Die tragischen Idole von Paradise Lost (2012)
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Kino Šiška
Konzertdatum: 14.10.2012
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 18€/22€
Etwas jüngere Metal-Konzertbesucher hatten (habe ich auch) nicht die Gelegenheit, den heute bereits legendären Konzerten beizuwohnen, die bei uns vor fünfzehn, zwanzig Jahren stattfanden. An Locations, auf die man heute nicht einmal im Traum tippen würde, dass sie einst legendäre Bands beherbergt haben, fand so manches Konzert statt, über das heute etwas Ältere berichten, während dem Rest bei ihren Erinnerungen das Wasser im Mund zusammenläuft und man mit ungläubigen und ehrfürchtigen Augen dreinstarrt. In den Neunzigern gastierten bei uns so Judas Priest/Pantera/Annihilator (Ljubljana, 1991), Faith No More/Cathedral (Ljubljana, 1993), Slayer/Machine Head (Ljubljana, 1994), Saxon (Kobjeglava, 1995), Black Sabbath (Sežana, 1995), Napalm Death/At the Gates (Kobjeglava, 1996) und viele andere. Darunter auch die Pioniere des Doom und Gothic Metal, die britischen Urväter Paradise Lost – 1992 im Hum mit Tiamat, 1994 mit Crowbar in Ljubljana, zuletzt trat die Band 1997 in der Festivalni dvorana in Ljubljana auf. Bis zum vergangenen Sonntag, als Paradise Lost nach fünfzehn Jahren wieder nach Ljubljana zurückkehrten. ’97 mit One Second, diesmal mit ihrem dreizehnten Studioalbum Tragic Idol.
Unangekündigt und überraschend betraten kurz nach acht als Erste die Zagreber Darker-Truppe Phantasmagoria die Bühne, die auf den offiziellen Plakaten lediglich als Vorband für den nächsten Tag in der Zagreber Halle Pogon Jedinstvo aufgeführt war. Die kroatischen Düsterlinge gelten bei den Nachbarn als Goth-Veteranen, denn sie sind seit 1988 aktiv und zählen als einer der größten Underground-Acts des Genres. Phantasmagoria schöpfen stark aus dem Post-Punk à la Joy Division und New Order, fügen dem eine düstere und kraftvolle Gothic-Note hinzu, geprägt von Bands wie The Sisters of Mercy und The 69 Eyes, und die kroatische Formation würzt das Ganze noch mit einer Prise ex-jugoslawischem Neue-Welle-Flair. Unter der Führung des tiefen, düsteren Vocals von Frontmann Tomi servieren Phantasmagoria vor allem rhythmisch reichhaltige Musik, die durchgehend von einem atmosphärischen Spiel melancholischer Keyboard-Teppiche und Darker-Ikonografie begleitet wird. Die kroatische Band liegt weit von dem entfernt, was sich meine Ohren auch in der Freizeit geben würden – aber man muss zugeben: Ihren Job haben sie sauber und souverän erledigt.
Weitaus, weitaus heißer erwartet waren hingegen die frischgebackenen Progressive-Schwergewichte Soen, in denen Bassist Martin Lopez (ex-Opeth, ex-Amon Amarth), der legendäre Bass-Maestro Steve DiGiorgio (Sadus, Death, Control Denied, Testament, Iced Earth und eine Million andere), Sänger Joel Ekelöf (Willowtree) sowie Gitarrist Kim Platbarzdis ihre Fähigkeiten vereint haben. Die Band veröffentlichte diesen Februar ihr Debütalbum Cognitive, das sowohl bei Kritikern als auch Fans hervorragend ankam, und Soen machten ihre allerersten Bühnenschritte genau auf dieser Tour mit Paradise Lost. Von einer Supergroup war viel zu erwarten – und diese Erwartungen haben sie vom ersten Ton an mehr als erfüllt. Der kristallklare Sound ließ die Band in vollem Glanz erstrahlen; von der spektakulären Rhythmusfraktion, die den Takt wie ein bestens drillierter Soldat vorgab, bis hin zu hypnotischen Momenten dank atmosphärischer Keyboards und vokaler Ekstase. Leider blieb DiGiorgio zu Hause, und wir wurden damit um seine unfehlbaren Slides auf seinem Mjolnir Fretless-Bass gebracht – aber sein »Ersatzmann« hat seinen Job mehr als gut gemacht. Lopez thronte erwartungsgemäß hinter seinem massiven Drumset, dem er spielerisch komplexe rhythmische Patterns, packende und abwechslungsreiche Übergänge sowie stellenweise sogar Tribal-Muster entlockte – bei denen ihm der Keyboarder gelegentlich am Schlagzeug zur Seite stand. Soen sind trotz der zeitweise (zu) offensichtlichen Ähnlichkeit zu Tool und Opeth wie eine Gezeitenwelle, die dich mal langsam und mal wieder brutal trifft. In einen hypnotischen Trancezustand katapultieren dich immer wieder die fantastischen Basslinien, Lopezʼ phänomenales Drumming und Joels melancholischer Gesang, der live in den Refrains mit Vokalharmonien einem die Nackenhaare aufstellt. Etwas eintöniger sind lediglich Kims Gitarrenlinien, die neben der überragenden Rhythmusfraktion blass und zahm wirken und am deutlichsten im djenty, meshuggahhaften Intro von Oscillation an die Oberfläche kommen. Aber angesichts des Gezeigten zweifle ich nicht daran, dass für Soen nichts anderes als ein steiler Aufstieg wartet!
Einige Minuten nach zehn betraten dann nach langen fünfzehn Jahren wieder die britischen Urgesteine des Doom und noch mehr Gothic Metal, Paradise Lost, die Ljublaner Bühne. Der Sonntagabend war genau der richtige für eine Portion melancholisch (Montag ist halt wieder Arbeitstag, hehe) gefärbten Metals, und die Briten beschworen über Ljubljana sogar noch Regen herauf, der zum Abend passte wie die Faust aufs Auge. Paradise Lost eröffneten mit dem ikonischen Widow und hatten anfangs noch stark mit dem Sound zu kämpfen, der zu laut und stark verschmiert war – zum Glück aber schnell besser wurde. Paradise Lost fliegen momentan noch immer hoch auf den Schwingen ihres kürzlich erschienenen Albums Tragic Idol, das sie diesmal gleich zu Beginn mit Honesty in Death einleiteten und im weiteren Verlauf noch mit In This We Dwell, Tragic Idol und Fear of Impending Hell vorstellten. Instrumental klangen die Jungs ausgezeichnet! Der immer gut gelaunte, grinsende Aaron Aedy lieferte wieder zuverlässig das rhythmische Fundament für den außergewöhnlichen Mackintosh, dessen gruselig melancholische Gitarrenlinien und fantastische Soli wieder in den Vordergrund drängten und den Abend dominierten. Mackintosh – wohl auch unter dem Einfluss seiner neuen Band Vallenfyre – ist vermutlich das größte Triebwerk hinter dem deutlich gitarren- und aggressionsbetonteren neuen Material, das nach den tanzbaren »Depeche Mode wannabe«-Platten aus den Neunzigern wieder klingt wie Icon oder Draconian Times. Auch die Rhythmusfraktion lieferte Spitzenarbeit – der alte Hase Adrian Erlandsson wirkt, als wäre er von Anfang an dabei gewesen, und Edmondson liefert trotz seines immer gleich starr-leblosen Blicks (und dem Aussehen von Figuren aus Dawn of the Dead) zuverlässiges und tiefes Bass-Grummeln. Die große Unbekannte ist aber nach wie vor Nick Holmes, denn seine Gesangsleistung ist eine echte Wundertüte – mal solide, mal totales Debakel. Diesmal legte Holmes den mittleren Gang ein und schaffte es irgendwie, sich bis ans Ende des Sets durchzuhangeln, auch wenn er zwischendurch ordentlich ins Schlingern geriet, Gesangslinien mehrfach dem Publikum überließ oder sie schlicht wegließ und ins Mikrofon ein paar Sätze völlig danebenmummelte. Milan Vidoviti würde ihm wahrscheinlich empfehlen: »nek pušta kosu!« Auch die Setliste bot keine größeren Überraschungen; neue Songs von den letzten drei Alben gab es fast zu viele, in der Setmitte für meinen Geschmack den ein oder anderen Disco-Track zu viel – die angenehmste Überraschung lieferte zweifellos der Shades of God-Klassiker Pity the Sadness. Instrumental natürlich überragend, vokal eben nicht. Paradise Lost beendeten das Set nach gerade mal eineinviertel Stunden – für einen Solo-Headliner-Auftritt eindeutig zu wenig – erwartungsgemäß mit dem Hit Say Just Words, und das Konzert wird als solider, aber weit von einem Highlight entfernter Abend in Erinnerung bleiben.
Setliste
PARADISE LOST:
1. Widow
2. Honesty in Death
3. Erased
4. Enchantment
5. Soul Courageous
6. In This We Dwell
7. Praise Lamented Shade
8. Pity the Sadness
9. As I Die
10. One Second
11. Tragic Idol
12. The Enemy
– – Zugabe – –
13. Embers Fire
14. Fear of Impending Hell
15. Faith Divides Us – Death Unites Us
16. Say Just Words
Bildergalerie




































