Dancer and the Moon
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Blackmore's Night
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2013
Laufzeit: 55:02
Bewertung: 3.5/5
Candice Night ist eine unglaubliche Frau. Dass es ihr tatsächlich gelingt, den legendären »Mann in Schwarz« und einst wahrhaftigen »Badass-Egomanen« zu einem freundlichen und gefügigen Hündchen umzuerziehen? Da versagen schlicht alle Prinzipien des gesunden Menschenverstands und der Logik. Die Wahrscheinlichkeit, dass der große Richie in A-Moll anschlägt und mit G-Dur wechselt – durch (Achtung!!!) ein Cover der Uriah Heep-Klassiker Lady in Black – ist nahezu null. Offenbar passieren aber Wunder. Und zwar genau auf dem neuen Album des Duos Blackmore’s Night namens »Dancer and the Moon«. Richie Blackmore beim Spielen von Uriah-Heep-Musik zu erleben – also genau der Musik, die britische Journalisten in den Siebzigern als »Deep Purple für Arme« bezeichnet haben – ist schlicht unbezahlbar. Erst recht, wenn er ein Stückchen der berühmten »Blackmoreologie« – diesen aufregenden und einzigartig klagenden Fender-Stratocaster-Sound in den Solo-Ornamenten, der an seine Rock-Pionier-Tage erinnert – einfließen lässt. Blackmore gilt nämlich und wird gelten als einer der bedeutendsten Vertreter des Gitarrenspiels, der ganze Generationen und Scharen von Musikern nach ihm maßgeblich geprägt hat. Richies riesiges Ego kann in die Knie gehen. Nur Candice kennt die richtigen Griffe dafür.
Blackmore’s Night haben im Laufe ihrer Karriere eine Menge Auszeichnungen eingeheimst. Regelmäßige Gäste in zahlreichen TV- und Radioformaten, mit Stücken, die den Soundtrack für den deutschen Film »Magical Story of the Rings: Die Nibelunger the Ring of the Nibelungs« tragen, und mit jedem bisherigen Album in den europäischen oder amerikanischen Billboard-»New Age«-Charts der meistverkauften Alben vertreten – die Liste der glorreichen Errungenschaften des Duos hört hier bei weitem nicht auf. Offensichtlich haben die beiden den Schlüssel zur allgemeinen Eingängigkeit ihres musikalischen Ausdrucks gefunden. Und genau das bleibt auch auf dem neuen Album alles, was Blackmore’s Night bereits mit ihren Studio-Vorgängern gesagt haben.
Ein von Renaissance-Charme umsäumtes Verschmelzen traditioneller Folk-Elemente keltischer Prägung mit Melodie und troubadourischen Hofrhythmen des Mittelalters. Blackmore hat sein außergewöhnliches Talent für den feinsinnigen Ausdruck des Neo-Klassizismus im Gitarrenspiel erneut auch in die Arrangements der »Folk/Medieval«-Grundlagen eingewoben. Darauf macht sofort der Opener »I Think It’s Going to Rain Today« aufmerksam – ein Cover von Randy Newman, bei dem die nachdenkliche Stimmung des Stücks durch hinzugefügte Orchesterarrangements noch weiter verdichtet wird.
Da gibt es Momente auf dem Album wie etwa Somewhere Over the Sea (The Moon is Shining), wo Candices einfühlsame, lebhafte und zarte Stimme besonders in den Vordergrund tritt und sich im Klang subtil eingeflochtener akustischer Begleitfiguren badet. Durch dieses Geflecht schleicht sich gegen Ende der bekannte Stratocaster-Sound des schwarzen Mannes in den Track – ein Sound, der das Sentiment der legendären Rainbow heraufbeschwört. Ein einstimmiges Motiv, das auch an das Leitmotiv von The Temple Of The King eben dieser Rainbow erinnert… Und sieh mal einer an: Blackmore’s Night haben ein Cover eben dieser Rainbow-Klassiker in einer mittelalterlichen Version auf ihr neues Album gepackt. Dieses Gefühl gegen Ende unterstreicht auch der für Blackmore’s Night’sche Verhältnisse »rockige« Track The Moon Is Shining (Somewhere Over The Sea), wo sich Arrangement und Leitmotive in Kombination mit den sofort wiedererkennbaren, unverwechselbaren Tricks des schwarzen Mannes an der Gitarre erstaunlich nah an das frühe Werk von Rainbow annähern.
Die Tracks sind bunt über das Album verteilt. Da sind rein akustische Instrumentals für königliche Unterhaltungen des Mittelalters wie Galiard oder Minstrels In The Hall. Dazu Stücke von sehr ähnlicher Anlage, bei denen die führende Instrumentalmelodie lediglich durch Candices Gesang ersetzt wird (The Spinner’s Tale, The Last Leaf). Dann zwei Stücke, die sich in ihren Leitmotiven aus der russischen Volksmelodik bedienen (der Titeltrack des Albums sowie Troika). Bei Troika würde ich Candice raten, keine russischen Ausdrücke in die Verse einzubauen – auf Amerikanisch gesungenes Russisch klingt schlicht abstoßend. Den Abschluss macht das imposante Instrumental Carry On… Jon. Richie Blackmore zeigt darin mit seiner außergewöhnlichen Feinfühligkeit und einem Ansatz, den man unmöglich überhören oder versehentlich mit dem irgendeines anderen Gitarristen verwechseln könnte, dass er ein Großmeister seines Fachs bleibt.
Blackmore’s Night bleiben auch mit dem neuen Album ihrer gewohnt wiedererkennbaren musikalischen Spur treu. Hier sind sie zuhause, und hier gefallen sie den meisten am besten. »Dancer And The Moon« bringt nichts noch nie Gehörtes, Unbekanntes, Unerprobtes. Blackmore’s Night haben das Glück, dass sie sich in der Flut von Bands, die sich in ähnlichen Genresphären versuchen, einen besonderen Platz auf der Szene erkämpft haben. Sie pflegen ihren wiedererkennbaren Sound und ihren ausdrucksstarken Charakter, von dem sie keinen einzigen Schritt abweichen. Da es sich um eine Kombination großer Musiktalente handelt, lässt sich dem neuen Werk die Qualität keinesfalls absprechen. Lediglich die gelegentliche übermäßige Selbstwiederholung trübt das Bild – was freilich auch mit dem elementaren Zwang zusammenhängt, sich im engen Ausdrucksspektrum zu bewegen, das dir die traditionelle keltische Folk-Melodik und das troubadourische Geklimper nun mal vorgeben. Wie auch immer: Fans von Blackmore’s Night werden mit dem Inhalt des Albums »Dancer and the Moon« mehr als zufrieden sein.
Besetzung
Ritchie Blackmore- Gitarre, Nyckelharpa, Mandola, Hurdy Gurdy, Tamburin
Candice Night- Gesang, Hintergrundgesang, Renaissance- und mittelalterliche Flöten
MITWIRKENDE MUSIKER:
Bard David Of Larchmont – Keyboards, Hintergrundgesang
Lady Kelly Dewinter – Hintergrundgesang, Horn
Earl Grey Of Chimay – Bassgitarre, Gitarre
The Scarlet Fiddler – Violine
Troubador Of Aberdeen- Perkussion
Produktion
Richie Blackmore
Trackliste
1. I Think It’s Going To Rain Today
2. Troika
3. The Last Leaf
4. Lady In Black
5. Minstrels In The Hall
6. Temple Of The King
7. Dancer And The Moon
8. Galliard
9. The Ashgrove
10. Somewhere Over the Sea (The Moon is Shining)
11. The Moon is Shining (Somewhere Over the Sea)
12. The Spinner’s Tale
13. Carry On… Jon