Coyote
Künstler: Kayo Dot
Label: Hydra Head Records
Erschienen: 2010
Laufzeit: 39:48
Bewertung: 4.3/5
Auf dem heutigen übersättigten Markt mit so gut wie allen möglichen Kombinationen zufälliger oder bewusst arrangierter Klänge ist es schwer, etwas Originelles zu finden, etwas noch nie Gehörtes, das gleichzeitig gut klingt und sich angenehm hören lässt. Wegen der Monotonie und Gleichförmigkeit sich wiederholender Musik entstanden Avantgarde, Progressive und so weiter – doch auch diese Musik ist an ihre Grenzen gestoßen. Oder etwa nicht?
Kayo Dot ist nämlich eine Band, die all die bereits hochgesteckten Grenzen musikalischer Möglichkeiten überschreiten will. Andersartigkeit ist der Begriff, den sie verkörpern – aber nicht nur um ihrer selbst willen: Ihre Musik ist nämlich schlicht großartig. Kayo Dot, angeführt von Toby Driver, spielen eine Art Avantgarde-Metal mit reichlich Elementen klassischer Musik und Free Jazz. Mit ihrer Einzigartigkeit haben sie in der kurzen Zeit ihres Bestehens eine beachtliche Fanbasis aufgebaut, die mit jedem neuen Album noch weiter wächst. Über ihr letztes Album „Coyote“ hat Toby Driver bereits einige Worte für RockLine gesprochen (Interview hier), als er am Mittwoch, dem 12. 5. 2010, in Ljubljana auf Tour mit Secret Chiefs 3 im Kino Šiška war (Bericht hier). „Coyote“ soll ihr bislang am stärksten „persönliches“ Werk sein, in das Toby am meisten von sich selbst bzw. seiner musikalischen Leidenschaft gesteckt haben soll, was sich in den Strukturen der Stücke zeigt, die klassischen Kompositionen verblüffend ähnlich sind.
„Coyote“ ist erwartungsgemäß kein typisches Metal-Werk, sondern eine äußerst düstere, poetische, eher schlagzeugorientierte Aufnahme eines Rezitals, die der Band eine völlig neue, unbearbeitete Welt eröffnet. Das Album ist der Freundin der Band, Yuko Sueta, gewidmet, die kürzlich tragisch an Krebs gestorben ist. Genau deshalb ist das Album konzeptionell, und die Texte der einzelnen Songs fügen sich diesem Konzept: Yuko selbst hat die Texte geschrieben, was dem Album zusätzlichen Wert und Authentizität verleiht. Diese sogenannten Rezitale werden nur von Tobys Bass, Trompete und Saxofon getragen, Gitarren gibt es kaum, und über allem liegt noch eine Art freie, avantgardistische, psychotische Schlagzeugsektion.
Das Album gliedert sich gewissermaßen in fünf Teile – genau so viele, wie es Stücke gibt. Bereits der erste Track „Calonyction Girl“ beginnt ausgesprochen düster, mit den Worten: „Help me … I’m disappearing …“ („Hilf mir … ich verschwinde …“). Auch die Instrumentalsektion selbst sorgt für einen großen Teil der düsteren, schaurigen Atmosphäre, von der der gesamte erste Song durchdrungen ist. Im nächsten Track, „Whisper Ineffable“, spielt die Instrumentalseite eine weitaus größere Rolle. Schon der Einstieg mit den mollartigen, aber sanften Klängen von Geige und Trompete, unterstützt von beißenden Basslinien, erzeugt eine aufgeladene Atmosphäre; mit der Entfaltung des Stücks entwickelt sich auch das Konzept selbst, das sich so steigert und auf seiner düsteren Dichte aufbaut. Später verfällt die Komposition in eine Art Free-Jazz-Formen, mit den vokalen Schaurigkeiten von Toby Driver. Kayo Dot war schon immer für seine Düsterheit bekannt, doch in solchen Ausmaßen hat das wohl niemand erwartet.
Es folgt das zweiteilige Stück „Abyss Hinge“. Der erste Teil, „Sleeping Birds Sighing in Roscolux“, ist der einzige, der vollständig instrumental ist. Die sich wiederholende Rhythmussektion wird erstmals von Keyboards unterstützt, die eine Art Fundament für den zweiten Teil von „Abyss Hinge“, „The Shrinking Armature“, aufbauen. Der wohl ruhigste, rhythmischste und „nicht-avantgardistischste“ Track des Albums ist voll von ungewöhnlichen Bassklängen, verschiedensten Blechblasinstrumenten und Drivers hallendem Gesang/Rezitation zusammenhangsloser düsterer Gedanken. Das schnelle Wechseln des Tempos einzelner Teile beeinflusst das Erleben des Gesamtkonzepts durch den Hörer auf unglaubliche Weise.
Der Abschlussteil des Albums, „Cartogram Out Of Phrase“, ist wohl die emotionalste Schöpfung von Kayo Dot bis dato. In seiner ganzen Größe ist er ein perfekter Abschluss des Albums. Durch das gesamte Konzept hat sich die Atmosphäre etwas verändert, hat sich „abgefunden“ und sich dabei geklärt, aufgehellt. „Cartogram Out Of Phrase“ spiegelt genau das wider – eine Art Resignation.
Kayo Dots „Coyote“ ist weder leichtes noch angenehmes Hören. Es verlangt die bedingungslose Hingabe des Hörers, mehrmaliges Hören des gesamten Albums und einzelner Teile – und noch mehr. Doch am Ende sind Musik und Text gleichermaßen ungemein herzzerreißend, emotional und beinahe deprimierend. Kayo Dot ist also definitiv nicht für jeden Hörer – das war schon bei ihrem Debüt klar. Aber „Coyote“ ist ein so persönliches Werk, ein so emotionales Werk, dass es Grundlage und Inspiration für alle sein sollte, die sich mehr auf die Kraft der Texte und des Gesangs stützen als auf die rein instrumentale Seite. Natürlich sind Driver und seine Kollegen keine schlechten Musiker, ganz im Gegenteil – gerade in ihrer Musik steckt das größte Können, das Wesentliche, denn durch die Musik haben sie menschliches Leben heraufbeschworen und dargestellt und damit echte menschliche Gefühle ausgelöst. „Coyote“ ist so ein Theaterstück, eine Tragödie, das Leben – nicht nur ein Haufen Klänge und gesprochener Wörter.
Besetzung
Toby Driver – Bassgitarre, Gesang
Mia Matsumiya – Geige, Gitarre
David Bodie – Schlagzeug
Daniel Means – Saxofon
Terran Olson – Keyboards, Saxofon
Tim Byrnes – Trompete
Produktion
Toby Driver/Kayo Dot
Tracklist
1. Calonyction Girl (7:59)
2. Whisper Ineffable (11:13)
3. Abyss Hinge 1: Sleeping Birds Sighing in Roscolux (3:45)
4. Abyss Hinge 2: The Shrinking Armature (13:40)
5. Cartogram Out Of Phase (3:11)