lassen – na ja, zumindest in Rauch gehüllt. Spaß beiseite. Eine hervorragende Eröffnung und Aufwärmung mitten im Wäldchen. Das Quintett in der Besetzung Jure Hauptman (Gesang), Gašper Tomaševič (Gitarre), Matej Pižm (Gitarre), Anže Hauptman (Bassgitarre) und Matija Lampret (Schlagzeug) macht beständig spürbare Fortschritte. Immer neue Eigenkompositionen entstehen, die Bühnenchemie wird immer stärker und der gemeinsame Charme immer echter! Dabei helfen natürlich auch die immer häufigeren Auftritte. Die Jungs reifen. Die Truppe liefert eine äußerst ansprechende, energiegeladene Rock-Pose ab, die voll überzeugt. Sie reihen sich ein neben ähnlichen slowenischen »bad ass«-Bands, die irgendwie an die Tore des Rock-Revivals klopfen, wie unter anderem Stara Šula aus der Dolenjska und Deck Janiels aus Kamnik. Beide haben mit exzellenten Debütalben voll überrascht und bestätigt, dass echter Rock ’n‘ Roll in Slowenien noch lange nicht ausgestorben ist. Die Eigenkompositionen Sunday Night, Bad Times, Belzebub, My All Mine, Blue Town, Sunshine, Born To Rock ‚N‘ Roll zeigen retro-Klanglichkeit und gleichzeitig den hellsichtigen Ausdruckscharakter einer talentierten Band mit großem Potenzial. Hoffen wir auf ein Studioalbum so bald wie möglich. Die Besetzung würzte ihr Repertoire auch mit einem The Beatles-Cover von Helter Skelter, bei dem Jures kehlig-fetter Gesang in den höheren Sequenzen innerhalb des Refrains leicht gerissen ist. Ein kleiner Makel. Das ist eine Band, die für die Bühne geboren ist, für Spaß, für Ausschweifung. Auf der Bühne kann sie nicht enttäuschen. Der Geruch von Alkoholdämpfen war real. Es reichte, die Augen zu schließen.
Dann betrat die Seisenberg Blues Band aus Žužemberk die Bühne. Ein Name aus Valvazors Zeiten, werdet ihr sagen. Die Jungs spielten eine Art Medley heimischer Standards aus den Achtzigern. Von bekannten Interpreten des slowenischen Mainstream der Achtziger. Man hätte sich mehr Eigenkompositionen gewünscht, aber… Samstagabend. Als wahrscheinlich einziger »Erbsenzähler« unter den Besuchern spitzte auch nur ich »erbsenzählerisch« die Ohren, während die anderen unbeschwert genossen! Wer dachte sich dabei schon was? Es war Zeit zum Abschalten – und dafür, dass Slowenien in den letzten 40 Sekunden Georgien im Basketball bezwingt! Man merkte aber, dass die Seisenberg Blues Band in ihrer Karriere bis zu diesem Tag nicht viel zusammen gespielt hatte. Ich spreche nicht von den Einzelnen – die Gitarre hatte einen wunderschönen Reverb-Effekt, und die Jungs sind erfahrene und sehr gute Musiker. Daran gibt es keinen Zweifel. Wahrscheinlich haben sie vor der Gründung der Seisenberg Blues Band in anderen lokalen Bands gespielt. Hoffen wir, dass sie in der neuen Formation künftig mehr herausholen werden. Vor allem an eigenen Kompositionen!
El Kachon waren definitiv der musikalische Höhepunkt des Abends. Geradezu perfekt angepasst an das Ambiente des Wäldchens, gespickt mit tribal glimmenden Baumstämmen, die das Feuer langsam leckte und anknabberte. Das Debüt »In The Bush« ist ohne Frage das Nonplusultra der Albumveröffentlichungen auf slowenischem Boden in diesem Jahr. Die Band spielte es in voller Länge in einem Marathon-Auftritt, der zwei Sets mit je fünfzehn Songs umfasste. Insgesamt also dreißig Stücke! Diesmal hast du von El Kachon wirklich die volle Ladung auf die Fresse bekommen! Das Septett zeigte einmal mehr hervorragendes Zusammenspiel und perfekte Bühnenkommunikation in den Vokalharmonien und der Aufteilung der Leadgesänge. Man kann von einer äußerst raffinierten Anordnung sprechen, was den vokalen Einsatz betrifft, denn den Leadgesang können gleich vier Mitglieder der Gruppe übernehmen.
El Kachon sind ein Septett, und es ist schwer zu sagen, dass jemand in der Truppe herausragt. Als Einzelpersonen sind sie außerordentlich talentiert, und in der Gruppe nimmt jeder seine ideale Position ein, in der er sich so bequem und entspannt voll entfalten kann. Das ist ein großer Erfolg für eine Musikgruppe in Slowenien. Es ist bekannt, dass Slowenen keinen echten Teamgeist mitbringen. Ihr wollt einen Beweis auf der Hand? Man schaut auf die politischen »Größen«, die das Land an Ausländer verscherbelt haben, man schaut auf die sportlichen Leistungen, wo wir in Ballsportarten immer um ein Haar »kalt gestellt« werden. Wir leben in bleiernen Zeiten! Und dann sind da El Kachon, die diese düsteren Gedanken widerlegen! Sie sind ein Team, das als Einheit funktioniert und als Einheit atmet! El Kachon funktionieren wie eine Familie, bei der alles stimmt. Neben dem hervorragenden vokalen Miteinander, in dem vor allem die wohlklingende Stimme – also Tinas – hervorragt, mächtig beschwert von den rauen »Macho-Rambo«-Vocals leicht »rauer« Prägung – Tomis auf der einen Seite und Dejans auf der anderen –, bauen El Kachon auch stark auf außergewöhnlicher rhythmischer Kinetik auf, wo (neben dem lebhaften Schlagzeug und der Bassgitarre) die Perkussion von Primož Malenšek »PimpS« einen besonderen Platz einnimmt. Absolute Fantastik, was El Kachon mit der Integration des Perkussionisten gelungen ist. Da ist der (vornehmliche) Rhythmusgitarrist Andrej Barbič »Krt«, der auf der Bühne das genaue Gegenteil von Tomi ist. Bei Krt geht’s gerne mal durch – man spürt, dass er Mitglied der Rocker Stara Šula ist, und der Blick auf ihn zieht von selbst Parallelen zu seinen Vorbildern – von Lemmy über Angus Young bis Phil Lynott. Unmöglich zu übergehen ist auch der wichtige, wärmende Klangteppich der Keyboards, um die sich Mladen kunstvoll kümmert. Alles passt!
Neben der außergewöhnlichen vokalen Klarheit sowohl der Leadgesänge als auch der Harmonien gibt es noch ein weiteres wichtiges Element, das El Kachon einen besonderen Wert und eine besondere Stellung nicht nur in Slowenien, sondern in der gesamten Region verleiht. Da das Herzstück des Rock aus dem Spiel der E-Gitarre entsteht, ist es das Element, das den musikalischen Ausdruck einer beliebigen Rockband definiert. Ihre Reichweite. Es trennt die Großen von den Durchschnittlichen! Die Rede ist vom Beitrag Tomi Perinčičs. Dieser Musiker liefert mit seiner Arbeit definitiv das Außergewöhnliche, wenn man ihn mit dem übrigen Durchschnittsoutput der Rockgitarristen in Slowenien vergleicht. Dieser Mann hat definitiv zu seiner Zeit mit Bluesmusik und seiner Gitarre geschlafen. Er ist außerordentlich souverän in allem, was er anpackt, am meisten aber überzeugt seine selbstsichere Fahrt durch die Soli, gespielt mit Hilfe eines Slides. Du spürst die Leidenschaft, die Energie, die intensive Fokussierung. Du spürst diese echte Liebe in dem, was er tut. Das lässt sich sofort auf alle Bandmitglieder verallgemeinern, und deshalb überzeugen El Kachon so hervorragend.
So verwundert es nicht, dass sich El Kachon völlig sorglos an anspruchsvollere R&B-Standards wagen, wie Mustang Sally oder das besondere Werk zweier großer Freunde und Rock-Titanen – Eric Clapton und George Harrison – nämlich Badge (Cream). Auf ihre Kosten kamen auch die Fans der ewig heißen Susan Tedeschi (Hurt so Bad, Little By Little), dazu gab es The Hunter, das Free einst so gerne spielten, sowie Neil Youngs Cinnamon Girl, usw…
Neben dem neuen Album stellten El Kachon auch einen Sack voll neuer Songs vor! Es waren so viele, dass klar ist, dass El Kachon bereits ein zweites Studioalbum in der Tasche haben. Sie müssen es nur noch aufnehmen und veröffentlichen. Klingt einfach. Trotzdem verwies die Band während des Konzerts freundlich auf den Merch-Stand und Kollegin Tjaša, wo man je 10,00€ als finanzielle Unterstützung für die Gruppe spenden konnte – entweder für ein schönes T-Shirt oder für das hervorragende Debütalbum. Dafür verlangen sie wirklich nicht viel und bieten im Gegenzug enorm viel. Die neuen Songs bewahren die Feurigkeit der hervorragenden Arrangement-Lösungen, die das Debüt der Band präsentiert – daher besteht keinerlei Sorge, dass El Kachon bei der nächsten Prüfung, der Veröffentlichung eines neuen Albums, versagen könnten.
Die Nacht war lang und kein Ende in Sicht. Ein paar mehr Besucher hätten es ruhig sein können, aber es stimmt, dass das Gelände gerade erst frisch eröffnet hatte und dass noch etwas mehr für seine Bewerbung und Promotion getan werden muss. Es hat eine besondere Atmosphäre. Umgeben von Wald. Die Akustik ist also natürlich. Daher hervorragend. Von der idyllischen Natur ganz zu schweigen. Schlicht und einfach. Hierher kommen wir sehr gerne wieder! Ein toller Abend mit den wunderbaren El Kachon also! Wenn man mit Genuss sagt: »Noch!«
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik











































