Dust

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Enid, The
Label: Operation Seraphim
Erschienen: 2016
Laufzeit: 42:37
Wertung: 3.5/5

Seit sich die symphonischen Prog-Rocker The Enid unter der Leitung ihres Frontmanns und einzigen Originalmitglieds Robert John Godfrey im Jahr 2007 wiedervereint haben, erscheint fast jährlich ein neues Studioalbum. In dieser Zeit haben sie sich kein einziges Mal blamiert – ganz im Gegenteil. Der unverwüstliche Keyboarder, Komponist und Arrangeur Godfrey weiß angesichts der zahlreichen Krankheiten, mit denen er seit Jahren zu kämpfen hat, nur zu gut, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, um die vielen musikalischen Ideen zu verwirklichen, die er seiner treuen Fangemeinde noch vor dem Ende seines Lebensweges präsentieren möchte. Im März 2016 verkündete er zur großen Enttäuschung der Fans seinen Abschied von der Konzertbühne. Sänger Joe Payne und der neue Keyboarder Zachary Bullock werden versuchen, seine Rolle zu übernehmen – das wird natürlich nicht mehr das echte The Enid-Konzerterlebnis sein.

Godfrey ist zum Glück weiterhin als zentraler Orchesterarrangeur, Komponist und Keyboarder im Studio aktiv. Ohne ihn gäbe es definitiv kein neues The Enid-Album namens »Dust«, das dem soliden Vorgänger »The Bridge« folgt und sogar etwas besser ist – wenngleich man auch diesmal nicht von einem künstlerischen Meisterwerk sprechen kann, erst recht nicht angesichts ihres gewaltigen Studioerbes. Wer beim neuesten The Enid-Werk irgendwelche klanglichen Innovationen erwartet hat, schaut ordentlich in die Röhre. Innovationsgeist ist schon lange keine ihrer Stärken mehr – seit Jahren klammern sie sich auf Wunsch der Mehrheit ihrer Fans an das bewährte symphonische Rockrezept, auf eine ausgesprochen pompöse und leicht operettenhafte Art, und riskieren lieber keine Veränderungen.

Üppige Orchestralarrangements und glänzende Chorharmonien spielen auch diesmal auf praktisch allen Kompositionen des Albums eine zentrale Rolle, während Joe Payne, zweifellos die größte Bereicherung für The Enid in den letzten zehn Jahren, bei jedem Schritt seine gesangliche Brillanz unter Beweis stellt. Sein melodramatischer Gesang in Verbindung mit den Chorharmonien und den pompösen symphonischen Arrangements lässt niemanden kalt und ist die treibende Kraft hinter allen Stücken auf »Dust«. Die meisten Kompositionen des Albums ähneln sich in Struktur und Atmosphäre erheblich – was gleichzeitig ein Vor- und ein Nachteil ist. The Enid kann man auch diesmal keine Inkonsistenz vorwerfen, aber etwas mehr Eklektizismus hätte gelegentlich nicht geschadet – denn nach dem großartigen Auftakt mit »Born In The Fire« verliert das Album allmählich an atmosphärischer Intensität, während rhythmische Passivität zunehmend die Oberhand gewinnt. Richtig spannend wird’s erst wieder bei den letzten beiden Tracks.

Das Schlagzeug hat bei The Enid zwar nie eine besonders wichtige Rolle gespielt, dennoch könnte Dave Storey, der neben Godfrey das dienstälteste Mitglied von The Enid ist (mit Unterbrechungen) – er trat der Band erstmals 1974 bei –, ruhig etwas mehr Schwung zeigen. Die rhythmische Passivität macht sich besonders bei epischen Nummern wie »1000 Stars« bemerkbar, denen gelegentlich ein etwas flotteres Drumming fehlt, damit man ihnen durchgehend mit Genuss folgen kann. Wesentlich aktiver ist Gitarrist Max Read, der gelegentlich gerne ein saftiges Solo raushaut. Als absoluter Höhepunkt von »Dust« darf ohne Frage das ausgezeichnete »Trophy« gelten, das alles mitbringt, was eine klassische The Enid-Komposition haben sollte – und dem man wirklich keinen Mangel an Energie vorwerfen kann. Das Abschlussstück, »Heavy Hearts«, enthält im Hintergrund untypische elektronische Muster, die jedoch von mächtigen choralen Vokalharmonien übertönt werden, die man gar nicht genug loben kann – weshalb es sich ebenfalls einen dicken Pluspunkt verdient.

The Enid haben mit »Dust« ein mehr als ordentliches Album geschaffen, das aber nur die größten Fans in Euphorie versetzen wird, da es nur wenige Momente enthält, die sich in punkto atmosphärischer Intensität mit ihren besten früheren Werken messen können. The Enid, denen im Mai 2016 der neue Bassist Josh Judd beigetreten ist, sind in den letzten Jahren ziemlich berechenbar geworden, und echte Überraschungen in ihrer Musik gibt es praktisch keine mehr. Abgesehen von den treuesten Fans, für die das Album in erster Linie gedacht ist, werden nur wenige Prog-Rock-Liebhaber danach greifen – und die werden deshalb auch nicht allzu viel verpassen. Dennoch gebührt Bandchef Godfrey aller Respekt, dass er den ursprünglichen Geist und die Vision dieser kultigen, aber viel zu oft übersehenen Gruppe mit ihrer außergewöhnlich treuen Fangemeinde am Leben hält. Von allen noch aktiven Prog-Rock-Gruppen der ‚alten Schule‘ sind The Enid eine der letzten, die noch immer auf ihren ursprünglichen Sound schwören und trotz einiger berechtigter Kritiken nicht von der erfolgreichen Formel abweichen.

Besetzung

Robert John Godfrey – Keyboards und Orchestrierung
Joe Payne – Leadgesang 
Jason Ducker – Gitarre und Bassgitarre
Max Read – Chorharmonien, Vocoder, Programmierung
Nic Willes – Bassgitarre und Orchesterprogrammierung
Dave Storey – Schlagzeug
Dominic Toffield – Schlagzeug auf „Someone Shall Rise“
Zachary Bullock – Bassgitarre, Keyboards auf „Monsters“

Produktion

Max Read und Joe Payne

Trackliste

1. Born in the Fire (8:00)
2. Someone Shall Rise (5:11)
3. Monsters (5:25)
4. 1000 Stars (7:01)
5. When The World Is Full (5:20)
6. Trophy (6:00)
7. Heavy Hearts (5:31)

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