Destroyed

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Künstler: Moby
Label: EMI Records
Erschienen: 2011
Laufzeit: 71:39
Wertung: 3.5/5

Moby ist ein fleißiger Kerl. Seit zwanzig Jahren ist er mit Veröffentlichungen aktiv und bringt in diesem Jahr bereits sein zehntes Studioalbum heraus. „Destroyed“ wurde, wie Moby selbst erzählte, überwiegend zur Nachtzeit aufgenommen. Angeblich „litt“ der „arme“ Moby  auf der letzten Tournee unter Schlaflosigkeit (Insomnia), und so entstand zu den ungewöhnlichsten Tageszeiten (lies: „die Nacht hat ihre Macht“) neue Musik von Moby. Am Ende weiß man in diesem Fall gar nicht, ob das ein Segen oder ein Fluch ist.

Moby bleibt im Gesamtklang des neuen Albums in der „Wait For Me“-Direktive, auf dem Album sind sage und schreibe fünfzehn Songs und fast 72 Minuten Musik versammelt. Das Ganze kann zweischneidig wirken, aber lass uns versuchen, uns in die Nähe des künstlerischen Geistes und seiner musikalischen Wahrnehmung zu begeben. Düstere Elektronik. Nichts Neues, beziehungsweise eine Rückkehr in die Dunkelheit, aus der Moby auf der Bildfläche eigentlich aufgetaucht ist. Stell dir vor. Ein Hotelzimmer in einer Großstadt, in dem Moby untergebracht ist, um sich nach einem Konzert zu erholen. Griffbereit eine Gitarre und vielleicht irgendein kleines Casio-Taschenspielzeug. Alles schläft, nur Moby nicht. Draußen blinken die Neonlichter der Reklameschilder, die Straßenbeleuchtung ist sein einziger Freund, der keinen Schlaf kennt, und der einsame Mann beobachtet das alles durch ein weitläufiges Fenster vom zwanzigsten (plus) Stockwerk. Eine Idee blitzt auf, zwei sogar drei… Er greift zum handlichen musikalischen Requisit, singt, summt sich eine Melodielinie und nimmt das alles auf dem Mobiltelefon auf. So etwa entstanden die primitiven Muster neuer Songs für das Album „Destroyed“. Tatsächlich ist die in diesen 72 Minuten eingefangene Stimmung ein echtes Ambient-Abenteuer des Treibens in den Armen der nächtlichen Herrschaft, einer typischen transzendent-cerebralen Entrücktheit, die eben durch die Hebel von Mobys bis heute bereits gründlich erprobt em Artismus bedingt ist. Unter den „nächtlichen Momenten“ des Albums sticht das ganz und gar prächtige Sevastopol heraus, das den Ambient-Höhepunkt des Albums bildet..

Das Gefühl ist, als ginge es diesmal nicht um ein richtiges Studioalbum, sondern um eine Sammlung inspirierter Demo-Aufnahmen, die spontan entstanden sind, gelegentlich, völlig unprätentiös und im Lichte einer Spontaneität, die vom jeweiligen Zustand des künstlerischen Geistes, der Inspiration und der Empfänglichkeit für den „Abschaltzustand“ angetrieben wird. Ambient ist alles, was einem bleibt, wenn man zum Mann wird, der ganz allein die Regler an Mischpulten und Instrumente im Studio bedient. Dazu lädst du drei bewährte Sängerinnen ein, lieferst selbst noch ein paar eigene Vocals ab, die du dann nach Belieben ins Gewebe der Songs integrierst, sodass auch sie mehr oder weniger wie angepasste Klangmuster des Programmings wirken. Die Nacht hat Moby diesmal weit getragen. Im Verlauf der Ereignisse lässt sich erkennen, dass einige Songs „ausgewalzt“ sind und kaum Abweichungen von der grundlegenden Leitphrase aufweisen, an die sich die Klangschleifen knüpfen. Einer dieser Songs ist zum Beispiel der Track kurz vor dem Ende des Albums mit dem Titel Lacrimae, der auf acht Minuten gedehnt ist, aber nicht mehr als eine Abfolge von fünf Tönen aufweist. Er besitzt nämlich enormes Entwicklungspotenzial für weiteres Aufbrechen, aus dem Moby mit etwas mehr Detailarbeit viel mehr hätte herausholen können. Solche Empfindungen tauchen auch in Songs wie Victoria Lucas oder The Violent Bear It Away auf. Ungeachtet des feinsinnig graduiert schwankenden Ambients beim Zusammenfügen einzelner elektronischer Muster hält die Grundphrase eine definierte Form, die sich nicht verändert. Deshalb entsteht das Gefühl, dass sich einige Songs deutlich früher abschließen ließen, als sie es tun. Darauf weisen vor allem die zahlreichen Wiederholungen der grundlegenden Leitphrasen hin. Natürlich fällt dieses Gefühl weg, wenn du das Album bei einer langen Nachtfahrt im Auto hörst. Das tut ausgezeichnet gut. Nur die Heizung lieber nicht einschalten, damit das so geschaffene Kleinklima dich bei der Fahrt nicht in einen tiefen Schlaf katapultiert.

Da Moby ein amerikanischer Musiker ist, ist er im Ausdruck für anspruchsvollere europäische Ohren überaus zugänglich. Seine Musik evoziert nämlich vielfach Stimmungen, die einige Größen auf dem Gebiet der Pionierarbeit in der elektronischen Musik durch ihre markanten Werke und zu ihrer Zeit vermittelt haben – von Kraftwerk (man kann das auch auf Kraut Rock ausweiten), Jean Michel Jarre, Brian Eno, Depeche Mode, New Order,… Blue Moon flirtet sogar angenehm mit dem Gestus und dem Werk der „Shoegaze“-Bewegung aus längst vergangenen Zeiten. Dann ist da The Day, das sogar einige Richtlinien aus einer eingefangenen Klanglandschaft zieht, die Mobys „entfremdet-düsteren“ Gesang wirkungsvoll umgibt – einer Klanglandschaft, wie sie seinerzeit der Gitarren-Genie und Pionier Robert Fripp (King Crimson) aufbaute, vor allem wenn man sich seinen Touch auf den Alben „Heroes“ und „Scary Monsters“ von David Bowie ins Gedächtnis ruft. Kurzum, all das entstand in Europa. Moby hat längst auch bewiesen, dass er nicht bloß eine kommerzielle Modeerscheinung ist, sondern ein raffinierter musikalischer Künstler, der auch konkrete Greifbarkeit und Fassbarkeit eigener abenteuerlustiger, vom Nachahmen anderer völlig unbelasteter und im Ausdruck eigenständiger Werke bietet.

Das nächtliche „Destroyed“ ist kein Höhepunkt in Mobys Schaffen, gehört auch nicht zur Spitze seiner markantesten Werke – dennoch legt es einige der bislang noch nicht verwirklichten Visionen des Musikers erfolgreich frei. Wohltuend ist seine Entspanntheit, Unprätentiösität, Unaufdringlichkeit bei der Suche nach dem obligatorischen Hit. Gleichzeitig bleibt bei all diesem Pedigree großer Relaxtheit das Gefühl, dass Moby bei etwas mehr Vertiefung und Schleifen der Grundformen in lebendigere und dynamischere Strukturen aus seinem Artismus des elektronischen Handwerks viel mehr hätte herausholen können. Daraus folgt der logische Schluss, dass das Album nach der Schaffung der grundlegenden Demo-Entwürfe sehr schnell entstanden ist. Also, diesmal lohnt es sich, im Hinterkopf zu behalten, dass dies ein Album ist, das man nachts hört – dort entfaltet es in der Vermittlung seiner eingefangenen Empfindungen die größte Wirkung und Intensität. Natürlich kein Überflieger in Mobys Opus, aber allen bisherigen glühenden Anhängern von Mobys Musik wie auf den Leib geschrieben.  

Besetzung

Moby – Programmierung, Gitarre, Keyboards, Gesang, Bass, Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Emily Zuzik – Gesang auf Track Nr. 4
Inyang Bassey – Gesang auf den Tracks Nr. 5., 8. und 11.
Joy Malcolm – Gesang auf Track Nr. 7.
Anna Maria Friman – Gesang auf Track Nr. 12

Produktion

Moby

Trackliste

1. The Broken Places (4:10)
2. Be The One (3:29)
3. Sevastopol (4:21)
4. The Low Hum (4:13)
5. Rockets (4:47)
6. The Day (4:32)
7. Lie Down in Darkness (4:26)
8. Victoria Lucas (5:55)
9. After (5:30)
10. Blue Moon (3:31)
11. The Right Thing (4:26)
12. Stella Maris (5:14)
13. The Violent Bear It Away (6:50)
14. Lacrimae (8:05)
15. When You Are Old (2:19)

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