Dragonfly

0 6

Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Strawbs
Label: A&M Records / Interscope
Erscheinungsjahr: 1970
Laufzeit: 36:44
Wertung: 3/5

Strawbs, Legenden der britischen Prog-Folk-Rock-Szene, sind unter Fans dieser Musik heute vor allem für drei Dinge bekannt: dass sie zu den Pionieren des britischen (Prog-)Folk-Rocks gehörten, dass die verstorbene Fairport Convention-Sängerin Sandy Denny ihre professionelle Karriere bei ihnen begann, und dass der renommierte Keyboarder Rick Wakeman kurzzeitig in ihren Reihen war — jener Mann, der sich später als Mitglied von Yes einen Weltruf erarbeiten sollte. Wakeman stieß zu Strawbs, zunächst als Gelegenheitsmusiker und später als festes Mitglied, genau zur Zeit von »Dragonfly«, ihrem offiziell zweiten Werk — sofern man das Album »All Our Own Work« mit Sandy Denny nicht mitzählt, das bereits 1967 aufgenommen wurde, aber erst 1973 erschien, sowie »Strawbery Sampler Number 1« (1969).

»Dragonfly« war in vielerlei Hinsicht eine Verlängerung des recht bescheidenen und frühreifen Debüts »Strawbs« (1969), wenngleich sie darauf die für jene Zeit revolutionären, akustischen Folk-Rock-Elemente weiter verfeinerten. Es dominieren zahlreiche traditionelle Folk-Instrumente wie akustische Gitarre, Tamburin, Kontrabass und Cello. Die elektrische Gitarre, für die der informelle Bandkopf, Gitarrist und Sänger Dave Cousins zuständig war, spielte in dieser Karrierephase nur eine Nebenrolle, während die spärlichen Schlagzeugpassagen vom Gastschlagzeuger Bjarne Rostvold eingespielt wurden. Einen festen Schlagzeuger und Bassisten hatten sie noch immer nicht. Dieses durch und durch pastorale Album, auf dem neben den mystisch gefärbten Akkorden der Akustikgitarre vor allem die rustikalen Streicherarrangements am Cello begeistern, wurde vom renommierten Tony Visconti produziert, der auf einigen Stücken auch Flöte spielte.

»Dragonfly« besteht — mit einer einzigen Ausnahme — aus kürzeren, pastoralen Stückchen mit angenehmen Melodien und schönen Vokalharmonien unter der Regie von Cousins und dem zweiten Akustikgitarristen Tony Hooper, was man bereits im Opener »Way Song« hören kann. Die Streicherarrangements von Ron Chesterman am Kontrabass und Claire Deniz am Cello beschwören rustikale Bilder der idyllischen englischen Landschaft. Der Titeltrack, in dem wachsame Harmonien der Akustikgitarren und verspielte Streicher regieren, könnte als Begleitmusik für träge Schäfer an einem Dorfweiher dienen, über dem Libellen kreisen. Die rhythmischen Strukturen der meisten Stücke sind gemächlich — bei nahezu vollständiger Abwesenheit von Schlagzeug kaum verwunderlich. Auf »I Turned My Face Into the Wind« bringt sich auch das pianistische Talent des damals blutjungen Wakeman ein, während »Josephine, For Better Or Worse« eine ziemlich grimmige und melancholische Folk-Ballade ist. Mancher wird beim Hören von Cousins‘ Gesang feststellen, dass er in der Klangfarbe durchaus an einen jungen Peter Gabriel (ex-Genesis) erinnerte — wenngleich sein Stimmumfang nie so dehnbar war.

Auf »Another Day«, wo ein schöner Refrain des Vokalduos Cousins-Hooper übernimmt, treten Streicherarrangements in den Vordergrund, die für englische Volksmusik typisch sind und an das Landleben im viktorianischen England erinnern. »’Till The Sun Comes Shining Through« ist ein weiteres pastorales Stückchen mit freundlicher Atmosphäre und recht naivem Text, während Strawbs auf »Young Again« mit lebhaftem Flöteneinsatz unter der Regie von Produzent Visconti auch ihre etwas lebhaftere Seite demonstrieren.

Das knapp 11-minütige Folk-Prog-Rock-Epos »Vision of the Lady of the Lake«, in dem lebhafte Streicherarrangements und bezaubernde Melodien auf den Akustikgitarren dominieren, ist das ambitionierteste und zugleich stärkste Werk des Albums — hier zeigt sich das wahre Potenzial der Band in vollem Glanz. Gleichzeitig ist es das einzige Stück mit dramatischen Schlagzeugübergängen und das einzige, bei dem Strawbs wie eine Prog-Rock-Band klingen. Der Text erzählt von einem Bootsmann, der bei einer Fahrt über einen See mithilfe des Schwertes Excalibur — eines Geschenks der legendären Fee namens Herrin vom See aus den Artus-Sagen — gegen eine ganze Schar mystischer Ungeheuer kämpft. Das Album schließt mit dem kurzen, knapp unter einer Minute langen pastoralen Schlaflied »Close Your Eyes«.

Strawbs haben in ihrer weiteren Karriere etliche deutlich stärkere Alben veröffentlicht als das noch recht naive, fast vollständig akustische und frühreife »Dragonfly« — dennoch ist es ein wichtiges Album, was seinen Einfluss auf die Entwicklung der britischen Folk-(Prog-)Rock-Szene betrifft.

Besetzung

Dave Cousins – Gesang, Akustikgitarre, E-Gitarre, Klavier, Perkussion, Dulcimer
Tony Hooper – Gesang, Akustikgitarre, Tamburin
Claire Deniz – Cello
Ron Chesterman – Kontrabass

GASTMUSIKER:
Rick Wakeman – Klavier
Tony Visconti – Flöte
Bjarne Rostvold – Schlagzeug
Paul Brett – E-Gitarre

Produktion

Tony Visconti

Trackliste

1. The Weary Song
2. Dragonfly
3. I Turned my Face into the Wind
4. Josephine for Better or for Worse
5. Another Day
6. ‚Til the Sun Comes Shining Through
7. Young Again
8. The Vision of the Lady of the Lake
9. Close Your Eyes

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies