Crysis

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Modest Midget
Label: Multi-Polar Music
Erschienen: 2014
Laufzeit: 48:29
Wertung: 4.5/5

Die Niederländer Modest Midget machten erstmals mit dem glänzenden Debüt »The Great Prophecy of a Small Man« (2010) auf sich aufmerksam. Nun kehren sie mit ihrem zweiten Werk, »Crysis«, auf die Bühne zurück, das qualitativ mindestens auf Augenhöhe mit dem überraschend starken Debüt liegt und stellenweise sogar noch einige spaßigere Ideen mitbringt. »Crysis« präsentiert über zwölf Tracks ein komplexes Konzept über verschiedene Lebenszyklen, das zugleich tiefgreifende Veränderungen innerhalb der modernen Gesellschaft und der Musikindustrie skizziert, deren Auswirkungen sich noch eine ganze Weile bemerkbar machen werden. Den Stil von Modest Midget lässt sich kaum in Worte fassen, denn diese aufstrebenden Prog-Rocker unter der Führung von Sänger, Gitarrist, Komponist und Bandleader Lonny (Lionel) Ziblat mischen auf äußerst eklektische Weise Elemente aus Rock, Soul, Barock, Ska, Jazz, Symphonic Rock, Punk, Roma-Musik und sizilianischer Tarantella.

Dem klassisch ausgebildeten Komponisten und Arrangeur sowie exzellenten Gitarristen Ziblat stehen in der Band zwei begeisterte Jazz-Fusion-Fans zur Seite: Bassist/Komponist Maarten Bakker und Schlagzeuger Willem Smid, während Keyboarder Tristan Hupe mit einem außergewöhnlich breiten musikalischen Horizont aufwartet, der von klassischer Musik und Jazz Fusion über Pop und Punk bis hin zur brasilianischen Volksmusik reicht. Wie schon auf dem ersten Album gesellte sich den Mitgliedern von Modest Midget auch auf »Crysis« eine ganze Schar hervorragender Gastmusiker, die größtenteils für die orchestralen Arrangements sorgten, an denen es auf diesem Album wahrlich nicht mangelt und die für zahlreiche dramatische Momente verantwortlich sind.

Modest Midget räumen auf »Crysis« keinem der genannten Genres Vorrang ein, sondern vermischen auf wunderbare Weise einige ihrer besten Qualitäten zu einem äußerst schmackhaften Klangeintopf – und begeistern dabei gelegentlich auch mit einem höchst raffinierten Humor, den man im modernen Progressive Rock oft vermisst. Die kurze Einleitung »The Grand Gate Opening« lässt sich der entspannenden Ambient-Musik zuordnen, während die Band auf »A Centurion’s Itchy Belly« zum ersten Mal auf dem Album ihre mächtige Eklektizität demonstriert: Struktur und aufgewühlte Kompositionen verändern sich von Sekunde zu Sekunde mit zahlreichen unerwarteten Stilwechseln und ungewöhnlichen Taktübergängen. Den schelmischen Touch liefern vor allem Elemente der Roma-Musik, bei denen Ziblats verspielte Gitarrenimprovisationen hervorstechen – obwohl auch der Beitrag jedes einzelnen Musikers ein virtuoses Kapitel für sich darstellt, während die Retro-Produktion den meisten Tracks den Stempel der Siebziger aufdrückt.

Nach zwei Instrumentalstücken folgt der unterhaltsame Fusion-Hybrid »Rocky Valleys of Dawn«, der auch als Single erschien. Ziblat setzt hier erstmals seinen Gesang ein, dessen Klangfarbe in bestimmten Momenten auch im modernen Pop oder Indie Rock funktionieren würde – was bedeutet, dass Modest Midget durchaus gute kommerzielle Voraussetzungen mitbringen, auf die sie sich momentan jedoch einen Dreck pfeifen und lieber die ungezügelte, eigenständige künstlerische Expression ihrer außergewöhnlichen instrumentalen und arrangierenden Fähigkeiten genießen. »Praise The Day« ist eine pastoral-psychedelische Ballade mit entspannenden Akkorden auf der Akustikgitarre und Ziblats verträumerischer Gesangsdarbietung. »Now That We’re Here« ist eines der härteren und zugleich interessantesten Stücke auf »Crysis«. Auf die punkige Einleitung folgt ein Übergang zu symphonischem Prog Rock, wobei es an zahlreichen improvisatorischen Scherzen und ätherischen Vokalharmonien nicht mangelt, die klingen, als wären sie direkt aus den Sechzigern kopiert. Modest Midget vereinen scheinbar unvereinbare Klangelemente mit unglaublicher Raffinesse und rhythmischer Eingespielheit und bewahren dabei eine gehörige Portion Melodiosität.

Das ambient-zarte »Periscope Down« ist ein Jazz-Fusion-Leckerbissen mit Pop-Charme, der so manchen Hörer an einige Errungenschaften der legendären Steely Dan erinnern wird, während Ziblat erneut erfolgreich seine gesangliche und gitarristische Eklektizität unter Beweis stellt. Eine äußerst witzige und unterhaltsame Bearbeitung des Pop-Evergreens »(Oh) Pretty Woman«, der ursprünglich Roy Orbison gehört, bereichert dieses überaus farbenfrohe und lebhafte Album noch weiter. Beim Anhören des ausgelassenen Instrumentals »Flight of The Cockroach« fällt es nicht schwer, sich eine wild gewordene Kakerlake beim Fliegen vorzustellen, dank der schelmischen Schlagzeug- und Gitarrenimprovisationen, bei denen instrumentale Virtuosität harmonisch mit außergewöhnlicher Spontaneität und Schlagfertigkeit verbunden wird.

Das ambient-düstere »Secret Lies« ist ein weiteres höchst unterhaltsames Experiment mit Elementen aus Sinfonik und Pop Rock, in dem sich Einflüsse der frühen Queen (zahlreiche Operetten- und Pomp-Elemente), der späten Beatles (gewisse Verwandtschaft mit dem Klassiker »I Want You (She’s So Heavy)«) und sogar von King Crimson (durch den Einsatz des Mellotrons) ausmachen lassen. »Gone Is« ist eine psychedelische, folkige Ballade mit dem Stil und dem Produktionsstempel der frühen Siebziger, bei der es viel äußerst geschmackvolle Gitarristik zu entdecken gibt. »Crisis (Awake of the Sheep)« ist eine symphonische Prog-Rock-(Mini-)EP mit zahlreichen Fusion-Finessen und cleveren improvisatorischen Ausflügen und gehört zu den interessantesten Momenten dieses qualitativ insgesamt sehr ausgewogenen Albums. Ein interessantes Beispiel für die Verbindung moderner und traditioneller Melodien bietet auch der Abschlusstrack »Birth«, auf dem verschiedene Einflüsse moderner Indie/Pop-Bands sowie einiger Prog-‚Klassiker‘ wie Pink Floyd zu hören sind.

Modest Midget haben mit »Crysis« bestätigt, dass sie sich nach ihrem von der Kritik größtenteils sehr gut aufgenommenen Debüt zu Recht unter die interessantesten Namen des modernen Progressive Rock eingereiht haben – mit ihrem neuesten Werk schufen sie ein weiteres höchst unterhaltsames und eklektisches Klangabenteuer, das den Hörer mit seiner schelmischen und zugleich raffinierten Mischung aus Melodie und Komplexität reichlich belohnt. Kleine klangliche und lyrische Details wie gelegentliche Dosen Humor sind es, die ihnen einen wichtigen Teil ihrer Wiedererkennbarkeit sichern und sie von zahlreichen verwandten, modernen Prog-Rock-Bands abheben, bei denen es ebenfalls nicht an erstklassigen und ambitionierten Musikern mit vielen interessanten Ideen mangelt – weshalb es sich lohnt, ihre Karriere auch in Zukunft im Auge zu behalten.

Besetzung

Lonny Ziblat – Gesang, Gitarre, Keyboards, Perkussion, Programmierung
Willem Smid – Schlagzeug
Maarten Bakker – Bass, Keyboards
Tristan Hupe – Keyboards

GASTMUSIKER:
Dimitar Bodurov – Akkordeon
Yael Shachar – Violine, Viola
Jurriaan Berger – Keyboards, Programmierung
Eduardo Olloqui – Oboe
Emiel de Jong – Saxophon
Sanne Vos – Flöte und Fagott
Anna Zeijlemaker – Flöte

Produktion

Lonny Ziblat

Trackliste

1. The Grand Gate Opening (1:53)
2. A Centurion’s Itchy Belly (4:34)
3. Rocky Valleys of Dawn (3:53)
4. Praise the Day (2:50)
5. Now That We’re Here (3:42)
6. Periscope Down (3:52)
7. (Oh)Pretty Woman (2:25)
8. Flight of the Cockroach (2:39)
9. Secret Lies (6:19)
10. Gone Is (3:49)
11. Crisis (Awake of the Sheep) (7:10)
12. Birth (5:23)

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