Ein Küstenabend mit Steve Hackett (2016)
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Grado / Diga Nazario Sauro / Italien
Konzertdatum: 20.07.2016
Besucherzahl: 1000
Kartenpreis: 46,00€ (goldenes Parkett) / 34,50€ (übriges Parkett)
Der legendäre Gitarrenass Steve Hackett, den in erster Linie die Fans seiner ehemaligen Band Genesis verehren – obwohl dieses frischgebackene Mitglied der berühmten Rock-‚Hall of Fame‘ in Cleveland und einer der einflussreichsten Gitarristen aller Zeiten eigentlich auch bei denen, die kein ausgesprochenes Faible für Progressive Rock haben, deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte – machte während seiner viertägigen Italientournee auch im Urlaubsstädtchen Grado Station. Für diese vier Auftritte in Italien entschied sich Steve, als ‚Steve Hackett Acoustic Trio‘ in akustischer Besetzung aufzutreten. Dazu holte er aus seiner Begleitband den Keyboard-Zauberer Roger King (The Mute Gods) sowie den vielseitigen Bläser Rob Townsend, die ihm durch den Großteil seines Auftritts auf dem Gelände der Diga Nazario Sauro – am Küstenstreifen von Grado gelegen – zur Seite standen.
Der Konzertort liegt direkt am Meer, was ein wunderschönes Panorama und so gut wie ideale Atmosphäre für Steves musikalisches Werk bietet, das diesmal ganz auf akustischen Tönen basierte. Sobald seine Frau Jo Lehmann gecheckt hatte, wie es um die Plätze vor der Bühne bestellt war, bekam der englische Gitarrenmeister das Signal, seinen Auftritt zu starten. Er betrat die Bühne allein, ohne die bereits genannten instrumentalen Weggefährten – was, wie zu erwarten, nicht lange so blieb. Steve setzte sich auf einen Hocker und spielte zur Einstimmung eine längere Akustikgitarren-Improvisation, die er aller Wahrscheinlichkeit nach völlig spontan entwickelte und die deshalb bei jedem der vier Auftritte der aktuellen Italientournee wohl anders klang. Steve fand an diesem Abend genau die richtigen Worte, um Kern und Botschaft einzelner Stücke zu vermitteln – vor allem bei den neuen Nummern – und entschuldigte sich dabei, wie immer, auf selbstironische Weise für seine mangelhaften Italienischkenntnisse.
Das von ruhiger, melancholischer Atmosphäre durchdrungene »Swan Fountain«, das Steve seiner verstorbenen Schwiegermutter gewidmet hat, war die erste neue Komposition des Abends. »Horizons«, Steves bekanntestes Akustikgitarren-Instrumental, noch aus seiner Zeit als Mitglied der legendären Genesis, kündigte an, dass wir an diesem Abend – erwartungsgemäß – nicht nur Hackett-Solowerk zu hören bekommen würden. Zugleich markierte »Horizons« auch den Abschluss des Eröffnungsteils von Steves Auftritt, denn danach gesellten sich seine beiden ‚Mitstreiter‘ auf die Bühne: Roger King an den Keyboards und Rob Townsend, der an diesem Abend hauptsächlich auf die Flöte setzte, aber zweimal auch mit der Tin Whistle begeisterte.
Zum Auftakt gab’s die »Defector«-Klassikerin (1980) »Jacuzzi«, worauf ein handfester kleiner Delirium folgte: ein interessantes Genesis-Medley, bestehend aus dem Eröffnungsabschnitt des Superepics »Supper’s Ready« sowie den live selten gespielten »After The Ordeal« und »Hairless Heart«. Nach dem ersten Konzerthöhepunkt des Abends spielte Steve gemeinsam mit seinem instrumentalen Duo »Jazz On a Summer’s Night«, das bislang nur als Konzertversion existiert. Zu hören ist es auf dem Konzertalbum »Hungarian Horizons: Live in Budapest« (2003). Das beschauliche, für das Küstenpanorama geradezu ideale »The House of Faun« war eine weitere absolute Neuheit in Steves akustischem Fundus. Unter den Überraschungen des Abends stach das »Spectral Mornings«-Stück (1979) »The Red Flower of Tachai Blooms Everywhere« heraus, das Meister Hackett nur äußerst selten spielt – obwohl es vom Ambiente her eines seiner schönsten Instrumentals ist, das in Struktur und Stimmung an japanische Volksmusik erinnert. Herr Hackett, der nicht nur musikalisch, sondern auch körperlich unglaublich gut in Form und rüstig für sein Alter ist, vergaß natürlich nicht auf seinen langen Schal – den ihm wohl Jo gestrickt hat und der in den letzten Jahren zu einem seiner Markenzeichen geworden ist.
Eine kleinere Überraschung bot auch »Walking Away From Rainbows« vom Album »Guitar Noir« (1993), während die wenigsten auch mit »Hand of Priestess« und »The Hermit« gerechnet hatten – live nur selten gespielte Stücke von Steves legendärem Solo-Debüt »Voyage of the Acolyte« (1975). Vom genannten Meisterwerk durfte natürlich der in der Regel mitreißende »Ace of Wands« nicht fehlen, der in der akustischen Version äußerst interessant klang. Mitten in einer Bearbeitung des klassischen Werks von Johann S. Bach mit dem Titel »Bacchus« tauchte als Überraschung das Genesis-Kleinod »Firth of Fifth« auf, das sich kurz vor dem Ende auf elegante Weise wieder in »Bacchus« zurückverwandelte. In der Zugabe erschien Steve noch einmal ganz allein auf der Bühne und spielte zwei weitere Stücke vom Akustikalbum »Bay of Kings« (1983): das Titelstück sowie »The Journey«. Letzteres widmete er seinem verstorbenen Großvater – der nämlich von allen Stücken Steves am liebsten dem atmosphärisch außergewöhnlich schönen »The Journey« gelauscht hatte, während dem er, so Steve, nicht weniger als eine ganze Flasche Brandy getrunken hatte.
Nach dem Konzert nahm sich Herr Hackett, wie immer, Zeit für einige Fans, die nicht ohne Autogramme und gemeinsame Fotos nach Hause wollten. Der Musikmeister bewahrt sich trotz seines außergewöhnlichen Schaffens und seines Einflusses auf die Entwicklung verschiedener Gitarrentechniken eine Bescheidenheit und Zugänglichkeit, die einer der Hauptgründe ist, warum ihn viele Genesis-Fans sogar höher schätzen als seine weitaus bekannteren ehemaligen Mitstreiter Peter Gabriel und Phil Collins. Steves akustischer Auftritt an der Meeresküste war wahrer Balsam für Leib und Seele – genau so, wie man das von einem solchen Gitarrenvirtuosen erwartet, von dem wir reine, ambientale Perfektion gewohnt sind. Die Setlist war interessant und gerade richtig abwechslungsreich – mit genau der richtigen Mischung aus langjährigen Klassikern, selten gespielten Stücken und Neuheiten, sodass es keinen wirklich vorhersehbaren Moment gab. Und natürlich gebührt neben dem Gitarrenmaestro auch seinen beiden Mitstreitern Lob – also King und Townsend, die einmal mehr bewiesen haben, warum sie zu den besten Instrumentalisten im modernen Progressive Rock zählen.
Setlist
1. Acoustic Guitar Improvisation
2. Swan Fountain
3. Horizons
4. Jacuzzi
5. Supper’s Ready / After The Ordeal / Hairless Heart
6. Jazz On a Summer’s Night
7. The House of Faun
8. The Red Flower of Tachai Blooms Everywhere
9. Walking Away From Rainbows
10. Hand of Priestess (Part 1 & 2)
11. The Hermit
12. Ace of Wands
13. Bacchus
14. Firth of Fifth
15. Bacchus (Abschluss)
—Zugabe—
16. Bay of Kings
17. The Journey
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