Domino Effect

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Gotthard
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 2007
Laufzeit: 55.30
Bewertung: 4/5

Gotthard blühen auf! „Domino Effect“ ist die Kulmination ihrer harten Knochenarbeit, die offenbar den künstlerischen Karrierehöhepunkt erreicht! Unglaublich, wie ihnen das gelingt, bei den akrobatischen Kurven einer wilden Fahrt, die Labelwechsel und Besetzungswechsel verkraften muss. Aber offenbar ist das Gespann Leoni – Lee der kreative Antriebskern, der die Band zusammenhält und den Großteil von allem ausmacht, was Gotthard sind, waren und hoffentlich bleiben!

Trotz des begrüßenden Kniefalls vor der neuen Platte im Absatz oben wollen wir nicht groß philosophieren. „Domino Effect“ erschien gerade mal anderthalb Jahre nach „Lipservice“ (Herbst 2005). Und mit der Qualität, die in so kurzer Zeit erreicht wurde, beweist die Band, dass im Studio die Arbeitschemie ideal stimmt und sie obendrein das Eisen schmiedet, solange es glüht – Eisen von erstklassig rostfreier Herkunft, das die Qualität von „Lipservice“ übertrifft. Dahin kamen Bands früher nur langsam (auch im damaligen Mainstream der Siebziger und sogar Achtziger): Das dritte oder vierte Album brachte den künstlerischen „Peak“ und ehrliche Anerkennung von den Labels (sprich: ehrliche Bezahlung für ehrliche Mühe) wie auch von den Musikmassen (sprich: Immergrün-Status). Auch Gotthard gehen für heutige Verhältnisse, zu unserem großen Glück, diesen Weg, was für die Mehrheit der Hard-Rock- und Heavy-Metal-Relikte gilt (wenn wir uns nur auf diese beiden Genres beschränken). Sie sind weit weg vom Mainstream und vom MTV-Gestank, denn dort herrscht eine ganz andere Politik, eine Politik, die im neuen Jahrtausend gezielt die gesunde Evolution von Bands zerstört. Und Gotthard erfüllen treu zwei Ziele, deren Erfüllung die Band in stolz-fester Erektion hält. Erstens: ein Album zusammenzustellen, das ihnen selbst einzigartig gut gefällt, und gleichzeitig ihren treuen Kreis an Hard-Rock-Hörern, der bei Weitem nicht klein ist, mit noch einem hervorragenden Album zu belohnen. Siegreich. Künstlerisch ehrlich und frei.

Kommen wir zum Material von „Domino Effect“. Wie Steve Lee in einem Interview verraten hat, beschäftigen sich die Verse der Songs auf „Domino Effect“ – worauf schon der Albumtitel anspielt – mit der Verbreitung von Verleumdungen und Unwahrheiten. Die verbreiten sich (als felsenfeste und einzig heilige Wahrheit) von Mund zu Mund, über die Medien, bis die Nachricht am Ende den ganzen Planeten bedeckt. Ein alter, kranker Wahn der Menschheit, in den Händen von Gaunern aber ein manipulativer Zauberstab; die Geschichte lehrt uns leider nichts. Im Vergleich zu „Lipservice“ ist „Domino Effect“ mit einem Anteil an Songs vertreten, die mehr tragische Atmosphäre mitbringen, im Sinne einer Tiefe höherer Intensität, getragen von großen Leitmelodien, die das Drama mit einem Hauch Melancholie verbinden und sogar ein Quäntchen boshaft klingen können (ja, sogar das bei den sonst stets mit Freude und Positivität aufgeladenen Gotthard – Gone To Far) und dabei einen Hauch aufrichtigen Schmerzes nicht verbergen. Auf dem Album gibt es keine direkten Marschhymnen wie auf „Lipservice“ und man spürt keine Anstiftung zum sündhaft-lasziven „Boogie-en“ der Massen. Ihr werdet keine „Sing-along“-Hymnen wie All We Are oder Lift ‚U‘ Up von „Lipservice“ finden. „Domino Effect“ ist nicht so leidenschaftlich hedonistisch, ist der dunkle Zwillingsbruder von „Lipservice“ und deshalb deutlich sachlicher (oder realer). Die Gitarren, im Riffing tiefer gestimmt, wirken wie ein zusätzlicher effektiver Schraubstock, der den Hörer an den Ohren packt und ihm zu den großen klassischen Gotthard-Melodien und dem genialen Sänger Steve Lee am Mikro federleicht Gänsehaut die Wirbelsäule entlang jagt.

Was die Songs angeht, sind sie durch die Bank gleichwertig, hier gibt’s keine Qualitätseinbrüche zwischen den Nummern. Jede Sekunde des Albums ist gleichwertig, und zwar unglaublich. Trotz der Besessenheit der Band, 14 oder 15 Songs auf ihre Studioalben zu packen, findet sich kein Stück mit leerer Essenz oder der Funktion eines absichtlichen Füllers. Und das in gerade mal anderthalb Jahren, Ideen völlig überzeugend umgesetzt, was die Verbindung von kompositorischer Vollendung, die Schaffung atmosphärischer Frische und eingefangener Lebendigkeit des Sounds angeht. Die Jungs schlagen mit atmosphärischem Drama zu, das meisterhaft in die Magie des melodischen Hard Rock gekleidet ist: Master Of Illusion – ein stampfender „Rocker“ mit dem sinnlichen Zauber eines Klangvorhangs, gewoben zwischen Gitarrenriff und klassischem Hammond-Sound. Mit solchen Songs ist der Großteil des Albums gewürzt, mit einem tollen Höhepunkt in Now, platziert direkt vor der abschließenden Ballade Where Is Love When Its Gone. Dazwischen steht The Call, die Leitsingle des Albums „Domino Effect“, eine typische Gotthard-Powerballade, die gerade wegen ihrer Typhaftigkeit als „Single“ ausgekoppelt wurde – unverzichtbar, essenziell und schlitzohrig-scharfsinnig „gotthardisch“! Das Album glänzt mit einer Konsistenz, die auch von der erwähnten Schlussballade Where Is Love When Its Gone nicht gebremst wird, beeindruckend trauernd gewürzt mit alpiner „Quetschkommode“ (Rocker – nur keine Angst!). Diesmal stört es, anders als bei „Lipservice“, wo am Albumende gleich zwei Balladen hintereinander standen, absolut nicht, zumal Gotthard eine Ballade wie Where Is Love When Its Gone noch nie gemacht haben und sie den Hörer mühelos durch die Momente des Finales dieses siegreichen Albums wachhält. Auf dem Album sticht der rustikale, „whitesnake-eske“ Bad To The Bone heraus, aber völlig tragisch inspiriert. „Domino Effect“ besitzt nicht den einschmeichelnden Süßstoff von „Lipservice“. Es ist eine solide, sachliche Landung und im Hard-Rock-Jahr 2007 definitiv einer der künstlerischen Höhepunkte.

Die Zeit wird die Hinweise auf einen evolutionär-kreativen Höhepunkt bestätigen, der mit der vermittelten Vollendung von „Domino Effect“ erreicht worden sein soll. Ich kann es einfach zusammenfassen: „Domino Effect“, das neunte Studioalbum der Band in Folge, ist bislang ihr bestgekleidetes Hard-Rock-Album! Möge dieser kreative Schwung der Band so lange wie möglich anhalten!

Besetzung

Steve Lee – Gesang
Leo Leoni – Gitarre
Freddy Scherer – Gitarre
Marc Lynn – Bass
Hena Habegger – Schlagzeug

Tracklist

1. Master Of Illusion
2. Gone Too Far
3. Domino Effect
4. Falling
5. The Call
6. The Oscar Goes To You
7. The Cruiser (Judgement Day)
8. Heal Me
9. Letter To A Friend
10. Tomorrow’s Just Begun
11. Come Alive
12. Bad To The Bone
13. Now
14. Where Is Love When Its Gone

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