Coup De Grace
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Treat
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2010
Laufzeit: 55:39
Wertung: 5/5
Wenn eine der in diesem Jahr erschienenen Platten die Hoffnung zurückbringt, dass melodischer Hard Rock jemals wiederkehren wird, dann ist es das neue Album „Coup De Grace“ der schwedischen Veteranen und Bühnen-Rückkehrer Treat. Die Jungs waren seit 1992 nicht mehr auf der Rock-Landkarte. Nun, die Abwesenheit von der Bühne hat den Jungs das Gespür für musikalische Wahrnehmung nicht verdorben. Treat bleiben mit „Coup De Grace“ erstklassige Schmiede des edelsten Hard Rocks auf europäischem Boden. Die Landsleute und Treat-Rivalen der Achtziger, Europe, an Ruhm und kommerziellen Erfolg gewöhnt, haben in neuen Zeiten ihren Stil verändert, was sich als zweischneidiges Schwert erwiesen hat. Treat, die dabei völlig unbelastet blieben, haben auf der anderen Seite ein waschechtes Hard-Rock-Album mit modernem Sound aus dem Jahr 2010 veröffentlicht, von dem das neue Europe heute nur träumen kann. Der Schreibstil des Materials blieb derselbe wie in den Achtzigern, die Produktion hingegen nicht. Diese ist lebendig, ohne jedes Glattbügeln. Ruf dir die letzten Alben der Schweizer Gotthard in Erinnerung, und die Dinge werden deutlich klarer. Spurenweise lässt sich die Ähnlichkeit zwischen den beiden Bands auch im Songwriting-Ansatz gelegentlich ausmachen. Wenn man noch Andreas‘ jüngste Zusammenarbeiten mit Gotthard hinzufügt, ist diese gelegentliche klangliche und stilistische Ähnlichkeit nicht mehr sonderlich überraschend (sogar in der einzigen, ansonsten hervorragenden Ballade A Life To Die For).
14 Songs, davon eine Intro. Also insgesamt 13 echte Songs. Kaum, wenn überhaupt, findet man darunter einen klaren Ausreißer nach unten. Nein. „Coup De Grace“ funktioniert von der ersten bis zur letzten Sekunde in vollen Zügen. Die lange Pause hat eine Fülle von Ideen ans Licht gebracht. Diese wurden raffiniert und mit Finesse eingesetzt und zusammengeführt. Alles ist in eine perfekte Balance der einzelnen Songs geordnet, woraus das unbestreitbare Fazit erwächst, dass dies das Beste ist, was Hard Rock im Jahr 2010 zu bieten hat. Ich spreche von Hard Rock, der eine echte Verbindung zu der Zeit trägt, als er gerade erst aus der Wiege kroch – den Achtzigern.
Nicht, dass Treat den Hammond-Sound in der Vergangenheit nicht gelegentlich eingesetzt hätten (Album „Dreamhunter“), aber im Jahr 2010 greifen sie mehr denn je darauf zurück. Das ist sozusagen das tugendsame Gotthard eines soliden Vertiefens der Hard-Rock-Linie, angeführt von energischen und lebhaften Gitarrenriffs. In diese Erkenntnis nimmt dich sofort der Song The War Is Over mit. Mit von der Partie ist jener bekannte positiv gestimmte Geist der Band, durch den sie unverwechselbar blieb. Diesen hat sie auch in die neue Ära mitgenommen. Die Mittelteile sind hervorragend gewürzt mit fantastischen Soli. Die Hauptsache aber sind die autoritativen Refrainmelodien, die das Beste aus den Erkenntnissen und Errungenschaften des AOR-Rock herausholen. Die reich ausgestatteten und atmosphärisch aufgewerteten Grundvokallinien dieser Refrains mit mehrteiligen Harmonien gießen Öl ins Feuer der unwiederbringlichen Intoxikation jedes Empfänglichen für melodische Perfektion in der Hard-Rock-Musik. Schwedischer Perfektionismus eben!
Treat machen keine Pause. Die Energie hält All In mit seiner unterschwellig ansteckenden, giftigen Refrainmelodie aufrecht. Die Songs sind mit einer klar erkennbaren, reißenden Basslinie ausgestattet, die dem erotischen Glanz und der Würze von Treat in neuen Zeiten einen wichtigen Stempel aufdrückt. Paper Tiger oder doch Roar (Letztere ist für eine Single-Veröffentlichung geboren)? Spekulier ruhig. Ein Refrain ist nämlich ansteckender als der andere. Das ist ein Album, von dem du so schnell nicht genug bekommst, und es beweist, dass Treat wie guter alter Wein sind. „Coup De Grace“ stellt sich neben die besten Treat-Zeiten der Achtziger, angeführt von „Organized Crime“ (1989) oder „Dreamhunter“ (1989). Besonders tief und reißend ist die Basslinie in Tangled Up. Einen einzigartigen atmosphärischen Kontrast erreichen Treat in der Strophe dieses Songs zwischen dem reißenden Bass und dem kristallklaren Gesang. Skies Of Mongolia kann sich mit einem der schönsten und dramatischsten Refrains des Albums rühmen. Atemraubende melodische Perfektion. Es folgt der sanft Gotthard-artige Riff von Heaven Can Wait. Das Album sackt nicht ab. Auch der zweite und der abschließende Teil des Albums bewahren die außerordentliche Pompösität und Dynamik. Dank außerordentlicher Vielfalt bei gleichzeitiger kompakter Vollendung. Im intensiven Abschlussteil des Albums verdient es Erwähnung: das Leppard-hafte, im Stil der „Hysteria“-Ära abgerundete We Own The Night, das das zarte Geschlecht schon von Weitem zur Ursünde verführt. Mädels, pass auf dich auf! Den Nagel auf den Kopf trifft Breathless. Wenn ich in die Verse eintauche, ist es nicht schwer herauszuschälen, dass diese auf der Basis der Empfindungen eines erlebten Orgasmus entstanden sind. Warum also zurückhalten? Liebe ist ein Teil des Lebens, der uns antreibt und aufrecht hält. Und Treat, reifer als je zuvor, wissen das noch verdammt gut. Meister, von denen heute noch so mancher lernen kann.
„Coup De Grace“ gehört in die engste Auswahl der Kandidaten für das Album des Jahres 2010 im Bereich des melodischen Hard Rock. Es besitzt alles. Den wiedererkennbaren Treat-Charme, der voll zur Wirkung kommt. Die außerordentliche Lebendigkeit der gewählten Kompositionen, eine lebhafte und dynamische Produktion – und hebt dabei auf ideale Weise das angeborene Gespür der Band für die Kreation brennend verführerischer Hard-Rock-Brecher hervor und kapitalisiert es, mit atmosphärischen Höhepunkten in melodisch ausgeschliffenen Refrains, die geradezu miteinander wetteifern, wer wem die Aufmerksamkeit raubt. Keine Höhepunkte – oder doch. Alle Songs sind Höhepunkte. Ein makelloses Album.
Besetzung
Robert Ernlund – Gesang
Anders „Gary“ Wikström – Gitarre, Backing Vocals
Patrick Appelgren – Keyboards, Backing Vocals
Nalle Pahlsson – Bassgitarre, Backing Vocals
Jamie Borger – Schlagzeug, Backing Vocals
Produktion
Anders „Gary“ Wikström & Patrick Appelgren
Trackliste
1. Prelude – Coup de Grace(2:30)
2. The War Is Over (4:02)
3. All In (4:16)
4. Paper Tiger (4:29)
5. Roar (4:30)
6. A Life To Die For (4:24)
7. Tangled Up (4:10)
8. Skies of Mongolia (3:54)
9. Heaven Can Wait (4:12)
10. I’m Not Runnin‘ (3:29)
11. No Way Without You (4:12)
12. We Own The Night (4:37)
13. All For Love (3:51)
14. Breathless (4:25)