Crematory

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Sarcasm
Label: Histria Cult Records
Veröffentlichung: 1989
Laufzeit: 35:07
Bewertung: 5/5

Wie veröffentlicht man ein zeitgemäß klingendes, ungewöhnliches – nennen wir es ruhig einzigartiges – Metal-Album, wenn man eine Metal-Band ist, die auf dem Boden und in der Zeit des seligen Jugoslawiens, weit zurück im Jahr 1987, entstanden ist? Ein Album, das das Prädikat eines Kultklassikers verdient, das die Aktualität seiner Entstehungszeit bewahrt und für alle kommenden Generationen, die ihm auf ihrem Weg im Heavy Metal begegnen, eine echte kleine Metal-Bibel darstellt? Die Geschichte der Sarcasm aus Kranj…

Einst gab es die New Wave of British Heavy Metal, dicht dahinter folgte die Expansion von Bands, die von der anderen Seite des Atlantiks kamen und das Erbe des n.w.o.b.h.m.-s noch aggressiver, noch schneller, noch dreister rüberbringen wollten. Im Arrangement gelegentlich sogar komplexer (frühe Fates Warning, Crimson Glory,…). Die Rede ist von der alten Schule des amerikanischen Speed Metal, der später  die logischen Grundlagen  auch für den Bay Area Thrash Metal legte. Dann krachten  Metallica, Megadeth, Testament, Anthrax auf die Bühne, fast gleichzeitig knallte es in Deutschland, das mit seiner teutonischen Antwort auf den aktuellen Thrash Metal erwachte, und heraus kamen Destruction, Holy Moses, Kreator, Sodom, Paradox, Exumer,…

Es ist unglaublich, wie man inmitten des Schreiens eines Trends wachsen und sich entwickeln kann, den eine Welt diktiert, die sich in einer vergangenen staatlichen Ordnung befindet – einer Ordnung, die Informationen sorgfältig kontrolliert, sie dem Volk auswählt, sie sogar serviert, einem in den Mund legt. Sarcasm begannen nämlich 1987 mit ihrer Arbeit! Schon bei der Gründung wussten sie, was gerade im Westen passierte, auf der anderen Seite  des großen Teiches, und sofort wussten sie, was sie wollten! Und als solche zogen sie sogleich zu ihrem ersten Spaziergang durch die Straßen von Kranj, gekleidet in hohe weiße Puma-Sneaker, enge, im Schritt straff sitzende, abgewetzte Jeans, bedeckt von stacheligen Lederjacken, mit finsteren Mienen, ganz dem damaligen Metal-Boom entsprechend. Kinder der Gebrandmarkten, Kinder der harten Arbeiterschicht, Kinder der Zukunft, Spiegel der damaligen Gesellschaft, ein Aufstand, der mit seinem bloßen Erscheinen schrie: »Lasst uns die Ketten zerreißen, lasst uns die Mauern einreißen!« Nur zwei Jahre nach ihrer Gründung veröffentlichten sie ihren eigenständigen Studio-Erstling »Crematory«, der heute als Kultklassiker gilt, mit dem Sarcasm damals eigentlich die Geburt des Thrash Metal in Slowenien definierten und begründeten – und das war nicht alles. In jener Zeit wirkte dieses ungemein aufgeputschte Album frisch, modern, inspiriert, einzigartig. Es verkörperte Brutalität, Geschwindigkeit, Arroganz, ungezügelte Wildheit im Verständnis des weltweiten Thrash Metal, gegossen über den Verstand und die Hände slowenischer Manier in ein eigenartiges Kunstdokument!

In Slowenien steckte Thrash Metal damals noch in den Kinderschuhen. Neben Sarcasm begannen in dieser Zeit auch Salem aus Koper, Game Over aus Jesenice, Železobeton aus Murska Sobota mit ihrer Arbeit, und die etwas andersartigen Epidemic Zone zündeten ihren Motor,… All diese Bands lieferten Eigenmaterial, doch gerade »Crematory« ist das Album, das die ursprüngliche Geburt des Thrash Metal in Slowenien und im damaligen Jugoslawien begründet.

Es ist schwer, vier geniale Köpfe zusammenzufinden, die schon zwei Jahre nach dem Start der Band eine einzigartige Arbeitsharmonie entwickeln, kalibriert auf einer geschmeidig inspirierten Schwingung, in deren Geist die echte Umsetzung jeder noch so abgedrehten Eigenidee möglich ist! Die Wahrscheinlichkeit ist wirklich gering, dass auf so kleinem Terrain vier große Talente zusammenfinden, die dabei keinerlei Angst kennen. Genial zerquetschte Riffs, das ausgezeichnete Zusammenspiel eines ungezügelt wilden Schlagzeugs, hochaktive Basslinien mit klar hervorgehobenen Kickdrums, durchdachtes und höchst intelligent platziertes Einsetzen von Übergangspassagen, die auf außergewöhnlichem Niveau die vernichtende Verderbtheit des apokalyptischen Gesichts der Band aufrechterhalten – ihre Gier nach der Exekution des bestialischen Lärms, der sofort jeden Kopf schockiert, der die damals »süßen« Bands Gu-gu, Čudežna polja, Pop Design,…. kannte. Sinnvoll, hochfließend und gleichzeitig – was das Produktionsbild betrifft – roh, lebendig und dreist dreckig! Alles, was echte Thrash-Metal-Authentizität braucht. Ein Kassetten-Napalm-Tritt zwischen die Augen, das Herausschütteln der Wut aus voll gespannten Eiern! Aleš Blaznik ist ein außergewöhnlicher Gitarrist – nennen wir ihn ruhig einfach Musiker. Er bringt nicht nur außergewöhnliche Riffs, sondern beweist in meisterhaften Soloakrobatiken seine Genialität und eine für jene Zeiten selten gefundene Durchdringungskraft. Unglaublich ist das Gespür dieses Musikers für die ideale Verbindung der melodischen Charakteristika, wie sie die damalige Entwicklungsreichweite des Speed Metal diktierte, mit der Dreckigkeit des Thrash Metal!

Diese Neuauflage des Albums »Crematory« charakterisiert schließlich, neben den acht Perlen, von denen jede einzelne mit dem Stempel ihrer eigenen Karisma und ihrem vollen charakterlichen Glaubensbekenntnis aufwarten kann und so als acht vollständig abgeschlossene musikalische Geschichten des Albums wirkt, erstmals auch der Bonustrack Divja kri, ein verlorener Kultklassiker der Band, besungen in slowenischen Versen, der auf besonders ergreifend ehrliche Weise die musikalische Philosophie und den Lebenspuls der späten Achtziger zusammenfasst – so wie sie von diesem genialen Quartett voll gelebt und mit ungebändigtem Mut eines großen musikalischen Talents verkörpert wurden.

All dieses bravouröse und tief inspirierte Spiel, gebunden an die Arbeit des instrumentalen Teils der Crew, würde seine wahre Wirkung nicht entfalten ohne eine konkrete vokale Interpretation! Der Gesang ist außergewöhnlich. Nicht im technischen Sinne. Das brauchen Sarcasm nicht, denn dann würden sie zu schön parfümiert klingen. Er ist so dreckig wie möglich, ehrlich in seiner Predigt, wie es nur selten etwas ist. Roh und scharf, erreicht er eine außergewöhnliche vokale Reichweite, die in ihrer giftig frenetischen Draufgängerei jeden kreativen Schritt der Band krönt! Die Exekution englischer Verse mit dem klar hervortretenden, vom Deutschen geerbten Akzent wirkt in ihrer Authentizität sogar charmant! Dass die Jungs in allem bestens mit dem aktuellen Songwriting namhafter Thrash-Metal-Bands der westlichen Welt vertraut waren, bestätigt auch das durchdachte Ausstatten der grundlegenden Vokallinien mit begleitenden Vokalharmonien, womit Sarcasm meisterhaft die atmosphärische Entwicklung der Songs selbst kontrastieren und die hohe dynamische Entfaltung des Albums »Creamtory« vertiefen.

Die Essenz der Band namens Sarcasm erschließt sich bereits beim Blick auf das Cover, auf dem der fiktive Zombie-Held Thrasher in einer Hand den abgehackten Kopf von Freddy Krüger trägt und am anderen Arm Freddy Krügers tödliche fünfklingige Mörderklaue. Sarcasm haben also die ganze Geschichte um Freddy Krüger sarkastisch auf den Kopf gestellt, was auch die Verse des Songs The Krüger Story bestätigen, in dem die Rollen vertauscht sind und Krüger in die Rolle desjenigen gedrängt wird, der seine eigene Haut retten muss!

Das ist ein Album, das ein überaus wichtiges Dokument in der Entwicklung des slowenischen Heavy Metal darstellt und von wegweisender historischer Bedeutung ist. Erschaffen haben es bescheidene Jungs, die es kaum erwarten konnten, nach besten Kräften ein unheilvolles, erschreckend verderbliches und lautstark rasendes Thrash-Metal-Album für das Jahr 1989 abzuliefern. Ohne zu wissen, dass sie Geschichte für den slowenischen Metal schreiben. Für ihre kreative ausdrucksstarke Durchdringungskraft und ihren ungebändigten Mut haben sie nie eine gerechte Anerkennung und Wertschätzung erhalten, obwohl sie sich beides mehr als blutig verdient hätten. »Crematory« ist das Produkt einer besonderen Karisma, die der Band in einem anderen Umfeld für jene Zeit die Türen zu einem Durchbruch auf der internationalen Bühne hätte weit aufstoßen und den Grundstein für einen Kultstatus legen können, der auch weltweit erkennbar hätte sein können. Wenn du den Inhalt des Albums »Crematory« neben den Erstlingswerken der heutigen Kultgiganten des Weltglobus abwägst – wie etwa Metallica, Megadeth oder/und Anthrax – wird sofort klar, dass sich »Crematory« mit seiner reichen Aussagekraft und einzigartigen künstlerischen Flexibilität jederzeit mühelos mit dem Inhalt ihrer Studioerstlinge messen kann.

Besetzung

Osim Čehić – Gesang
Aleš Blaznik – Gitarre
Sandi Dolinar – Bassgitarre
Matjaž Kacin – Schlagzeug

 

Produktion

Sarcasm

Trackliste

1. Road Warriors
2. Crematory
3. Sarcasm Reborn
4. Thrash Tonight
5. Love At First Sight
6. The Krüger Story
7. The Fate
8. Runaway
9. Divja kri (Bonustrack)

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