Der Aufstieg des Chaos in Bayern mit Accept! (2018)

0 13

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: M'unchen / Tonhalle / Deutschland
Konzertdatum: 14.01.2018
Besucherzahl: 2100
Kartenpreis: 45,00€ (am Konzertabend)

Die Pilgerfahrt zu den Konzerten der legendären Accept ist nach ihrer Wiedervereinigung (und dem endgültigen Abgang von Udo Dirkschneider aus der Besetzung) im Jahr 2008 zu einer Art Mantra geworden. Die Band befindet sich in einer Phase langer Renaissance und neuer jugendlicher Blüte, die nach dieser Wiedervereinigung und vier neu veröffentlichten Alben immer noch anhält und anhält. Accept veröffentlichten im vergangenen August ihr neues Studioalbum »The Rise of Chaos«, zuvor hatten sie jedoch bereits eine Frühjahrstournee absolviert, bei der sie (hm, kaum zu glauben) als Vorband vor den für sie sicher noch milchzahnigen Sabaton spielten, die aber unter der jungen, wenn nicht gar jüngsten Garde der Metaller unglaublich heiß sind.

Na, die diesmalige Accept-Tournee begann mitten im Winter, und wieder machten sie keinen Halt in Österreich. So war die nächste Option für ein Accept-Konzert, wenn man in Slowenien lebt, die bayerische Hauptstadt München und wieder die dortige Tonhalle, beheimatet auf der »bayerischen Metelkova« namens Kunstpark Ost.  

Wie immer konnte auch diesmal das deutsche Publikum nicht enttäuschen. Die ordnungsliebenden Deutschen füllten die Halle bis in den letzten Winkel bereits um sieben Uhr, als der Auftritt der Vorband Night Demon angekündigt war. Das kalifornische Heavy-Metal-Revival-Trio aus dem dortigen Ventura ließ jedoch bis halb acht abends auf sich warten, was selbst bei den stets geduldigen und ruhigen Deutschen für etwas Unmut sorgte, wie vereinzelte Buhrufe bestätigten. Night Demon hatten wir bereits beim Bang Your Head Festival vor zweieinhalb Jahren erlebt, und schon damals lieferten sie mitten am Tag eine ausgezeichnete Show. Bei ihnen gibt es keine Geheimniskrämerei. Sie spielen altschulmäßig geschnitzten Heavy Metal mit starker Anlehnung an das Erbe legendärer britischer Bands, die beim Übergang der Siebziger in die Achtziger aufschlugen und die Bewegung prägten, die allen unter der Bezeichnung NWOBHM bekannt ist.

Das Trio Dusty Squiers (Bassgitarre, Gesang), Armand John Anthony (Gitarre) und Jarvis Leatherby (Schlagzeug) veröffentlichte im vergangenen Jahr sein zweites Album Darkness Remains, das beim vierzigminütigen Auftritt mehr Aufmerksamkeit erhielt. Das restliche Material vertraten Stücke des Debüts »Curse of the Damned (2015). Die Vorstellung wieder insgesamt sehr überzeugend, und Night Demon einmal mehr erfolgreich. Ohne viele Worte. Alles sagten nämlich die Performance und der eigene Ansatz der Band gegenüber ihrer Bühnenzeit. Die Band ist leicht im Nachteil, weil Dusty darauf achten muss, stets in der Nähe des Mikrofonständers zu bleiben, was bedeutet, dass die Band trotz äußerst energiegeladener und mitreißender Bühnenpräsenz ihre Arme und Beine auf der Bühne nicht vollends ausbreiten kann. Vielleicht sollte sich der Mann ein kabelloses (»Headset«-)Mikrofon zulegen, so wie es sein Vorbild John Gallagher von den legendären Raven tut. Da wir Raven schon erwähnt haben — in Night Demon spürt man sicherlich auch etwas vom Einfluss dieser Band. Night Demon verbeugten sich auch vor dem Vermächtnis von Motörhead, als sie deren Klassiker Overkill angingen. Das Konzert schlossen sie mit zwei Stücken vom EP »Night Demon« (2012) ab, nämlich The Chalice und danach Night Demon, wobei das anwesende Publikum natürlich auch vom vierten Bandmitglied besucht wurde, verkleidet als Tod mit einem Kelch in der Hand. Sound super, Energie super. Solide und sehr souverän. Man merkt, dass die Band schon einige Kilometer auf dem Buckel hat — die ausgezeichnete Show bestätigte auch der kräftige Applaus des sonst stets anspruchsvollen deutschen Publikums.

Accept lieferten einen zweistündigen Auftritt. In die Setlist steckten sie deutlich mehr neue Nummern, als zu erwarten war. Die neueren Stücke — jene, die auf den letzten vier Alben aufgenommen wurden — machten diesmal die Hälfte des gesamten Repertoires aus. Besonders im ersten Teil beluden Accept ihren Konzertauftritt mit Stücken vom Album »The Rise of Chaos«, unterbrochen von einem altschulmäßigen Klassiker-Dreigestirn aus Breaker, London Leatherboys und Restless And Wild. Bis Neon Nights pflegten Accept ihr neues Album bzw. blieben beim neueren Material, das die »Blind Rage«-Nummer Final Journey sowie eines der besten Stücke des Albums »Stalingrad«, Shadow Soldiers, abschlossen. Nach dem Gitarren-Solo-Einschub des charismatischen Bandchefs Wolf Hoffmann wechselte die Band zum kultigen Neon Nights. Das war die Ankündigung, dass die zweite Konzerthälfte noch wilder und heißer werden und eine echte Feier mit einem typischen Ausflug durch die Klassiker des eisernen Standardrepertoires liefern würde. Accept stürmten von Klassiker zu Klassiker, wobei sie natürlich Princess of the Dawn spielen mussten, die sie zur großen Erleichterung diesmal nicht auf zehn Minuten (und mehr) ausdehnten. Dazu gesellten sich die überragenden »Metal Heart«-Klassiker Midnight Mover und direkt danach Up to the Limit. Accept überraschten mit der Aufnahme von Objection Overruled, den regulären Konzertteil schlossen sie mit äußerster Wildheit ab! Mit dem »Restless And Wild«-Zünder Fast as a Shark. Die Zugaben konnte man auswendig vorhersagen — es fehlten nämlich nur noch zwei obligatorische Klassiker: Metal Heart und natürlich Balls to the Wall. Zwischendurch schnitten sie noch einen der besten Riffs ein, den sie in neueren Zeiten geschrieben haben und der sich im außergewöhnlichen Teuthonic Terror (»Blood of the Nations«, 2010) findet.

Die Band verliert nicht ihren Funken. Leicht verjüngt — in der Besetzung mit dem amerikanischen Schlagzeuger Christopher Williams und dem erfahrenen deutschen Gitarristen Uwe Lulis (ex-Grave Digger) — kann und will sie nicht enttäuschen. Die Bühne trug eine futuristische Kulisse absoluter postapokalyptischer Reflexionen und Visionen, dazu ein zusätzliches Podest, auf dem Williams‘ riesiges Schlagzeug thronte. »Wolfy« überall mit seiner Gitarre und tausend Grimassen, Uwe etwas hinter ihm, trotzdem präsenter und lebhafter als sein Vorgänger Herman Frank. Uwe bekam sogar seinen eigenen Solopart in Restless And Wild. Peter Baltes und Wolf Hoffmann bleiben die treibenden Kräfte und die dominantesten sowie präsentesten »Spieler« des Quintetts. Sänger Mark Tornillo zeigte mitunter etwas vokale Erschöpfung und Rauheit, was bei seinem Dienstalter völlig verständlich ist. Seine Jahre sowie der Umgang mit der anspruchsvollen Gesangsdoktrin, die das eigentlich unersetzliche frühere Aushängeschild der Band in das Wesen dieser Gruppe eingeimpft hat — Udo Dirkschneider. Trotz der undankbaren Aufgabe, in die Fußstapfen seines Vorgängers zu treten, hat Tornillo, der ein Sänger aus anderem Holz ist, seine Aufgaben souverän gemeistert. Seine Stimmfarbe kommt der Essenz der Klassiker gut zugute, vor allem aber den neuen Songs. Beim Konzert musste er seine Kehle ein paarmal mit Getränken kühlen.

Accept bleiben auf der Bühne ätzend und messerscharf gezackt. An Zerstörungskraft mangelt es ihnen nicht. Die giftigen, rasiermesserscharfen Gitarren bewahren den Geist vergangener Tage und übertragen ihn wirkungsvoll in Charakter und Charisma der Band der neuen Zeiten. Der Schatz an prägenden Gitarrenriffs der Band ist so etwas wie die Bibel der deutschen Schule des teutonischen Metals, die das edle Prädikat des »Pioniergeists« trägt und alle ehrwürdige »Evergreen-Qualität«!  Accept bleiben eine kompromisslos vernichtende Maschine aus dem reinsten teutonischen Stahl, der kein Rosten kennt. Auch diesmal hat diese Maschine mit aller gewaltigen Feuerkraft die bayerische Hauptstadt überrollt und Chaos sowie Verwüstung hinterlassen. Ähnliches können wir mit Sicherheit auch beim Besuch der Urgesteine des Metals auf dem bevorstehenden Metaldays Festival erwarten.

Setlist

NIGHT DEMON:
1. Welcome to the Night
2. Full Speed Ahead
3. Maiden Hell
4. Curse of the Damned
5. Hallowed Ground
6. Ritual
7. Heavy Metal Heat
8. Overkill (orig. Motörhead)
9. Dawn Rider
10. Black Widow
11. Screams in the Night
12. The Chalice
13. Night Demon

ACCEPT:
1. Die by the Sword
2. Stalingrad
3. Restless and Wild
4. London Leatherboys
5. Breaker
6. Rise of Chaos
7. Koolaid
8. No Regrets
9. Analog Man
10. Final Journey
11. Shadow Soldiers
12. Guitar Solo
13. Neon Nights
14. Princess of the Dawn
15. Midnight Mover
16. Up to the Limit
17. Objection Overruled
18. Pandemic
19. Fast as a Shark
—Zugabe—
20. Metal Heart
21, Teutonic Terror
22. Balls to the Wall

Fotogalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies