Dan zatvorenih vrata
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Hladno pivo
Label: Gajba Records
Veröffentlichung: 2015
Laufzeit: 51:97
Wertung: 4/5
Die Zagreber Alternativ-Rocker Hladno Pivo sind wahre Legenden. Im neuen Jahrtausend sind sie offensichtlich zufrieden, wenn ihre Studioalben in einem Zeitabstand von jeweils vier Jahren erscheinen. Offenbar deckt sich das mit dem Biorhythmus der Band. »Dan zatvorenih vrata« trägt gleich fünfzehn Tracks mit über 50 Minuten Musik – was für eine Band, die ihre Karriere als Punk-Rock-Besetzung begann, eigentlich zu viel ist. Doch wenn man sich in das neue Studioalbum vertieft, wird nach und nach klar, dass es darauf eigentlich keine Füllstücke gibt.
Das Quintett ist über die Jahre gereift und hat in die Punk-Rock-Ansätze ein gehöriges Maß an Musikalität eingeflochten, das es geschickt auch mit Folk-Elementen und dem typischen Melodismus dosiert, der aus dem geografischen Raum stammt, der den Reichtum des YU-Rocks hervorgebracht hat. Die Aufweichung der Arrangements und das Ausprobieren von Unerprobieten vertieft auch »Dan zatvorenih vrata«. Darin überrascht die Integration von Akkordeon, Mandoline, Tamburica und die zunehmende Bedeutung von Keyboards nicht mehr. Daher wundert auch die Einbindung zahlreicher Gastmusiker, die am Album mitwirken, kaum. Die Band ist an die Entstehung des Albums ganzheitlich und mit riesigem Einsatz herangegangen. Sie wollte das Beste aus sich herausholen, was sie kann und vermag. Das Punk-Rock-Element bleibt bei der Gesamtbilanz dennoch die Grundlage, auf der die Ausdruckssprache der Gruppe beruht. Alle Achtung in der heutigen Ära, in der sie eine große künstlerische Reife erreicht hat.
Die Texte sind wieder bildhaft durchtränkt von großem Sarkasmus. Das scharfe Hochnehmen von Narren zieht sich auch durch dieses Werk, und diese Saftigkeit der Poesie ist das Hauptass der Band, das verhindert, dass bei der sonstigen musikalischen Banalität eine potenzielle inhaltliche Seichtigkeit oder Billigkeit des Werks zutage tritt. Das fünfköpfige Musikerteam kommuniziert auch auf dem neuen Album mit der Glut und Leidenschaft einer großen Kameradschaft, und das Album weist folglich eine außerordentlich kompakte Ausführung der Tracks auf, die allesamt den Effekt von Organik, konzertanter Lebendigkeit und der Kohäsion des Zusammenwirkens aller fünf Bausteine enthalten, die sich untereinander hervorragend verständigen.
Das Album eröffnet furios nach dem Vorbild echter »wütender Rockerei«. Mit dem Song Žena. Der enthüllt sarkastisch einen Einzelnen, der in die Midlife-Crisis geraten ist und genau weiß, was das Pflaster für all seine Wunden ist (»Žena koja ima muda«). Mit unvermindeter Intensität rollt das Album weiter zum Song Firma, der ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen den großen Schwindel enthüllt, der 1991 in Kroatien passiert ist. Auch in Slowenien (ich weiß, diese Erkenntnis überrascht euch nicht mehr)! Songs, die den Hörer besonders zum Lachen bringen, sind die »Ode an das T-Shirt« Mojoj majici (brillante Entwicklung der Geschichte durch die Poesie!), weiterhin der Song über Tijana (Tijana, die immer nur betrunken anruft). Rockerisches Öl ins Feuer gießen danach Messi, Zombi party,…
Das Album besitzt eine zufriedenstellende Abwechslung. Vor allem in den ruhigen Tracks kommt eine außerordentliche Verfeinerung und Subtilität zum Vorschein, die die raffinierte Seite der Band enthüllt. Diese versetzt mit ihrer gezeigten Sanftheit und Feinheit der Ausführung buchstäblich in Staunen (Ljepa riječ, Barba), und auf dem Album zündet besonders künstlerisch der Song Stari šajser. Das ist ein Song, der von Atmosphärengradationen durchdrungen ist, von feiner Modulation im mittleren Instrumentalteil, die die dramatische Spannung steigert, und von großem musikalischen Gehalt. Gerade dieser melancholisch-nostalgische Song beweist die außerordentliche kompositorische Kraft, die Hladno pivo über die Jahre entwickelt hat. Der Song Žena erfährt kurz vor dem Ende des Albums eine Wiederholung im Song Bivša žena. Musik und Text sind gleich, doch der Song wird komplett anders gespielt. Ist ersterer eine feistige, punkige Räuberin, ist letzterer ganz melancholisch in sich versunken, und die sanftere Seite der Band tritt erneut an die Oberfläche.
Um die Rezension nicht zu sehr in die Länge zu ziehen. Das Album »Dan zatvorenih vrata« ist ein Werk, das einmal mehr das außerordentliche künstlerische Reifen der Gruppe Hladno pivo unter Beweis stellt. Und es kriecht nicht sofort unter die Haut, so sorgfältig ist es in seinen Arrangements durchdetailliert. Es bewahrt außerordentliche Musikalität, Momente unmittelbarer Rockwucht und Momente, die große musikalische Pragmatik beweisen, wo vor allem die sanftere Seite im Spiel der Band übernimmt. Nicht zu übersehen ist der außerordentliche Vokalanteil des Sängers Mile, der mit seinem Chamäleonismus und seinem ungezügelten Vorrat an Emotionen und Leidenschaft die Tracks des Albums und ihren Aussagewert höchst erfolgreich zum Leben erweckt. Alles liegt in einem außerordentlichen Gleichgewicht und einer großen Pragmatik. Daher ist das ein außerordentlich gut hörbares Werk, das zusammen mit dem außerordentlichen Aussagewert der Poesie Hladno pivo einmal mehr in die Kategorie der volksnahen, populären Rock-Bands des südlichen Nachbarn stellt, mit denen sich die Massen sofort identifizieren. Hladno pivo sind mit den Jahren zum Sprachrohr des Volkes und des kleinen Mannes geworden. Damit einher reifen sie künstlerisch und liefern immer mehr Tiefe und sinnliche kompositorisch-ausführungstechnische Feinmechanik in ihre Kompositionen. Die Evolution auf natürlichem Wege setzt sich also fort, und das Zeitintervall, in dem neue Alben alle vier Jahre entstehen, dient und funktioniert für die Band sehr gut.
Besetzung
Milan Kekin – Mile – Gesang
Zoran Subašić – Zoki – Gitarre
Milko Kiš – Deda – Keyboards
Krešimir Šokec – Šoki – Bassgitarre
Mladen Subašić – Suba – Schlagzeug
Produktion
Pavle Miholjević & Jurica Ferino
Trackliste
01. Žena
02. Firma
03. Mojoj majici
04. Tijana
05. Dibidus
06. Messi
07. Lijepa riječ
08. Stari Šajser
09. Dan oslobodjenja
10. Barba
11. Zombi Party
12. Udarna vijest
13. Na ovim prostorima
14. Bivša žena
15. Vjeruj u mene