Der letzte Meilenstein für Iron Maiden (2011)

0 10

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Frankfurt am Main / Festhalle / Deutschland
Konzertdatum: 27.05.2011
Besucherzahl: 12.000

Iron Maiden, neues Album, neue Tournee! Sieben Shows in geschlossenen Hallen. Alle sieben in Deutschland. Eine kleine deutsche Indoor-Tournee also! Die erste davon in Frankfurt. Und dorthin macht sich auch unser Team auf. Die Festhalle in Frankfurt war schon Monate im Voraus ausverkauft.

Das neue Studioalbum der Band mit dem Titel „The Final Frontier“ ist letzten August erschienen. Iron Maiden haben es bereits im vergangenen Sommer bei einigen Auftritten in Europa vorgestellt. Wer sie am 17.08.2010 in Codroipo (bei Palmanova) in Italien erwischt hat, bekam eine anderthalb Stunden dauernde Reise durch ein Repertoire geboten, das hauptsächlich auf Iron Maiden-Material ab dem Jahr 2000 ausgerichtet war. So fanden einige hervorragende Songs wieder einen Platz in der Setlist, wie Ghost Of The Navigator, Brave New World, No More Lies und Dance Of Death.

In diesem Jahr kehren Iron Maiden mit exakt derselben Bühneninszenierung zurück, die sie schon im letzten Jahr auf den Bühnen gezeigt haben. Es ist eine Weltraum-Basisstation, was perfekt zum Cover des neuen Albums passt. Der Unterschied: Diesmal ist die Promotion des neuen Albums noch umfangreicher, was sich in einer leicht umstrukturierten Setlist widerspiegelt, die mehr Songs vom neuen Album enthält — dafür kehren aber auch Klassiker aus dem eisernen Repertoire zurück: The Trooper, Two Minutes To Midnight und The Evil That Man Do.

Zehn Minuten vor acht Uhr abends betrat die Vorband Rise To Remain die fröhlich schwatzende und klirrend raschelnde Festhalle. Von solchen Bands gibt es heute unzählige, wie Sand am Meer. Sie als Metalcore abzustempeln wäre zu eng, Crossover zu unscharf. Hier gibt es zerhackende Riffs, Breaks, und gleichzeitig das Handwerk oldschooler Doppelharmonien auf den Gitarren. Der Gesang ist natürlich krächzend-schreierisch oder weinerlich-klar, eigentlich „Emo“. Die Band ist ein Quintett, und am Mikrofon steht Bruce Dickinson junior, genauer gesagt Austin Dickinson. Austin sieht dem Vater natürlich wie aus dem Gesicht geschnitten. Rein äußerlich, wohlgemerkt — nur dass der Vater Anfang der Achtziger keine „Emo“-Frisur trug, wie sein Sohn sie heute trägt. Stimmlich ist Austin von seinem Vater Lichtjahre entfernt, und er muss auch gar nicht so talentiert sein wie sein Vater. Rise To Remain sind dafür schlicht zu schwach. Die Songs The Serpent, Purify, Illusive Existence, Salvation, Power Through Fear, Nothing Left, Bridges Will Burn haben nichts Greifbares hinterlassen außer der Tatsache, dass hier ein neuer Metalcore-Klon aus Großbritannien vor uns röhrt. Die Band hat ihr Repertoire gemäß den Vorgaben der Tournee und den Regeln der Vorband-Rolle abgespult — das war’s. Austin hat bewiesen, dass er in Ansprachen geschickt die Zunge zu drehen weiß, was er zweifellos von seinem weitaus berühmteren Vater geerbt hat. Wer Bands wie Bullet For My Vaentine und Funeral For A Friend mag, sollte Rise To Remain definitiv checken. Leider hat die Band nichts hinterlassen außer dem bitteren Gefühl, nur dank guter Verbindungen und Beziehungen in dieser Rolle zu stecken. Wahrscheinlich werden wir sie noch so an die drei Jahre in Folge in dieser Rolle vor jedem Iron Maiden-Konzert sehen — so wie es bei der Band der Tochter von Iron Maiden-Bassist Steve Harris, Lauren Harris, der Fall war. Die traurige Wahrheit: Vorbands bei Iron Maiden sind, mehr oder weniger, meist nur Zeitfresser.

Endlich! Neun Uhr abends! Die Halle ist brechend voll. Nur an den äußersten Tribünenplätzen ganz hinten und im Parkett — ebenfalls ganz hinten — gibt es noch vereinzelt Platz. Eine vertraute Melodie erklingt. Das Intro des U.F.O.-Songs Doctor Doctor, und die Halle entzündet sich buchstäblich in einer Hitzewelle, wie sie eine mehrere tausend Köpfe starke Parkett-Menge entfacht. Banner und mit Aufschriften verzierte Fahnen flattern auf. Die Halle verdunkelt sich. Es folgt das aufgenommene Intro des Eröffnungsstücks Satellite 15… The Final Frontier. Bis zur Hälfte. An den äußersten Bühnenrändern leuchten auf beiden Seiten Scheinwerfer auf, die den Bandmitgliedern den Weg auf die Bühne weisen. Die Hälfte des Songs ist vorbei! Die Silhouetten von Iron Maiden zeichnen sich auf der Bühne ab, ein kurzer Schlagzeug-Übergang folgt — und dann zünden die echten Maiden auf der Bühne.

Das apokalyptische Stück steht Iron Maiden gut zu Gesicht. Es wirkt auf die Band befreiend, Dickinson wärmt darin seine Stimmbänder schrittweise auf. Iron Maiden sind unglaublich routiniert. Auf der Bühne verrenken sie sich in alle möglichen Positionen — allen voran Janick Gers, bei dem manchmal gar nicht so klar ist, ob er bei all diesem Herumtollen überhaupt noch die exakten Gitarrenparts hinbekommt. Genau dieses leichtfüßige Herumrennen und die schnellen Positionswechsel auf der Bühne vermitteln das Gefühl, Iron Maiden sei eine ewig junge Band, der der Zahn der Zeit einfach nichts anhaben kann. Wenn Dave Murray vielleicht das eine oder andere Kilo zugelegt hat — was seine stets straffen und geröteten Wangen nicht ganz verbergen können —, dann hält sich zum Beispiel Steve Harris mit seiner üppigen Mähne noch immer bemerkenswert gut. Er wirkt wie ein echter Teenager.

Iron Maiden sind eine Band, die sofort mit dem Publikum verschmilzt! Im Nu. Dazu trägt vor allem das intensive Zusammenspiel von Dickinson und Harris bei. Dickinson ist sowieso ein geborener Anführer, der dich mit seiner entfesselten Show hypnotisiert. Ja. Auch nach dreißig Jahren. Harris ist der Faktor, der aus dem Hintergrund das Geschehen jederzeit unter Kontrolle hält. Typisch für ihn: der ständige Blickkontakt mit der Menge und das Mitverfolgen der Texte, die er mit dem Publikum regelrecht im Chor singt. Natürlich war auch die legendäre Harris-Pose dabei — Fuß auf dem Monitor, Bassgitarre auf das Publikum gerichtet. Genau dieses Element ist ein perfekter Zünder, weshalb es nur logisch ist, dass das Publikum davor buchstäblich durchdreht. So heftig, dass die Leute darunter echten Unsinn anstellen. Aber das Volk ist so mitgerissen, dass es sämtliche Songs mit der Band mitsingt und selbst bei der Ankündigung der neuesten Songs in stürmische Ovationen ausbricht 

Wie immer hatte die Band auch diesmal ein paar Schwierigkeiten mit der Soundkalibrierung in der Halle. Bei Coming Home hatten sie es dann so richtig hingebogen. Während des Auftritts klangen die Soli und einzelne Gitarrenharmonien punktuell etwas undeutlicher. Bruce Dickinson sang hervorragend. Voll und klar. Man spürte, dass der Sänger völlig frisch ist, dass es das erste Konzert ist, und so glühte diesmal in seinem Blut die Euphorie und die ungeduldige Vorfreude, wieder auf die Bühne zu gehen. Die Gitarren waren im Mix während des Konzerts etwas zu leise eingestellt.

Die Besetzung hat an der Bühnengarderobe nichts geändert. Dickinson sieht auf der Bühne genauso aus wie im letzten Jahr. Psycho Ward-T-Shirt, Schornsteinfeger-Mütze und Militärhosen. Bruce ist ein lebhafter Bursche. Halsbrecherische Sprünge mit Anlauf blieben dabei natürlich nicht aus — und Bruce nutzte auch das Extrapodest hinter McBrains Schlagzeug als zusätzliche Rennstrecke, das zu den äußersten Rändern der rechten und linken Seite der Konzertbühne führt. Bei The Trooper streifte Dickinson sich pflichtgemäß die rote britische Militärjacke über und ließ die Fahne Großbritanniens im Wind flattern. In seinen Ansprachen bleibt der Mann wie gehabt äußerst einfallsreich. Er verbindet seine Arroganz geschickt und stilvoll mit Humor, so dass das Ganze wie eine bilderbuchreife Willkommensfeier und notwendige Anfeuerung des Iron Maiden-Konzertspektakels wirkt.  Vor Blood Brothers gönnte sich Bruce eine besonders lange Ansprache, in der er verriet, dass die Band hocherfreut ist, nach langer Zeit wieder eine Hallentournee durch Deutschland spielen zu können, was sie seit Jahren nicht mehr getan hatte. Gleichzeitig beschrieb er all die möglichen kosmischen Wesen, vor denen die Band in all den Jahren ihrer ungebrochenen Karriere schon aufgetreten ist. Sogar vor Kannibalen — bei dieser Gelegenheit warf er einen prüfenden Blick in seinen Schritt und stellte gewitzt fest: „Aha, noch da!“ — bevor er die Geschichte mit der Widmung von Blood Brothers ans Publikum abschloss. Auf der letztjährigen Tournee hatten Iron Maiden diesen Song bei Konzerten der verstorbenen Rock-Ikone Ronnie James Dio gewidmet. Gegen Ende informierte Dickinson als begeisterter Fußballfan die Leute in der Halle, dass Barcelona Manchester mit 3:1 abgeknallt hat. Das Ergebnis sagte den Deutschen nichts — und Bruce als Liverpool-Fan ebenfalls.

Iron Maiden spielen heute nicht mehr so wie in den Achtzigern. Das liegt natürlich vor allem an der Integration des dritten Gitarristen. Janick hat einige Soli übernommen, die früher Adrian Smith gespielt hat, was den alteingesessenen Iron Maiden-Hardlinern natürlich niemals wirklich passen wird. Es kommt vor, dass der Kontrast zwischen Murray und Gers an bestimmten Stellen besonders deutlich hervortritt. Zum Beispiel bei den Soli wie in Fear Of The Dark. Wenn Gers sich durch seinen Part durchkämpft, wird er im Handumdrehen vom deutlich präziseren und kontrollierten Sound von Murray überschattet. Noch mehr: Schon der erste, genau auf Nasenhöhe gezogene „Pull-off“ klingt brillant voll und klar — und wenn Dave anfängt, blitzschnelle „Triller“ zu spielen, wird sofort offensichtlich, dass die Bausteine des heutigen Iron Maiden-Line-ups leider nicht gleichwertig sind. Interessant ist, dass Adrian Smith einige Soli aus Songs der Achtziger nicht zurückübernehmen will. So ereilte später auch den Klassiker Hallowed Be Thy Name ein ähnliches Schicksal, und auch The Trooper blieb davon nicht verschont..

Das eine Stunde und fünfzig Minuten dauernde Konzert, bei dem das reichlich angetrunkene deutsche Publikum am Ende auch gehörig ausgepresst und erschöpft wirkte, hat Iron Maiden in einem ausgesprochen frischen Licht gezeigt — als spritzige Kerle, hinter denen sich jedoch die Routine unzähliger Karriere-Kilometer verbirgt. Als Band, die schlicht alles mühelos beherrscht. In Sachen Selbstbewusstsein suchen sie ihresgleichen. Die Besetzung lieferte das klassische Iron Maiden-Spektakel ab, mit dem obligatorischen Eddie, der während The Evil That Man Do kurz auf der Bühne erschien und ein paar Riffs inmitten der Iron Maiden-Jungs spielte — und dazu gesellte sich noch der riesige Eddie-Kopf, der hinter Nicks Schlagzeug in die Höhe wuchs.

Abgesehen von den nicht ganz optimalen Klangeigenschaften war das wieder einmal eine einmalige Begegnung mit den Pionieren des Heavy Metal, um die man sich nach einer solchen Vorstellung in so hoher Tagesform keine Sorgen machen muss, dass ihnen bald die Puste ausgeht. Es bleibt nur noch die Frage, was nach dieser Tournee kommt. Eine Pause und dann eine neue, bei der sie vielleicht Material vom Album „No Prayer For The Dying“ bis zum Album „Brave New World“ spielen? Wahrscheinlich nicht — und trotzdem: Sag niemals nie.. 

Fotos: Aleš Podbrežnik

Der Bericht entstand in Zusammenarbeit mit RockLine und Rock Hard Slovenija. 

Setlist

1.Satellite 15… The Final Frontier
2.El Dorado
3.2 Minutes to Midnight
4.The Talisman
5.Coming Home
6.Dance of Death
7.The Trooper
8.The Wicker Man
9.Blood Brothers
10.When the Wild Wind Blows
11.The Evil That Men Do
12.Fear of the Dark
13.Iron Maiden

—Zugabe—

14.The Number of the Beast
15.Hallowed Be Thy Name
16.Running Free

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies