EEPS

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Minnemann, Marco
Label: Lazy Bones Recordings
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 79:17
Bewertung: 5/5

Marco Minnemann ist wieder einer dieser einzigartigen musikalischen Schlauköpfe, mit denen auf diesem Planeten wirklich alle spielen wollen. Wollte man aufzählen, wo und mit wem Marco alles schon zusammengearbeitet hat oder noch zusammenarbeitet, wäre so eine Liste wohl leichter zusammenzustellen, wenn man damit anfinge aufzuzählen, mit wem Marco noch nicht zusammengearbeitet hat. Nennen wir kurz nur ein paar aktuelle Dinge: das „ausradierte Trio“ voller genialer musikalischer Tricks, The Aristocrats; außerdem ist Marco Teil der Begleitband von Joe Satriani (im Studio und auf der Bühne), ebenso wie beim Porcupine Tree-Mastermind und musikalischen Genie Steven Wilson. Vor einem Jahr veröffentlichte er ein Album im Rahmen des Projekts Levin Minnemann Rudess; mit einem Bein stand er schon fast als neues Mitglied bei Dream Theater (auf dem Platz des geflohenen Portnoy)… Also: Falls ihr Marco Minnemann bisher in erster Linie als Schlagzeug-Ass kanntet, ist es höchste Zeit, seine Vielseitigkeit kennenzulernen. Am echtesten und ehrlichsten spürt ihr das beim Hören seines neuen eigenständigen Studiowerks namens „EEPS“.

„EEPS“ ist wieder ein typisches Dokument dieses einzigartigen Multi-Instrumentalisten, Komponisten, Arrangeurs und Produzenten. Wie lässt sich das Album charakterisieren? Am einfachsten ließe sich „EEPS“ als musikalisches Konglomerat aller vergangenen und aktuellen musikalischen Arbeiten von Marco Minnemann beschreiben. Darauf werdet ihr so manche Verwandtschaft mit dem musikalischen Charakter jener Interpreten hören, mit denen Marco auf die eine oder andere Weise verbunden ist und zusammenarbeitet. Der Mann hat auf dem Album „EEPS“ buchstäblich alles selbst eingespielt (Schlagzeug, Keyboards, Bassgitarren, Gitarren, Sampling, Programmierung). Auch die Vocals hat er vollständig selbst beigesteuert. Wir haben das Projekt LMR bereits erwähnt! Das Eröffnungsstück Cheap As Fuck And Awsome As Hell ist eigentlich Marcos eigenständige Ableitung des Stücks Marcopolis vom Album des LMR-Projekts. Angesichts des Titels ist klar, wer der Autor ist. EEPS besitzt also eine umgekehrte Version — so weit umgekehrt, dass es sich eigentlich um ein neues Stück handelt. Darauf folgt das Stück OC DC. Stellt euch betrunkene King Crimson der Achtziger vor, die versuchen, einen frühen Rock-’n‘-Roll-Song von David Bowie aus der Ziggy Stardust- oder Aladdin Sane-Ära zu spielen, überzogen mit einem Hauch von Surf-Bissigkeit. Ausradiert spaßig, frechdachsig und bis zum Äußersten provokant. Dahinter steckt natürlich eine Parodie auf AC/DC.

Die Musik auf „EEPS“ umfasst das Auslöschen von Genregrenzen. Auf dem Album ist es nicht schwer, Hebel zu finden, die stark in Richtung dessen ziehen, was Frank Zappa einst tat (Synthetic Swans), oder eine Reihe avantgardistisch geprägter Abenteuer, die in freijazzigen Formen mit dem Artismus von King Crimson zusammengeführt werden — das, was King Crimson tut und getan hat, mit der ganzen Phalanx an Nebenprojekten, die diese Band hervorgebracht hat. Dass „EEPS“ ein echter Spiegel von Marco Minnemanns aktueller musikalischer Wahrnehmung ist, zeigen jene Albumstücke, die in kompositorischer wie auch in produktionstechnischer Hinsicht und im Hinblick auf den melodischen Fluss der Leitmotive, an Steven Wilsons Herangehensweise erinnern. Mit dem entscheidenden Unterschied freilich, dass Marco eigentlich der positiv-optimistische Gegenpart zu Wilsons Düsternis und seinem ständigen Klagen ist. Ein solches Stück ist etwa When I Was Gone, das problemlos als Vorstellungs-Single des Albums ausgekoppelt werden und verdientermaßen im Radiorotation laufen könnte. Dem kommt auch Obvious nahe (mit einem völlig zersplitterten Ausgangspart, wie ihn sicher auch Steve Vai verwenden würde). Nach alldem könnt ihr also schon schlussfolgern, dass „EEPS“ nicht nur eine „Flucht“ in avantgardistische Verkomplizerung ist, sondern ein hervorragend ausbalanciertes Album, das aus Stücken besteht, die in den meisten Fällen zwei elementare Ansätze des musikalischen Expressionismus souverän vereinen: den Ansatz der Verdichtung knapper Motive und der gelockerten experimentellen artistischen Ausbrüche, denen man kein Genreformat aufsetzen kann, sondern allenfalls das Etikett eklektischer Artismus. Beide Ansätze sind auf diesem Album souverän zusammengewachsen. Nach der eigengewachsenen Minnemann-Rezeptur. In einem solchen musikalischen Geflecht würden sich Gitarristen wie Andy Summers, David Thorne oder Robert Fripp mühelos verständigen.

Eine schelmisch-luzide Note ist unverzichtbarer Bestandteil von Minnemanns musikalischem Ausdruck. „EEPS“ ist eine Reise durch eine einzigartige und eigenständige Haltung des eklektischen musikalischen Bekenntnisses zur vollkommenen Freigeisterei — in eine Welt einzigartiger musikalischer Fusion, wo das Wort „verboten“ nicht erfunden wurde, weil es in ihr schlicht keine Handlungen gibt, die ein Verbot erfordern würden. Unter den insgesamt achtzehn Stücken des neuen Minnemann-Albums sticht das integrale elfminütige Epos Sushi Cat Doll heraus, in dem Marco in einem Stück durch viele Genres spaziert — als würde er alle Albumstücke zu einem einzigen zusammenfassen. Von astral-verträumten Momenten, in denen Vocoder-Einsatz und Synthesizerklänge ineinander fließen, über den plötzlichen Einschub einer „Gilmour’esken“ Gitarrensolo-Passage bis hin zu einem sympathischen und völlig unerwarteten Pop-Rock-Einschub, der von Marcos Gesang angeführt wird — und dann wieder zurück in esoterisches Treiben, das auch Fans von Porcupine Tree aufhorchen lässt, während das letzte Drittel des Stücks erneut dem freijazzigen Formen-Aneinanderreihen vorbehalten ist. Dieses Stück fasst die Essenz des Albums „EEPS“ auf höchst anschauliche Weise zusammen.

Marco baut in das kompakte Gerüst der Stücke feinsinnig virtuos atonale Linien ein, was er sich natürlich gründlich bei der Kumpanei mit musikalischen Gefährten angeeignet hat, die auf die eine oder andere Weise mit Frank Zappa (Mike Keneally) und/oder King Crimson (Trey Gunn, Tony Levin) verbunden sind. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist das Stück Painter. Natürlich darf man auch das Schlagzeugspiel keinesfalls übergehen, das innerhalb der Stücke nur so von polyrhythmischen Verwirbelungen wimmelt — was dem spontanen und unvorhersehbaren musikalischen Verlauf des Albums nur zugute kommt.

Damit die Rezension nicht zu lang wird: „EEPS“ ist also ein Album, das allen anspruchsvollen Musikgenießern auf den Leib geschrieben ist, die musikalischen Eklektizismus und künstlerische Freigeisterei suchen und zu schätzen wissen, die nicht am forschenden Experiment spart. Es ist ein Album perfekter Ausgewogenheit, denn das Element des avantgardistischen musikalischen Wundersamen überwältigt nirgendwo die motivische Kompaktheit und Bestimmtheit, sondern beide Elemente koexistieren in vorbildlicher Symbiose. Das Album ist fast 80 Minuten lang — und keine Sorge: Es besitzt keinen einzigen Moment, der Zeit stiehlt. Das bedeutet, dass Marco aus dem Ärmel ein streng ausgewähltes Material-Set gezogen hat — aus allem, was in seinen Archiven in diesem Moment vermutlich für fünf oder sechs neue eigenständige Studioalben reichen würde. „EEPS“ ist ein Album, das nicht kann und nicht weiß, wie man langweilt. Es ist ein ehrliches und einzigartiges Visum in die vielschichtige Welt der musikalischen Genialität von Marco Minnemann, der nach dem D.I.Y.-Prinzip nur bestätigt, dass Marco einer jener seltenen vollkommenen Musikmagier ist, die im Studio wirklich alles allein hinbekommen können. Wenn euch das Album erst einmal unter die Haut gegangen ist, wird es den Player nicht mehr verlassen wollen. Das könnt ihr euch sicher sein.

Besetzung

Marco Minnemann – alle Instrumente, Gesang

Produktion

Scott Schorr & Marco Minnemann

Trackliste

  1. Cheap as F**k and Awesome As Hell
  2. OC DC
  3. Eeps
  4. Live Ghost
  5. Soul Dance
  6. Obvious
  7. Right on Time and Out of Tune
  8. Sushi Cat Doll
  9. Sunshine
  10. The Split
  11. Painter
  12. Dead Ghost
  13. Douche
  14. Synthetic Swans
  15. When I Was Gone
  16. 360 Degrees (Bonus exclusive to CD)
  17. Talking About LMR (Bonus exclusive to CD)
  18. Villain Vultures  (Bonus exclusive to CD)
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