Cuts Like A Diamond
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Little River Band
Label: Frontiers Records
Erscheinung: 2013
Laufzeit: 46:25
Wertung: 4/5
Irre. Und jetzt auch noch Little River Band. Eine Band, die seit fast 45 Jahren auf der Szene ist und in der bis zum heutigen Jahr, sage und schreibe, etwas weniger als 30 Mitglieder gewechselt haben, veröffentlicht also ihr neues Studioalbum. Wenn die Rechnung stimmt, ist es das insgesamt sechzehnte Studioalbum. Die Band, obwohl ursprünglich australisch, ist in den USA tätig. Weil heute größtenteils Amerikaner darin sind. Auch Wayne Nelson, der einzige halbwegs bekannte Name, da der Mann 1980 zur Gruppe stieß. Also sind schon lange keine Original- und Gründungsmitglieder mehr dabei. Nein. Nicht jene, die dafür verantwortlich sind, dass die Band in ihrer Geschichte bis heute über 30 Millionen Alben weltweit verkauft hat. Jene also, die den Löwenanteil dazu beigetragen haben, dass Little River Band in die australische Version der Musikhalle der Berühmten (»ARIA«) aufgenommen wurden.
Der Mann, der das Eigentum am Namen Little River Band erlangte, ist Stephen Housden (er schloss sich LRB 1981 an, also lange nachdem der Hit Reminiscent bereits um den Globus hallte). Er zog sich 2006 zurück und übergab das Steuer an Nelson. Ironisch, dass die Geschichte der Band von hinzugestoßenen Mitgliedern geschrieben wird, nicht von den Gründungs- und Originalmitgliedern. Aber das ist kein Einzelfall in der Ära des Rock ’n‘ Roll. Dennoch hat Housden die Kontrolle nicht vollständig an andere abgegeben. Auch auf dem neuen Album, der ersten offiziellen Veröffentlichung der Band nach einer fünfjährigen Pause, hat er als Gast einige zusätzliche Gitarrenlinien beigesteuert.
Obwohl sie wie die amerikanischen The Eagles klingen und auf dem Papier noch immer eine australische Band sind, liefern die erneuerten LRB eine äußerst hochwertige musikalische Aussage. Neben Nelson sind heute bei Little River Band Männer dabei, die sich erst im neuen Jahrtausend angeschlossen haben. Aber sie sind aus dem richtigen Holz geschnitzt. The Eagles? Ganz klar riecht es nach Cowboys und weiten Prärieweiten, in ansonsten kompakt und gründlich aufgebauten und definierten Songs mit großer melodischer Eingängigkeit.
Eingängigkeit gibt es im Überfluss. Der Opener The Lost and the Lonely ist bereits als erste Vorabauskopplung erschienen und hat alles. Er fasst auf Anhieb die Tatsache zusammen, dass die Band, so wie sie eben in neuen Zeiten ist, nichts davon verloren hat, womit sie auch in der goldenen Ära ihres Wirkens immer gezündet hat. Eine außergewöhnliche Geschicklichkeit in der Darbietung wirkungsvoll kompakter Arrangements simpler, aber unwiderruflich eingängiger Songs, die auf organischen, wohlklingenden Farbnuancen basieren. Diese ziehen sich musikalisch hervorragend an und koexistieren in optimaler Symbiose. Alle im Team singen, und die Vokalharmonien sind auch in neuen Zeiten einer der Inbegriffe der LRB-Perfektion, vergleichbar mit der Perfektion von The Eagles. So ist klar, dass die Refrainmelodien der Kern der ganzen LRB-Geschichte sind. Hier passiert alles, oder zumindest das Wesentliche jedes Songs. Hier erlebt der Song sein atmosphärisches Crescendo, und hier liegt der Grund für die große Anziehungskraft des Albums als Ganzes. Ausgestattet mit einer raffinierten Produktion tiefer Kontrastierung organischer Klangbausteine, meisterhaft bewahrter hoher Flüssigkeit im Strophe – Refrain-Aufbau, mit zurückhaltender bravouröser Kommunikation der Instrumente. Es ist ein Team abgebrühter Profis, denen in Sachen Arrangement alles klar ist! Sie wissen die abgedroschene Form, die in anderen Händen zu generisch werden könnte, hervorragend neu zu verpacken, sodass sie wieder voll zündet! Die instrumentalen Passagen sind grundsätzlich kurz. Normalerweise übernehmen darin einfache, aber markante Gitarrensoli die Aufmerksamkeit. Sie basieren auf einigen streng ausgewählten Tönen. In diesen wenigen Tönen machen sie aber klar, dass der Band das Konzert-Jam keineswegs fremd ist, sie das Studiowerk damit aber nicht belasten wollen. Das Grundmotiv des Albums ist also das volle Nachfolgen der eingängigen Leitmelodie! Den einzigen wirklich ausgedehnten Teil trägt der Song Someone mit einem Saxofonsolo, das allenfalls den Moment der Pop-Süße im Song aufrechterhält.
Jeder Ton des Solos hat einen ausdrücklich charakterlich betonten Klang und liegt genau an dem klar bestimmten Platz. Das erreichen die heutigen LRB mit großem Können, Wissen und Erfahrung und stützen sich natürlich noch immer auf die Leitlinie der Ursprünglichkeit des Gefühls, was den größten Wert des Inhalts der neuen Scheibe darstellt. In den Gitarrensoli spürt man am intensivsten, dass Little River Band musikalisch aus den Wurzeln des Blues und Rock ’n‘ Roll stammen.
Die Songs sind in Sachen Komposition gleichwertig. Keine Schwankungen, keine Einbrüche, kein Wackeln. Es ist das traditionelle Arrangementprinzip, mit dem LRB schon Ende der Siebziger berühmt wurden. Das erneuerte Team pflegt in dieser Hinsicht wirkungsvoll das Erbe des früheren Erscheinungsbildes und der Arbeit der Gruppe. Tatsächlich jagt es der traditionellen künstlerischen Wiedererkennbarkeit der klassischen Ära der Band recht erfolgreich nach. An Glaubwürdigkeit mangelt es ihr also nicht.
So bleibt »Cuts Like A Diamond« ein äußerst gefälliges Werk für alle, die diese Band kennen und eine perfekt polierte Leitmelodie, mitreißende Melodien, raffinierten organischen Wohlklang und die Harmonie sanft fließender Klangfarben-Collagen elementarer Musikalität lieben. In dieser Hinsicht enttäuscht »Cuts Like A Diamond« keineswegs und knüpft wirkungsvoll an das renommierte frühere Werk der Band an. Es klingt gereift und besitzt einen klar definierten künstlerischen Charakter!
Besetzung
Richard Herring – Gitarre, Gesang
Greg Hind – Gitarre, Gesang
Chris Marion – Keyboards, Gesang
Wayne Nelson – Bass, Gesang
Ryan Ricks – Schlagzeug, Gesang
SPEZIALGAST:
Stephen Housden – Gitarre
Produktion
Little River Band
Trackliste
1. The Lost And The Lonely
2. Forever You Forever Me
3. Cuts Like A Diamond
4. You Dream I’ll Drive
5. I’m An Island
6. Way Too Good
7. What If You’re Wrong
8. Where Do I Run
9. Someone
10. Who Speaks For Me
11. Love Is