DNA D – `weißes Album`
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Dan D
Label: ZKP RTV Slovenija
Erschienen: 2015
Laufzeit: 32:15
Wertung: 4/5
Nach sechs Jahren kehren Dan D mit neuem Eigenmaterial, das in einem neuen Langspieler-Studiowerk gebündelt wurde, zurück auf die Bühne. Dan D sind eine Band mit großem Talent und reicher Erfahrung. Diese abgebrühten Musiker überlassen nichts dem Zufall, und ihre eigenen Werke haben stets musikalische Kost von handfester, vollblütiger Substanz geliefert. So authentisch wie möglich. Das haben Dan D stets durch einen gesunden Entwicklungspfad und künstlerisches Reifen erreicht.
Klären wir gleich zu Beginn das Wesentliche der neuen Geschichte von Dan D! Denn hier liegt nur die erste Hälfte des Albums »DNA D« vor – die zweite erscheint am 1.11.2015. Wer sich die physische Version dieses Albums zulegt, wird schnell feststellen, dass in der Verpackung noch Platz für eine weitere CD ist – auf die man aber noch etwas warten muss! Wir rezensieren also nur die erste Hälfte des Albums! Das ist eine etwas undankbare Aufgabe, denn nach dem 1.11.2015 muss man dieses Album unbedingt als Ganzes hören. Erst die erste CD, dann die zweite – nur so kann die gesamte Aussage wirklich vollblütig zünden!
Nach dem mehr als schönen Erfolg der Tiho-Tour, die das Album »Tiho« (2013) hervorbrachte, bei der die Jungs ihr klassisches Material ausgezogen und in ein völlig anderes Arrangement-Kleid gesteckt haben, in dem Löffel, Kochlöffel, Reiben… die Hauptrolle übernahmen, hat sich die Band zu einem neuen radikalen Schachzug entschieden. Dan D waren nämlich schon immer für ihre sprühenden Einfälle bekannt, wenn es darum geht, neue künstlerische Wege einzuschlagen. So haben sie auch für das Album »DNA D« einige höchst angenehme Überraschungen aus dem Ärmel gezogen, die dem musikalischen Dossier der Gruppe viel charakterliche Frische erhalten. Die Band besann sich damit auf den Urkern des Rock’n’Roll. Auf die ursprüngliche Information. Auf das, was in der Welt der Lebewesen gewissermaßen jene Abfolge von Informationen generiert, die in einem Molekül der Desoxyribonukleinsäure (DNA) gespeichert ist – womit wir auf provokative Weise das Feld der Molekulargenetik betreten. Wird Rock’n’Roll vererbt? Von Generation zu Generation? Gibt es in unseren Allelen eine Codierung dafür? Der Kern liegt genau dort. Das ist unbestreitbar.
So haben Dan D das neue Material sehr elementar angegangen. Das Material umfasst in 11 Songs gerade mal eine halbe Stunde. Ohne übertriebenes »Verschönern« der Leitmotive kennt »DNA D« auch nicht jene »freundliche« Poesie, die wir vom stets »liebenswert-wehmütigen« Tokac gewohnt sind. Was wir auf dem Album »DNA D« bekommen haben, hatte das neue Material bereits »leise« angedeutet, das Dan D auf der Tiho-Tour mit den neuen Songs Rekli so, Kamn und Čuti se kot konec sveta vorgestellt hatten. Aus Čuti se kot konec sveta entstand für das neue Album der Song Kozlam, aus Rekli so hingegen Kurbin sin. Genug mit dem »Verschönern« – auch Tokac hat endlich seine wutentbrannten Punker-Zähne gezeigt! Das Grundaxiom des Rock’n’Roll ist auch gesunde Provokation, Satire und Parodie, gewürzt mit einer guten Dosis schwarzem Humor. Dazu kommt im richtigen Moment eine echte Schocktherapie, die durch gesunde Provokation ausgelöst wird, mit der jeder Rocker die Abrechnung mit der muffig-rigiden Welt der Tabus sucht. Das ist der Urkern des Rock’n’Roll. Jüngst haben Mi2 mit dem Album »Čista jeba« zugeschlagen, und Dan D eröffnen ihr Album mit dem Song Kozlam und unterstreichen die süße einleitende Perversion mit ihrer noch süßeren Fortsetzung in Kurbin sin.
Mit »DNA D« sind Dan D also von den »Himmeln« auf den harten Boden der Realität herabgestiegen! Den Boden des ursprünglichen Rock’n’Roll-Formats, dem sie zu 100% auf Dan-D-typische Art begegnen. Und was bringt das neue Werk nun also? Kozlam ist ein Song, der von einem klassischen Gitarrenriff angeführt wird – nach dem Vorbild von AC/DC. Ja, du liest richtig. Für diesen Song haben Dan D Gregor Skočir (Big Foot Mama), Tone Kregar (Mi2), Jernej Dirnbek (MI2), Tomi Meglič (Siddharta) und Borut Marolt (Niet) ins Studio eingeladen, um gemeinsam mit Tokac am Mikrofon die eröffnende, knallharte Hardrock-Messe abzuheulen. Der kluge Text der stürmischen Eröffnung besitzt darstellerische Wucht und Leidenschaft. Kurbin sin bringt eine Dosis Artismus in den Punk-Charakter, die Poesie bewahrt eine angenehme Prise Ironie, und der Dan-D-Witz nimmt die gefälligen Konturen von so etwas wie The Ramones oder den frühen Werken Billy Idols an. Brat moj dreht die Energie des Albums auf den Kopf – Tokac ist in Produktion und Ansatz schizophren entfremdet, als käme seine Predigt aus einer anderen Galaxie: ein extraterrestrischer Gesang. Der Disco-Rhythmus und das punkige Gitarrenklirren erkunden gemeinsam mit den Keyboards Parallelen zur alten Schule des »New Wave«, als der Punk begann, sich mit der Elektronik anzufreunden. Hlapec gilt als typischer slowenischer Punkrock-Song – Tokac geht ihn ebenfalls abgehackt und näselnd an; den Song könnte in einer anderen Geschichte auch Niet für sich beanspruchen. Abgespeckt und ohne jegliche Komplikationen, aber deutlich beschleunigter, wiederholen die Jungs diese Geschichte später mit dem Song Odrešitev. Die rockige Energie des Anfangsteils des Albums lockert das scheue, aber prickelnde SKA-Scherzstück Mama ne dovoli auf. Sonca dva nähert sich stark der Raffinesse der kompositorischen Seite der Gruppe an. Obwohl erneut ein Disco-Rhythmus eingesetzt wird, versehen mit verschmiertem Akkordgeklimper, leitet der Einsatz minimalistischer Keyboard-Tricks Tokacs vokale Geschmeidigkeit (voll feiner Sensibilität) – und fügt, eben durch die effektive Anwendung des Axioms »weniger ist mehr«, dem Song ein wichtiges Element der stimmungsmäßigen Wirkung hinzu. Dan D entfalten in diesem Song auch optimale Musikalität. Der Song Zdaj gre zares ist ein interessanter »Hybrid«. Er eröffnet mit einem klassischen Old-School-Gitarrenriff, nimmt aber im weiteren Verlauf eine dreckige Punk-Infektiosität an. Dazu gesellen sich New-Wave-Keyboards der frühen Achtziger. Als würden The Cult versuchen, Deep Purple zu spielen (ich weiß, die Erwähnung der Letzteren klingt fast wie Blasphemie), und dabei die Synthesizer bei den frühen Simple Minds gestohlen haben. Die Referenzen sind absichtlich bizarr überzeichnet, damit ihr euch vorab (bevor ihr den Song selbst hört) leichter mit der grundlegenden Struktur des Songs vertraut machen könnt – der gleichwohl in allem erkennbar Dan-D-typisch klingt! Ein gekonnt gelungenes Experiment. Als Finale verbirgt sich auf dem Album eine »versteckte« Coverversion des Niet-Songs Lep dan za smrt, die Tokacs Stimmfarbe unglaublich gut steht.
Der erste Teil der Geschichte um DNA D hat also angenehm überrascht und geschockt. Er ist eine Meile weit entfernt vom Album »Ura leta za ekstravagantne ptice« (2009), doch ist er in allem vom streng wiedererkennbaren Dan-D-Ansatz geprägt. Deshalb wird es umso interessanter sein, seiner Fortsetzung zu lauschen. Wir rechnen mit einer Fortsetzung voller mutiger künstlerischer Selbstherausforderung der Gruppe Dan D, die sie schon immer freiheitsliebend aus einer gesunden, spontanen und ungezwungenen Entwicklungslust zur Schöpfung eigenständiger Originalität heraus generiert.
Besetzung
Tomislav Jovanović (Tokac) – Gitarre, Gesang
Marko Turk (Tučo) – Gitarre
Boštjan Grubar (Bošti) – Keyboards
Nikola Sekulović – Bassgitarre
Dušan Obradinović (Obra) – Schlagzeug
Produktion
Žarko Pak
Trackliste
1. Kozlam
2. Kurbin sin
3. Brat moj
4. Hlapec
5. Mama ne dovoli
6. Odrešitev
7. Ona sanja
8. Solze iz neba
9. Sonca dva
10. Zdaj gre zares
11. …