Delta Machine
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Depeche Mode
Label: Columbia Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 58:05
Wertung: 2.5/5
Das dreizehnte Studioalbum der legendären Synthpop-Institution Depeche Mode ist zugleich das schwer zugänglichste Album ihrer langen Karriere. Das deutete bereits die erste Vorauskopplung Heaven an, und Soothe My Soul bestätigte es: Beide wollen sich partout nicht ins Ohr setzen – was für Depeche Mode-Singles alles andere als Tradition ist.
Mit »Delta Machine« bieten Depeche Mode rein gar nichts Neues, nichts bisher Ungehörtes, nichts, das sie noch nicht ausprobiert hätten – kurz: nichts, das ihr kreatives Genie herausfordert. Das scheint diesmal irgendwo in Vergessenheit geraten zu sein. Wenn es schon vorübergehend in den Urlaub gefahren ist, lasst uns zumindest hoffen, dass es nicht endgültig Pleite gegangen ist. Einst galten Depeche Mode als Band, die musikalische Horizonte öffnete, neuen Klangdimensionen den Weg bereitete und jüngere Bands inspirierte. Sie waren Generatoren des Neuen, Inbegriff musikalischer Innovation und künstlerischer Herausforderung. Mit ihrem Auftauchen auf der Bildfläche lösten sie eine regelrechte kleine Revolution aus und bewahrten mit ihren weiteren kreativen Zügen erfolgreich ihre Ausdrucksstärke, ihre Aktualität, ihre künstlerische Relevanz. Teil ihrer Integrität war jene reizvolle Komponente der Unberechenbarkeit, die so manchen Fan dankbar dazu brachte, ein neues Album zu kaufen, bevor er überhaupt wusste, was Depeche Mode ihm diesmal in künstlerisch-musikalischer Hinsicht liefern würden.
Nichts davon lässt sich mit voller Überzeugung von »Delta Machine« behaupten. Wenn man zum ersten Vorauskopplungs-Single des Albums zurückgeht, also zu Heaven – einem Track, der den Hörer »aus den Socken hauen« sollte –, fällt sofort auf, dass Heaven sein Hauptmotiv ungeniert aus Blues und Gospel schöpft. Genau das hatten Depeche Mode der Welt bereits 1993 als hocherfolgreichen und spannenden Hybriden aus Elektronik und Blues präsentiert – auf dem Album »Songs Of Faith And Devotion«. Auf diesen Gedanken bringt einen schon der Chorus-Hook des Eröffnungstracks Welcome To My World. Im weiteren Verlauf lehnen sich Depeche Mode in Slow noch stärker an das konzeptionelle Gerüst von »Songs Of Faith And Devotion« an.
Aber eines stimmt. Wenn du Heaven hörst, ist klar, dass die Melodielage Dave Gahans Stimmregister unglaublich schmeichelt – Leidenschaft und Emotion sprühen in vollen Zügen. In dieser Hinsicht verleugnen Depeche Mode auf dem neuen Album gar nichts. Sie sind zu erfahren, zu routiniert dafür. Die Performance ist exzellent. Die Klangcollagen und das Sampling sind erneut raffiniert verwoben zu der bekannten düsteren Klanglandschaft des absoluten Minimalismus, die einmal mehr auf das kreative Credo »weniger ist mehr« setzt. Klassisch. Davon wird nicht abgewichen. Das Problem ist nur: Die Songs »packen« einen nicht. Das Album »zündet« als Ganzes nicht.
Dann sind da noch Angel und der abschließende Goodbye, die ihr zentrales Gitarrenmotiv konzeptionell am Hauptriff des Mega-Hits I Feel You anlehnen – der Unterschied liegt darin, dass die Motive in Angel und Goodbye mit einer anderen Rhythmusschleife unterlegt sind.
Auf interessanterem künstlerischem Terrain bewegt sich das Album bei Secret To The End, der mit etwas mehr DJ-getriebener Techno-Rhetorik und den unverkennbaren schwebenden Synthiesounds der Achtziger gefärbt ist. Vor allem gelingt es Depeche Mode hier, die richtige Kombination ihrer typischen Synthpop-Figuren einzufangen, mit der Dave Gahans einprägsam definierte Gesangslinie ausgestattet ist – von der Strophe bis zum Refrain. Darauf folgt einer der gelungeneren Tracks des Albums: My Little Universe. Hier greifen Depeche Mode zu noch radikalerem klanglichen Minimalisieren, sodass gerade mal zwei Samples Gahans Linie grundieren. Die Schlichtheit ist ausgeprägt, fast schon auf die Anfänge der Karriere zurückgerichtet. Das wird angenehm kompensiert durch die Harmonisierung der Gesangslinien, wo die klanglichen Charakteristika von Martin Gores Stimme erneut eine elementare Rolle in der gleichzeitigen Dramatisierung und Definition der einprägsamen Refrainmelodie spielen. In der mutigen Steigerung der atmosphärischen Dramatik also
Depeche Mode bleiben extrem düster. Tatsächlich ist »Delta Machine« deutlich düsterer als der Vorgänger »Sounds Of The Universe« und ruft die bedrückende Atmosphäre von »Playing The Angel« (2005) wach. Ebenso hält es sich weitgehend von Tanzrhythmen fern – mit Ausnahme von Broken, das aber nicht einmal an In Sympathy vom Vorgängeralbum herankommt, geschweige denn an Precious von »Playing The Angel«. Die Texte bleiben erneut die Schnittmenge zweier Themenfelder: sündige Versuchungen und Vergebung. Ein dankbar breites Feld zum Schmieden beliebiger Verse. Hier hat sich Gore stets heimisch gefühlt, besonders in der Phase, als Depeche Mode begannen, ihre Natur als »bad boys« zu zeigen – also in der Post-»Music For The Masses«-Ära.
Schon die unglückliche Wahl des ersten Singles ließ erahnen, dass vom neuen Album keine Erdverschiebungen zu erwarten sind. »Delta Machine« leidet am selben akuten Problem wie »Playing The Angel«: In der zweiten Hälfte verpufft es vollständig. »Delta Machine« hat keinen Track vom Schlage eines Precious, der das Album aus der Grauzone ziehen könnte – auch wenn Broken in diese Richtung zumindest andeutungsweise strebt. Statt Broken wählten sie Soothe My Soul als zweiten Single, der im Refrain ein entferntes »Plagiat« von Personal Jezus ist.
Erwartungsgemäß ist ein Track auch für Martin Gores Leadgesang reserviert. Das ist The Child Inside. Der düstere masochistische Walzer bietet einen künstlerischen Moment, den Gore in seiner Karriere schon mehrfach erprobt hat – zuletzt mit Jezebel auf dem Vorgängeralbum. Ein Terrain, auf dem sich der Künstler sehr wohlfühlt. Leider aber erneut vorhersehbar.
»Delta Machine« ist auch ein deutlich zu langes Album. Dreizehn Tracks und knapp eine Stunde Spielzeit. Künstlerisch greifbare musikalische Substanz gibt es erheblich weniger – »Delta Machine« hat sich inhaltlich bereits nach guten dreißig Minuten vollständig ausgesprochen. Das neue Album ist also ein harter Brocken. Langjährige Fans der Band werden ihre Freude daran haben, doch die Songs greifen sehr, sehr langsam – falls sie überhaupt greifen. Das Problem der Band liegt darin, dass sie sich künstlerisch offensichtlich komplett verausgabt hat und deshalb begonnen hat, alte Ideen auszuschlachten. Zum Glück recycelt »Delta Machine« aus den eigenen kreativen Wurzeln der künstlerischen Eigenständigkeit von Depeche Mode. Auch wenn es schwer verdaulich und tief in Düsternis getränkt ist – das weniger interessante »Delta Machine« ist immer noch ein ausreichend qualitatives Produkt für jede CD-Sammlung, liegt aber Lichtjahre davon entfernt, ein Pflichtkauf zu sein.
Besetzung
Dave Gahan – Gesang
Martin L. Gore – Keyboards, Hintergrundgesang, Gitarre, Leadgesang auf The Child Inside und Always (Bonustrack der „De-luxe“-Edition des Albums)
Andy Fletcher – Keyboards
Produktion
Ben Hillier
Trackliste
1. Welcome To My World
2. Angel
3. Heaven
4. Secret To The End
5. My Little Universe
6. Slow
7. Broken
8. The Child Inside
9. Soft Touch/Raw Nerve
10. Should Be Higher
11. Alone
12. Soothe My Soul
13. Goodbye
Die De-luxe-2CD-Edition enthält folgende Bonustracks:
01. Long Time Lie
02. Happens All The Time
03. Always
04. All That’s Mine