Das neue Leben von Tilen Pusar (2016)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Kavarna Sputnik / Slowenien
Konzertdatum: 17.11.2016
Besucherzahl: 80
Eintrittspreis: 0,00€ (freier Eintritt!)
Was passiert, wenn dich die kroatischen Grenzbehörden umkehren lassen, weil du ihnen bei der Vorlage der erforderlichen Ausweisdokumente einfach nicht genügen konntest und sie dich folglich nach Slowenien zurückschicken? Nun, dass ein kroatischer Grenzpolizist, und sei es auch nur für drei Stunden, sein Land und seine Bürger vor dem Einfall zweier „invasiver Slowenen“ „gerettet“ hat, war irgendwie eine Geschichte, die man schon hatte kommen sehen. Das RockLine-Duo hat sich dabei nicht übermäßig den Kopf zerbrochen. Ins Wasser gefallen ist zwar der Besuch einer »Metal-Fete«, bei der mitten in Zagreb die alteingesessenen Florida-Death-Metaller Obituary, die Bay-Area-Thrash-Metal-Veteranen Exodus und die äußerst interessanten und eigenartigen, nicht minder legendären Prong für Stimmung sorgten. Aber alle drei Bands haben wir schon mehrfach gesehen, und bald wird sich wieder eine Gelegenheit finden, ihre Konzerte zu besuchen. Geschichte abgeschlossen. An jenem Donnerstag, in der zweiten November-Dekade, herrschte aber auch anderswo reges Konzertgeschehen. Im österreichischen Graz traten die schottischen Rock’n’Roll-Legenden Nazareth auf, in Ljubljana erlebten Queen-Fans deren Klassiker in der Inszenierung der „Imitatoren“ The Bohemians, und in die Kavarna Sputnik in Ljubljana bog der Gitarren-Zauberer aus dem Moor, Tilen Pusar, ein. Und das nicht nur auf einen Kaffee. Doch am Ende seiner kleinen Odyssee schleppte sich auch RockLine schließlich dorthin – ganz ohne Plan.
Tilen Pusar ist zweifellos ein besonderer Musiker. Jeden Blick wert. Ein Mann, der im Laufe der Jahre einen unverkennbaren, ganz eigenen Ansatz im musikalischen Ausdruck entwickelt hat und als einer der interessantesten Gitarristen gilt – und was dabei besonders fasziniert: Tilen Pusar ist sein eigener Herr und Meister. Er macht alles selbst. Er ist ein waschechter Meister namens »Mach’s selbst«. (D.I.Y. mag). Unabhängiger Musikkünstler.
Die Jahre vergehen schnell, und dass sie still vergehen, muss man wohl kaum extra erwähnen. Nun kehrt der Meister des instrumentalen Gitarrenspiels also mit einem neuen Studioalbum zurück. Dem zweiten. Am 17.11.2016 erschien sein neues Album „New Life“ offiziell – der Nachfolger seines Studio-Erstlings »Inner Strength« aus dem Jahr 2012. Wie es sich für solche Feierlichkeiten und Meilensteine auf dem Lebensweg gehört, hat der Mann einen Auftritt in der Kavarna Sputnik gebucht und dort den Inhalt seines neuen Studiowerks erstmals live gespielt.
Am Veranstaltungsort hatte sich eine stattliche Schar an Freunden, Bekannten und Sympathisanten versammelt. Näheren und Ferneren. Kurzum: ein Publikum, das mit Tilen befreundet ist und ihn von Herzen unterstützt. Der Mann hat im Laufe der Zeit eine Menge Café-Konzerte gespielt und ist sogar bei einer Talentshow aufgetreten. Name aufgebaut, Reputation aufgebaut. So hat er sich eine ansehnliche Stammgemeinde erspielt, die ihn regelmäßig begleitet und anfeuert. Warum erzähl ich das? Weil Rock-Konzerte heute meistens leer sind, wenn du keinen »Namen« hast. Die Leute hocken lieber zuhause, hängen am Smartphone, in sozialen Netzwerken, nähren so ihr Ego und kurieren ihren Aufmerksamkeitsmangel. Tilen hat dafür, dass seine Konzerte nicht leer bleiben, hart geackert, und es war ein schönes Gefühl zu sehen, dass der Sputnik deshalb so richtig am Leben war.
Tilen hat auf seine Art schnell diese unsichtbare Barriere durchbrochen, die vor dem Start immer zwischen Musiker und Publikum herrscht. Er ist nämlich sprühend, schelmisch, aufrichtig spontan und auch direkt. Mit witzigen Kommentaren (Tilen versteht es auch meisterhaft, jemanden gekonnt aufzuziehen) motiviert er das Publikum durchweg, den Fokus auf das Konzert zu halten, nicht zu gähnen, und so entwickelt sich nach und nach ein richtiges Fest, was natürlich zum ursprünglichen Kern des Rock’n’Roll gehört.
Das Konzert war in zwei Teile aufgeteilt. Der Mann eröffnete mit den Klassikern seines Erstlings Calling Her und Snowgirl, bevor er zum neuen Material überging. Einige der neuen Songs hatte Tilen bereits live gespielt, andere erlebten hier ihre echte Konzertpremiere. Angeschlossen an einen Combo-Verstärker und mit seiner weißen Fender Stratocaster, die einen angenehm halb-akustischen bis akustischen Klang erzeugte, der immer wieder von einem ausgeprägten Reverb-Effekt unterstützt wurde, »streichelte« Tilen die Ohren der Anwesenden mit einer Reihe von Instrumentals, die durch die Kompositionen die klangliche und spielerische Inspiration durch das Erbe der Gitarren-Meister wie Mark Knopfler, J.J. Cale, Chris Rea und auch Eric Clapton enthüllten. »Fingerstyle«-Technik, organische Klangnuancen und über allem Leidenschaft und Emotionen (Tilen ist ein außergewöhnlicher Meister der Artikulierung angeschlagener Töne – derselbe Ton kann völlig andere Emotionen evozieren), die das ganze Konzert hindurch überströmten. Auch der Einsatz eines Fingerpicks blieb nicht aus. Im äußerst interessanten I’m Survivor. Eigentlich dem einzigen Song, bei dem es verzerrt krachte und den Tilen mit dem Kommentar »Jetzt wird’s brennen« begleitete. Höchstwahrscheinlich ist er den Adrenalin-Junkies gewidmet.
Tilen Pusar bewahrt in seinen kompakten Instrumentals eine unglaubliche musikalische Ansteckungskraft. In diesem Element ist Tilen ein echter perfektionistischer Ästhet. Die Leitmotive sind subtil geziert mit exzellentem, durchweg inspiriertem und intuitivem Solieren sowie einfallsreichen und geistreichen harmonischen Verzierungen. All diese spielerische und klangliche musikalische Verkörperung vereint er in einem eigenartigen musikalischen Kumulus aus Blues, Rock’n’Roll, keltischer Folk-Musik und Country.
In einem Wort. Eine wunderschöne Geschichte über einzigartigen Gitarrenrock, in Slowenien geschmiedet, geprägt von klar wahrnehmbaren Ausdrucksvariationen, die Pusars musikalischen Charakter an einen besonderen Platz stellen.
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