Deliver Us From Evil

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Budgie
Label: RCA Records
Erschienen: 1982
Laufzeit: 39:07
Wertung: 4/5

Budgie, die kultigen walisischen Hardrocker, die sich in die breite Musikgeschichte vor allem durch ihre exzentrischen Song- und Albumtitel eingeschrieben haben – von den grotesken Albumcovers ganz zu schweigen –, erlebten zu Beginn der Achtziger einen regelrechten ’neuen Frühling‘. »Deliver Us From Evil« war ihr zehntes und lange Zeit auch letztes Studiowerk – bis zur unerwarteten Rückkehr nach 24 Jahren mit dem Album »You’re All Living In Cuckooland« (2006).

Nach der erfolgreichen Revitalisierung zu Beginn der Achtziger – als es ihnen gelang, rechtzeitig auf den Zug des New Wave of British Heavy Metal aufzuspringen, den sie mit ihren Werken aus den Siebzigern maßgeblich beeinflusst hatten – agierten Budgie als Power-Trio in der Besetzung Burke Shelley an Gesang und Bass, John Thomas an der Gitarre und Steve Williams am Schlagzeug. Shelley, das einzige Originalmitglied, der walisische ‚Harry Potter‘ des Hardrock, war schon immer einer der charismatischsten Sänger seines Fachs – dazu ein überaus innovativer Bassist und Komponist, der genau wusste, was er mit »Deliver Us From Evil« sagen wollte. Das Vorgängeralbum »Nightflight« (1981) war künstlerisch und kommerziell einer ihrer größten Erfolge, weshalb er den Sound der Band in noch radiofreundlichere Gefilde steuern wollte. Für dieses Vorhaben brauchte er erstmals in der Bandgeschichte einen Keyboarder. Die große Neuerung war daher der Einsatz von Synthesizern, die Duncan MacKay beisteuerte (in seiner Karriere arbeitete er auch mit Künstlern wie Alex Harvey & Cockney Rebel, 10cc, Colosseum II, Camel, The Alan Parsons Project und Kate Bush).

»Deliver Us From Evil« war – für Budgie-Verhältnisse ziemlich überraschend – ein Konzeptalbum, in dem sich fast alle Songs mit Themen des Kalten Krieges befassten. 1982 war die Lage zwischen West und Ost wieder extrem angespannt, und es sah ganz danach aus, als würde der Kalte Krieg nicht mehr lange kalt bleiben. Budgie waren natürlich bei Weitem nicht die einzige Band, die diese Paranoia-Welle in ihren Texten erfolgreich nutzte – eine Welle, die nach dem Tod des furchterregenden sowjetischen Führers Leonid Breschnew im selben Jahr genauso schnell abebbte, wie sie begonnen hatte. Erst viele Jahre später stellte sich heraus, dass eine nukleare Katastrophe viel näher gewesen war, als man damals ahnte – abgewendet allein durch die Besonnenheit eines sowjetischen Offiziers, der einen Fehler im Radarsystem rechtzeitig erkannte und so in letzter Sekunde die Freigabe eines Raketenangriffs auf Nordamerika verhinderte. Die schmutzigen Gitarrenriffs wurden in Don Smiths Produktion auf »Deliver Us From Evil« ordentlich poliert, während MacKays Synthesizer-Texturen den einzelnen Stücken einen gehörigen AOR-Stempel aufdrückten und sie ein Stück weit von den damaligen Leitlinien des New Wave of British Heavy Metal entfernten – womit sie auch einen Teil der Fans verloren, vor allem unter den Liebhabern des lauteren Sounds.

Den Geist und das Klangbild von »Deliver Us From Evil« trifft am treffendsten gleich der eröffnende Melodic-Rock-Klassiker »Bored With Russia« – der bekannteste und populärste Track des Albums, eine Coverversion zwar, aber eine verdammt gute Interpretation des Originals aus der Feder des Amerikaners Bo Hill. Dieser AOR-Evergreen, der auch als Single erschien, hat alle Merkmale eines Radiohits, auch wenn er nie einer wurde: ein hypereingängiger Refrain, ein subtiles zentrales Arrangement und durch und durch geschmackvolle Gitarrenriffs. Budgie wurden in ihrer Karriere häufig als Power-Trio wahrgenommen und oft mit den berühmten Kanadiern Rush verglichen. Zu diesem Vergleich trugen maßgeblich Shelleys stimmliche und optische Ähnlichkeit mit Geddy Lee bei. Burke erreichte auf »Deliver Us From Evil« noch immer erfolgreich hohe Lagen, auch wenn sein Gesang insgesamt tiefer angesetzt war als in den Siebzigern.

»Don’t Cry«, der auch auf der B-Seite der Single »Bored With Russia« erschien, ist ein auf Hochtouren gebrachter Hardrocker mit fetten Gitarrenriffs, gnadenlosen Drum-Salven und rauschenden Synthesizer-Passagen, in denen Shelleys Stimme gleichzeitig das Bild eines rasenden Neurotikers und eines finsteren Rächers aufrechterhält – während Thomas das Ganze nebenbei mit einem klassischen Metal-Gitarrensolo würzt. »Truth Drug« ist ein weiterer cleverer, durchaus interessanter Hybrid aus Melodic Rock und Hardrock mit entschlossenen Gitarrenpassagen und polierten Synthesizer-Texturen. Bei »Young Girl« zerstreuen MacKays komische Synthesizer-Spielereien mit elektronischem Sound im Stil von ‚Kinderchen auf Reisen‘ und Shelleys sarkastischer Gesang den ernsten Text über Liebesenttäuschung.

»Flowers In the Attic« ist andererseits eine der besten Power-Balladen in der Geschichte der Band – mit mächtigen symphonischen Arrangements, einem ikonoklastischen Gitarrenriff und Burke an den Grenzen seiner Stimmgewalt. Instrumentale Zwischenspiele mit Keyboard-Gitarren-Improvisationen vertiefen die epische Atmosphäre noch weiter. »N.O.R.A.D. (Doomsday City)« beginnt gemächlich, macht dann aber einen sehr gelungenen Schwenk in ein höheres Tempo, in dem rumpelnde Basslinien und kräftige Schlagzeugübergänge einer saftigen Gitarrenmelodie Halt geben – mit dem Höhepunkt in einem ‚abhebenden‘ Refrain.

»Give Me The Truth« ist ein ziemlich unterhaltsamer, melodischer Hybrid aus Hardrock und Heavy Metal mit aufgedrehten Gitarrenpassagen und Herrn Shelley auf dem Höhepunkt seiner vokalen Paranoia. Auch hier fehlt es nicht an rohem Gitarrenimprovisieren, während die melodische Klangkomponente durchgehend auf bewundernswürdigem Niveau bleibt. »Alison« öffnet sich mit synthetisch gefärbten Synthesizer-Texturen, die nichts Gutes verheißen – handelt es sich doch um eine ziemlich klischeehafte Eröffnung für eine überzuckerte Liebesballade, die Budgie so gar nicht steht, auch wenn Burke alles dransetzt, um wie irgendein AOR-Gesangsheld zu klingen. Was folgt, ist etwas besser, da MacKays Keyboards deutlich orchestraler werden.

Der melodische Energiekatalysator »Finger On the Button«, in dem ein entschlossenes Gitarrenriff mit Unterstützung gnadenloser Drum-Crashes dominiert, ist mit seinem aufrüttelnden Refrain, der auf einen weiteren Kalten-Krieg-Irrsinn hinweist, eines der Highlights von »Deliver Us From Evil« insgesamt. Den Abschluss bildet »Hold On To Love«, in dem sich Budgie zum Abschied noch einmal in Heavy-Metal-Helden verwandeln – das erinnert sogar ein wenig an die »Screaming For Vengeance«-Ära von Judas Priest, wofür die brutal zugespitzten Gitarrenriffs mit einer donnernden Improvisation an der Spitze ‚verantwortlich‘ sind, dazu Schlagzeug-Stampeden und ein anthemischer Refrain.

»Deliver Us From Evil« strotzte vor erstklassigem, melodisch gefärbtem Hardrock – umso bedauerlicher, dass Budgie nach seiner Veröffentlichung für lange Zeit jegliche Studioaktivitäten einstellten. Herr Shelley und seine gefiederten Freunde bestätigten mit »Deliver Us From Evil« ihren Sinn für kompakte Songs mit Radiopoten­zial. Dem ein oder anderen langjährigen Fan gefiel das nicht sonderlich – andererseits war diese Leistung ein schöner Beweis dafür, dass diese Hardrock-Pioniere nicht nur vehemente, verkannte Spaßvögel und Sonderlinge mit kaum lesbaren Songtiteln und augenzwinkernden Albumcovers waren, sondern auch ein Gespür für potenzielle Radiohits besaßen.

Besetzung

Burke Shelley – Gesang, Bass
John Thomas – Gitarre
Steve Williams – Schlagzeug
Duncan MacKay – Keyboards

Produktion

Don Smith

Trackliste

1. Bored With Russia
2. Don’t Cry
3. Truth Drog
4. Young Girl
5. Flowers In The Attic
5. N.O.R.A.D. (Doomsday City)
6. Give Me The Truth
8. Alison
9. Finger On The Button
9. Hold On To Love

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