Death Magnetic

0 7

Künstler: Metallica
Label: Mercury Records
Veröffentlichung: 2008
Bewertung: 1/5

Es ist offiziell: Metallica haben sich von mächtigen Metal-Größen, zu denen einst alle ihre Zeitgenossen mit Ehrfurcht aufschauten, endgültig in eine billige Garagenband verwandelt. Wer gehofft hatte, dass das jämmerliche Saint Anger bloß eine Anomalie war, die aus einem vorübergehenden Mangel an schöpferischem Schwung entstanden ist, oder nur ein kurzfristiges und alles andere als ernsthaftes Experiment auf der Suche nach sich selbst – der hat sich gehörig geirrt. Die Enttäuschung ist umso größer, wenn man sich die hochfliegenden Versprechen und die bedeutungsschweren Worte der Band in Erinnerung ruft, die eine Rückkehr zu den Wurzeln und zur Tradition angekündigt hatte, am Ende aber ein Produkt geliefert hat, das jeder Rotzlöffel mit einer koreanischen Ibanez und einem Laptop zuhause im Keller „zusammengezimmert und rausgebracht“ hätte. Aber der Reihe nach.

Es handelt sich zwar um ein komplexeres und technisch anspruchsvolleres Projekt als der Vorgänger, mit einer Fülle von Riffs, Tempowechseln und Dynamik, das aber leider mit seinen berühmten älteren Studiogeschwistern kaum etwas gemeinsam hat. Ein etwas aufmerksameres Ohr stört natürlich zunächst die Produktion des Albums. Diese ist wohl aus panischer Angst vor einem „archaischen“ Klang, in dem sich eine allzu offensichtliche Unterwerfung unter Trends widerspiegelt, immer noch knochentrocken und meidet dabei vor allem bei Vocals und Schlagzeug jeden Reverb und Delay wie der Teufel das Weihwasser. Aufgrund dieser erschwerenden Umstände klingt Lars‘ Snare immer noch wie ein Joghurtbecher, und Hetfields Stimme ist vollkommen erstickt und funktionslos – was wir schon bei ihrem letzten Album mit Bedauern festgestellt haben (bei dessen Anhören übrigens auch den Autor dieser Rezension die heilige Wut gepackt hat).

Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Produktion hat sicher auch Rick Rubin, bekannt vor allem für seinen „stripped down sound“, der charakteristisch ist für Bands wie Slayer und Danzig (um nur jene seiner Schützlinge zu nennen, die inhaltlich Metallica nahestehen) – woraus ersichtlich ist, dass die Jungs diesen Weg völlig bewusst eingeschlagen haben. Aber man darf nicht vergessen, dass Slayer im Grunde auf dem minimalistischen Sound aufgewachsen sind, der mit den Jahren zu einem wichtigen Teil ihres Gesamtimages geworden ist, während Metallica mit dieser Askese den Löwenanteil dessen verloren hat, wofür sie überhaupt erst berühmt geworden ist. Reign in Blood ist in dieser Hinsicht Lichtjahre entfernt von Master of Puppets, das der berühmte Michael Wagener abgemischt und damit entscheidend geprägt hat, aber auch vom etwas weniger polierten And Justice for All. Es stimmt, dass sich die Zeiten geändert haben, aber gleichzeitig scheint es, dass dieser Ansatz Metallica weit mehr schaden als nützen kann, denn auf diese Weise werden sie die meisten alten Fans vergraulen, und neue werden sie sich aufgrund des aktuellen Versinkens in der grauen und geistlosen Mittelmäßigkeit sicher nicht gewinnen.

Der zweite Vorwurf, den es unbedingt zu erwähnen gilt, ist die Vernachlässigung der Harmonie, mit der der verstorbene Cliff Burton seine Mitstreiter schon zu Beginn ihrer musikalischen Karriere vertraut gemacht hatte. Hammett hat vor einer Weile selbst zugegeben, dass Burton ihnen die Tür in eine völlig neue Welt geöffnet und ihnen neue musikalische Horizonte erschlossen hat, die keineswegs im Widerspruch zum modernen Rock stehen und dank denen sich die Band überhaupt so weit über die anderen Thrasher erheben konnte. Ich möchte an dieser Stelle nur Orion, Fade to Black oder The Call of Ktulu erwähnen. Man könnte also sagen, dass es gerade der klassisch ausgebildete Pianist Cliff war, der James, Kirk und Lars aus wütenden und unzufriedenen Jungmännern, die sich aufgrund ihrer Abneigung gegen die damalige verweichlichte Szene in Los Angeles nach San Francisco abgesetzt hatten, in geschätzte Musiker verwandelte. Wer weiß, wie sich die Geschichte von Metallica weiterentwickelt hätte, wenn nicht in jener unglücklichen Septembernacht des Jahres 1986 ein Busfahrer durch seine Unachtsamkeit den vielversprechenden Bassisten in den Tod getrieben hätte? Natürlich sind solche Fragen gegenstandslos, aber wir können die Geschichte der Band nach diesem tragischen Ereignis kurz Revue passieren lassen und schlussfolgern, dass Burtons raffinierte Harmonie, die die mächtige Lyrik von Metallica der Achtziger auf die bestmögliche Weise ergänzte, in letzter Zeit von Hetfields pathologischer Aggressivität und seinen unartikulierten Wutausbrüchen abgelöst wurde, die mit Musik nicht mehr viel gemein haben. Und das ist auch einer der Hauptgründe für den Niedergang der einstmals größten Metal-Institution.

Zu den Songs nur kurz. Die ersten drei Nummern des Albums Death Magnetic sind ein wirres und unbeholfenes Gemisch aus allem, was Metallica in der zweiten Hälfte der Neunziger und zu Beginn dieses Jahrtausends geboten hat, das vierte, The Day That Never Comes, wird wohl eher durch das Musikvideo als durch die Musik in Erinnerung bleiben. All Nightmare Long spricht für sich selbst, The Unforgiven III ist die überaus vorhersehbare Fortsetzung der Saga von früheren Platten. Einige vielversprechende Riffs und mit Gefühl gespielte Soli finden sich allenfalls auf Suicide & Redemption, aber auch dort nur im ersten Teil – und ähnlich kalt lässt uns der letzte Song My Apocalypse.

Diejenigen unter uns, die bereits die Dreißig überschritten haben und die Gelegenheit hatten, Metallica kennenzulernen, als sie auf dem Gipfel waren, und unermesslich an den (offensichtlich) unwiederbringlichen Alben wie Ride the Lightning und Master of Puppets schwelgten, haben sich längst damit abgefunden, dass eine unserer liebsten Bands schon längst in Rente gegangen ist. Sehr leid tut mir allerdings die junge Generation, die nur jene Tristesse kennt, die in Form verschiedenster audiovisueller Medien ihrem letzten soliden Werk nachgefolgt ist – dem inzwischen kultigen „Black Album“.

Besetzung

James Hetfield – Gesang, Gitarre
Kirk Hammett – Gitarre
Rob Trujillo – Bassgitarre
Lars Ulrich – Schlagzeug

Produktion

Rick Rubin

Tracklist

1. That Was Just Your Life
2. The End Of The Line
3. Broken, Beat & Scarred
4. The Day That Never Comes
5. All Nightmare Long
6. Cyanide
7. The Unforgiven III
8. The Judas Kiss
9. Suicide & Redemption
10. My Apocalypse

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies