Duša in telo
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Gjurin, Gal
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinung: 2012
Wertung: 4/5
Gal Gjurin ist ein eingefleischter Workaholic, der kaum schläft. Und selbst sein Schlaf muss vollgepackt mit Schaffen sein, um dem rastlosen Forschergeist dieses Musikers gerecht zu werden. »Duša in Telo« kommt nach drei Jahren. Das dritte Soloalbum von Gal Gjurin im Studio. Ein Doppelalbum. Die Quelle von Gjurins Ideen versiegt also nicht.
Vielschichtigkeit und vielfältige musikalische Perspektiven, eingebettet in eine wirkungsvolle Symbiose, gibt es auf dem Album „Duša in telo“ natürlich in Hülle und Fülle. Ein schöner, leichter, entspannter Wurf. Knapp und prägnant. Wirkungssicher beim ersten Anhören. An buntem Inhalt, der Elemente klassischer Musik, Jazz, Soul, Blues und sogar Weltmusik vereint, mangelt es nicht. Über alledem bewahrt „Duša in telo“ in seinem charakteristischen Gerüst eine markante Stütze im Element der Pop-Rhetorik.
Gal Gjurin ist ein erfahrener Künstler. Davon zeugt der zurückgelegte Weg mit Projekt mesto sowie das aufregende Abenteuer mit Galeristi. Der Mann weiß, wie man eine Songstruktur aufbaut, er kennt den Begriff des Arrangements. Er weiß, wie man sich im Studio zu bewegen hat. Er macht alles selbst. Spielt fast alles selbst – sagen wir mal, überwiegend alles selbst. Er hat die Dinge im Griff und ist der absolute Herr über die Kreation des Albums »Duša in telo«.
Man könnte sagen, dass Gal die zeitgemäße, gut kalibrierte Fortführung der Pop-Schlager-Kultur der Siebziger ist, die in vollen Zügen bei den unvergesslichen Evergreens von Ivo Mojzer, Ditka Haberl, Janko Ropret, Majda Sepe usw… geblüht hat. Das Pop-Gerüst bricht Gal auf, indem er Arrangements für Bläser und Keyboards einbezieht, die den Großteil des klanglichen Hintergrundes füllen; im Mittelpunkt steht natürlich sein Gesang, der in einer solch organisch »eingegroovten« Klanglandschaft in seinen Nuancen an die Stimmfarbe von Jan Plestenjak erinnert. In all das ist die typisch traditionelle slowenische Melodik eingewoben und eine Atmosphäre, die gelegentlich die erkennbare slowenische Haltung von Herbe und Bitterkeit mitbringt.
Interessant ist, dass auf dem Album die beiden Instrumentalstücke »Ko se tam gori olistajo breze« und »Glasba za film, ki ga ni« am stärksten zünden. In beiden entfaltet sich das Arrangement der Akustikgitarre, das in der Klanglandschaft der musikalischen Begleitung so »slowenisch« wie möglich wirkt und zugleich wie maßgeschneidert für eine Filmuntermalung klingt. Beide haben einen starken Art-Charakter und eine betonte Portion Emotionalität (als Instrumentalstücke!). Vielleicht wäre es für Gal gar keine schlechte Idee, künftig über die Vertonung eines Films nachzudenken. Die erste Scheibe beschließt »Ples v slovo«, das die Stimmung des Eröffnungsstücks »Duša« weckt (zu dieser Parallele trägt die Einbindung von Matija Krečičs Violine in beide Stücke bei), nur dass in »Ples v slovo« die Violine den emotionalen Dialog mit dem Gesang erzeugt, während das Klavier im Eröffnungsteil des dramatischen »Duša« im Dialog mit Gals Gesang die Weite des Chansons evoziert.
»Sedemnajst« ist wie gemacht für die Single-Auskopplung und massenhafte Rotation auf den Radiofrequenzen. Der Song, der die zweite CD namens »Telo« eröffnet, ist eine der gelungensten Kompositionen des Albums – mit ausgearbeitetem Kopf und Schwanz des Art-Pop und einer geschmackvollen Dosis Jazz-Einlagen (Keyboard-Integration). Die Rolle der Album-Vorstellung vor der Veröffentlichung fiel dabei Knjiga obrazov zu – einer noch trivialer verführerischen Komposition, die beim ersten Anhören noch ansteckender wirkt. Noch entschiedener schlägt in diese Kerbe To je to als Duett mit Nina Pušlar, das die Empfindlicheren gegenüber dem Zuviel an Pathos-Süße wohl schnell »überspringen« werden. Und noch einen solchen typisch piekenden, aber allgemein verdaulichen Trick findet man im launigen Fani. Stimmt schon. »Telo« geht sofort ins Ohr und wirkt radiotauglicher als die erste CD namens »Duša«. »Ko obrneš novo stran« wirkt im Hauch einer Disco-Funk-Patina der Siebziger – noch ein verdammt ansteckender Pop-Happen, bei dem die würzige Integration der E-Gitarre die Situation rettet.
Gal ist ein schlauer Fuchs in Sachen Arrangement. Er versteht es, die Variabilität in der Begleitung zu dosieren (beim Erzeugen einer vielschichtigen Klanglandschaft). Er schafft das passende Geflecht des gegenseitigen Dialogs von Keyboards und Gitarren in der Begleitkulisse. Nach dem Gesamtpaket schnell ansteckender Kompositionen und dem feinsinnigen Inhalt des mehrschichtigen Arrangierens (Harmonien der instrumentalen Kulisse zu Gals Gesang) ist die zweite Scheibe ein treffender Beweis für das große Arrangement- und Kompositionstalent von Gal Gjurin. Der Höhepunkt des Art-Pop-Charmes der zweiten Scheibe ist in der melancholisch sehnenden, persönlich bekennenden Titelkomposition eingefangen. Mit »Duša in telo« als atmosphärischem Crescendo nicht nur der zweiten Scheibe, sondern des gesamten Albums »Duša in Telo«. Das sanft dahinrauschende »Do neba« ruft eine neue Stimmung hervor und hält ein außerordentlich erfolgreiches Gleichgewicht zwischen der unmittelbaren Zugänglichkeit der Melodie und künstlerischer Herausforderung aufrecht. Das ist die »mittlere Linie«, die als Songschreiber und Komponist am schwersten zu treffen ist: gleichzeitig die Gunst des Hörers gewinnen und das eigene kreative Ich wirksam entfalten. »Gruvito, ergo sum«? Auch Miles Davis hätte in der Phase des Albums »Tutu« dabei die Ohren gespitzt, he he he. Ein gutes abschließendes Gewürz des Albums. Mehr davon bitte, Gal!
Beide Scheiben fließen wunderbar leicht durchs Ohr und beeindrucken mit ihrer betonten Abwechslung, die man zwischen den Kompositionen sofort wahrnimmt. Trotzdem sticht ins Ohr das Gefühl, dass Gal im Geist des Albums »Duša in telo« sich immer noch in erster Linie und vor allem der Masse anpasst, sich der Zielgruppe der Hörer unterordnet. Er bleibt lieber kompatibel mit der Bühne des Cankarjev dom, wo die Mehrheit unserer Großmütter, Tanten und Onkel ihr »intellektuelles« Kapital in Jahresabonnements anlegt. Bei all dem Art-Talent, das Gal in sich trägt, und dem Gespür für einen fein abgestimmten Fluss klug geschnittener musikalischer Strukturen, lässt sich dieses Gefühl auf dem Album leider kaum abschütteln (das naive, im allzu vertrauten mediterranen Melos verhaftete »In ko se vračal boš nazaj« ist zum Beispiel ein Zug zu viel) .Man spürt, dass Gal mehr Eklektizismus, mehr künstlerische »Verwischtheit« im positiven Sinne, mehr herausfordernde Ungewöhnlichkeit aus sich herausholen kann. Die Frage bleibt. Wagt es Gal Gjurin, sein wahres kreatives Ich in Zukunft offen herauszufordern und zu zeigen? »Duša in telo« überragt das Album »Srce« – daran gibt es keinen Zweifel – und ist ein Manifest des weiteren künstlerischen Reifens von Gal Gjurin. Höchstwahrscheinlich wird er als Solokünstler auch in Zukunft der Ausdruckssphäre des Albums »Duša in telo« folgen und die eingeschlagenen musikalischen Richtungen des neuesten Albums weiterentwickeln, pflegen und ausbauen.
Besetzung
Gal Gjurin – Gesang, verschiedene Instrumente, Textautor, Arrangements, Kompositionen
MITWIRKENDE MUSIKER
Severa Gjurin – Gesang
Matej Gruden – Gesang
Blaž Učakar- Gesang
Nina Pušlar – Gesang
Igor Leonardi – Oud, Tiple
Klavdija Jaketič – Bisernica
Jan Plestenjak – Gitarre
Mirko Medved – Gitarre
Matija Krečič – Violine
Marko Kragelnik – Violoncello
Nuno Coelho Silva – Violine
Nataša Brina Zupančič – Violine
Valentin Štante – Viola
Jelena Soro – Oboe, Englischhorn
Domen Gracej – Bläser, Gesang
Uroš Vegelj – Tuba
Andrej Žust – Waldhorn
Blaž Celarec – Perkussion
Miha Kraker – Perkussion
Boris Šprajc – Perkussion
Jan Vrhovnik – Perkussion
Enos Kugler – Schlagzeug
Gašper Peršol – Schlagzeug
Matijas Severhen – Schlagzeug
Gašper Konec – Akkordeon, Hammond-Orgel, E-Piano
Miha Debevec – Diatonisches Akkordeon
Tomaž Rožanec – Klavierakkordeon
Jean Markič – Mundharmonika
Produktion
Gal Gjurin
Tracklist
CD1. („Duša“):
1. Duša
2. In ko se vračal, boš nazaj
3. Ikar
4. Sneg
5. A me slišiš še?
6. V tišini
7. Spet doma
8. Nisem kriv II.
9. Mrak
10. Ko se tam gori olistajo breze
11. Ples v slovo
CD2. („Telo“):
1. Sedemanajst
2. Knjiga obrazov
3. Ne razumem, zakaj
4. Glasba za film, ki ga ni
5. To je to
6. Nisem kriv I.
7. Fani
8. Ko obrneš novo stran
9. Duša in telo
10. Do neba
11. Gruvito, ergo sum