Come Taste the Band

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Deep Purple
Label: EMI Records
Erschienen: 1975
Laufzeit: 37:16
Bewertung: 4.5/5

»Come Taste the Band« war das zehnte Studioalbum der englischen Heavy-Rock-Titanen Deep Purple sowie das erste und einzige Album der sogenannten Mark IV-Besetzung, die als Gitarristen den Amerikaner Tommy Bolin (1951–1976) enthielt. Der vielseitige Bolin, der zuvor vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem legendären Mahavishnu Orchestra-Schlagzeuger Billy Cobham auf dessen Solo-Jazz-Rock-Fusion-Meisterwerk »Spectrum« (1973) bekannt war, war ein geschätzter Gelegenheitsmusiker und ehemaliges Mitglied der Bands Zephyr und The James Gang. Durch seine Liebe zum Jazz und vor allem zum Funk fand er schnell eine gemeinsame Sprache mit Deep Purple-Sänger/Bassist Glenn Hughes, der nach dem Abgang des Gitarrenvirtuosen Ritchie Blackmore deutlich freiere Hand hatte, mehr Funk-Elemente in den traditionellen Heavy-Rock-Sound von Purple einzubringen.

Der im besten Alter verstorbene, ungeschliffene Gitarren-Diamant Bolin soll den Platz als Purple-Gitarrist angeblich beim ersten Anlauf bekommen haben, als er beim Vorspielen mit Federn im bunten Haar und einer halbnackten Hawaiianerin an seiner Seite auftauchte. Mit seiner brillanten, komplexen und ganz eigentümlichen Gitarrentechnik bezauberte er die vier anwesenden Purple-Mitglieder auf der Stelle – die damals schon bis zum Hals genug hatten von Blackmores diktatorisch gewürzten, manchmal schon bizarren Launen. Den Vieren schwante zu ihrem Bedauern damals noch nicht einmal im Traum, dass Bolin auch heroinsüchtig war, denn bei rechtzeitiger Kenntnis hätte man eine große Tragödie verhindern können. Die Abhängigkeit von Rauschmitteln hatte neben dem verwandten Musikgeschmack dazu beigetragen, dass er und Hughes schnell eine besondere brüderliche Beziehung und ein tiefes gegenseitiges Verständnis entwickelten.

Der legendäre Sänger/Bassist befand sich nämlich damals, was sein Privatleben betraf, in einer ausgesprochen düsteren Phase – fast durchgehend auf Kokain. Dieser ungesunde gemeinsame Nenner von Bolin und Hughes hatte entscheidenden Einfluss auf die Atmosphäre und den Großteil der Texte von »Come Taste the Band«. Bolins Heroin-Tragödie sollte sich nur ein Jahr später auf schreckliche Weise enden, doch als er 1975 ins Studio ging, um mit den übrigen Mitgliedern »Come Taste the Band« aufzunehmen, war er in bester Gitarrenform – und dieses Album ist neben seinen beiden Solo-Scheiben »Teaser« (1975) und »Private Eyes« (1976) das zentrale Lebenszeugnis dieses viel zu früh verstorbenen Gitarrenvirtuosen, der unter anderen Umständen noch sehr viele aufregende musikalische Dinge hätte erreichen können.

Für eine Band, die die meisten Fans nach Blackmores Abgang innerlich schon still begraben hatten – sie wussten nämlich nicht, dass Sänger David Coverdale die beiden Original-Mitglieder, Tasten-Zauberer Jon Lord und Schlagzeug-As Ian Paice, überzeugen konnte, in neue und unvorhersehbare Herausforderungen weiterzumachen. Trotz zahlreicher Probleme, die sie während der Aufnahmen in Los Angeles und München begleiteten, geriet »Come Taste the Band« am Ende zu einem außerordentlich hochwertigen Studiowerk, das nach Jahrzehnten der Nichtbeachtung – vor allem dank Bolins Gitarren-Erbe – erst heute bei Fans und Musikkritikern an größerer Wertschätzung gewinnt. In jedem einzelnen Stück spürt man frischen Elan und Antrieb, sodass es heute kaum zu glauben ist, dass dies das letzte Deep Purple-Album der Siebziger war, beziehungsweise ihr letztes Studiowerk bis zur triumphalen Rückkehr mit »Perfect Strangers« (1984).

Im Vergleich zum überwiegend funk-gefärbten Vorgänger »Stormbringer« ist »Come Taste the Band« wieder ein etwas härteres Werk mit höherem Anteil an Heavy-Rock-Elementen, obwohl es auch an zahlreichen Funk- und Soul-Momenten nicht mangelt, die vor allem Hughes und Bolin vorantrieben. Lord und Paice waren die Verfechter und Hüter des traditionellen, druckvollen Purple-Sounds, während Coverdale irgendwo dazwischen stand und mit seinem maskulinen, von bluesigem Charme durchwobenen Gesang das nötige Gleichgewicht zwischen beiden Extremen hielt. Diesmal teilten sich David und Glenn die Gesangsrollen auf den einzelnen Songs einvernehmlich auf, sodass es zum Gesangsduett erst ganz am Ende des Albums kommt. »Comin‘ Home«, der eröffnende Heavy Rocker mit Boogie-Rhythmusvariationen auf dem Klavier, wird von Coverdales gewaltigem Gesang getragen, der durch Bolins schwebende Vokalharmonien veredelt wird. Diese Kombination sorgt zusammen mit Bolins markantem und ausgedehntem Gitarrensolo, unterstützt von wuchtigen Schlagzeugbecken, für einen temperamentvollen Albumauftakt in bester Purple-Tradition.

»Lady Luck« (Originalautor Jeff Cook) ist ein weiterer Heavy-Rock-Brecher mit Funk-Einsprengseln, auf dem Coverdale auf äußerst eindringliche Weise über die Trügerischkeit weiblicher Reize herzieht, begleitet von Bolins komplexen Gitarrenvariationen und Lords geistreich-spielerischen Orgeleinlagen. Beim Funk-Rock-Stampfer »Gettin‘ Tighter«, wo der ‚funky man‘ Hughes die Gesangsstafette übernimmt, regiert hedonistische Stimmung dank eines spritzigen Motivs, das auf einem schelmischen Gitarrenriff und treibenden Drums aufbaut. Im Mittelteil dominiert Bolins geistreiche und komplexe Funky-Gitarrenimprovisation, während Hughes auf energische Weise den eingängig-melodischen Refrain am Laufen hält.

»Dealer«, dessen Text eindeutig auf Hughes‘ und Bolins Erlebnisse mit Drogendealern anspielt, ist ein weiterer Funk-Rock-Stampfer, dem Coverdales bluesig intonierter Gesang durchgehend einen ernsten Ton verleiht, als wolle er vor den Irrwegen eines solchen Lebensstils warnen. Für einen kurzen, verträumten Abschnitt sorgt der plötzliche Einsatz von Bolins Gesang, der in die dramatische Atmosphäre auch eine persönliche Note bringt, während das gastronomische Gitarrensolo einmal mehr ein wahrer Ohrenschmaus ist. Auf »I Need Love«, wo ein passendes Gleichgewicht zwischen traditionellen Heavy-Rock-Nuancen und funkigen Rhythmus-Einlagen herrscht, kommt Bolins temperamentvolles Gitarrenriff am nächsten an Blackmores Stil des Kreierens innovativer Gitarrenphrasen heran. Coverdales Gesang findet sich bestens zurecht bei einem Text mit dem Adjektiv ‚love‘ im Titel und schüttelt im klassischen Blues-Stil wild seine ungezügelten Hormone durch. Bolins Soloimprovisation wird von funkigen Rhythmen und Soul-Vokalisierungen unterstützt.

Der Hard Rocker »Drifter« ist ein weiterer Evergreen von »Come Taste the Band«, der nicht nachlässt im Kreieren einer hyperaktiven Atmosphäre, über die Coverdales ungezügelte und romantisch gefärbte Gesangsbeichte über einen Vagabunden autoritativ wacht. Beim Refrain stößt Hughes mit Mehrstimmigkeit dazu, während Bolin nach einem kürzeren Gitarrensolo mit Unterstützung von gnadenlosen Schlagzeugbecken das Ganze in schnellere rhythmische Nuancen treibt. Im mittleren, ruhigeren Teil dominiert Lords Orgelsolo sowie eine weitere innovative Bolin-Improvisation, bis auf den Rhythmen rollender Trommeln ein abrupter Schluss eintritt.

Der knackige Evergreen »Love Child« ist ein weiterer hervorragender Beitrag, auf dem Bolin treu dem Blackmore’schen Geist des Schaffens brennender und ikonoklastischer Gitarrenphrasen folgt, während Coverdale begleitet von gnadenlosen Schlagzeugläufen erneut wahre Gesangsorgasmen erlebt, wenn er von jüngsten Liebesabenteuern erzählt. Für einen Hauch Prog-Rock-Experimentalismus sorgt ein kurzer, aber komplexer Instrumentalabschnitt mit Lords geistreichem Synthesizersolo. Die erschütternde Suite »This Time Around/Owed To ‚G’« ist der technisch ausgefeilteste und komplexeste Klassiker von »Come Taste the Band«, auf dem die gesangliche Hauptstafette erneut der herrlich aufgelegte Hughes übernimmt. Der einleitende, jazzgefärbte Teil ist eine melancholische, auf dem Klavier gebettete Ballade, in der Hughes‘ untröstlicher Gesang langsam ein außerordentlich atmosphärisches Drama aufbaut und damit erneut seine beeindruckende gesangliche Vielseitigkeit und grenzenlose emotionale Tiefe demonstriert. Im zweiten, instrumentalbetonten Teil steigert sich das Drama durch den plötzlichen Einbruch temperamentvoller Gitarrenphrasen und gewaltiger Orgelvariationen weiter, bis es mit einem weiteren sinnlichen Gitarrensolo von Bolin seinen Höhepunkt erreicht.

Den Höhepunkt des gesamten Albums und damit der kurzlebigen Mark IV-Besetzung stellt das abschließende Meisterwerk »You Keep On Moving« dar, wo sich durch die intensive Atmosphäre außergewöhnliche Nostalgie ständig mit unbeschreiblicher Melancholie mischt. Hier ergänzen sich Hughes und Coverdale nach langer Zeit wieder mit leidenschaftlichen gegenseitigen Vokalharmonien. Die langsame Stimmungsentwicklung basiert auf einem wiegenden Rhythmus im ruhigen Eröffnungsteil, wo Hughes‘ ausgeprägt melancholischer Gesang das Drama aufbaut, unterstützt von einer mächtigen Gitarrenphrase und dem raschelnden Wogen der Hammond-Orgel. Nach und nach setzt der Übergang in einen härteren Abschnitt mit epischen Gitarrenpassagen und feurigen Schlagzeugübergängen ein, wo Hughes nicht aufhört, mit seiner gesanglichen Variabilität zu begeistern. Lords überirdisches Orgelsolo ist das beste auf dem gesamten Album und ebnet dem aufgedrehten Coverdale-Gesang den Weg, der diesmal im Vergleich zu Hughes eine weniger prominente, aber beim Kreieren der mächtigen Atmosphäre keine weniger wirkungsvolle Rolle spielt. Das melodramatisch gefärbte synchrone Verflechten von Gitarren- und Orgelpassagen sorgt dann für einen wahrhaft epischen Abschluss.

Die zum 35. Jahrestag des Originalalbums veröffentlichte CD-Version von »Come Taste the Band« enthält einige interessante Bonus-Leckerbissen, unter denen die Single-Version von »You Keep On Moving« sowie der solide Heavy Rocker »Same in LA« hervorstechen, während »Bolin/Paice Jam« ein interessanter instrumentaler Jam zwischen dem tragischen Gitarristen und dem mit allen Wassern gewaschenen Schlagzeuger ist.

Der oft übersehene Klassiker »Come Taste the Band« stellt einen würdigen Abschied von Deep Purple der Siebziger dar und ist ein äußerst wertvolles Testament von Bolins einzigartigem Gitarrentalent, angesichts dessen man Blackmores Abwesenheit überhaupt nicht vermisst. Viele Fans stellen leider erst heute, da Bolin schon lange nicht mehr unter uns weilt, fest, um was für ein kriminell übersehenes Werk in der Deep Purple-Geschichte es sich dabei eigentlich handelt. Die Mark IV-Besetzung wurde auch auf Tournee von zahlreichen Problemen nicht in Ruhe gelassen, hauptsächlich im Zusammenhang mit Hughes und vor allem Bolin, der aufgrund seiner Heroinabhängigkeit – bei gelegentlich nach wie vor brillanten Auftritten – auf der Bühne immer schwerer mit den übrigen Mitgliedern mithalten konnte und sie in große Verlegenheit brachte.

Nachdem ihr letzter Konzertauftritt mit Bolin in der Besetzung 1976 mitten in London auf katastrophale Weise geendet hatte, wollte Coverdale mit Tränen in den Augen die übrigen Mitglieder und das Management informieren, dass er unwiderruflich aus der Band aussteige. Es schwante ihm nicht einmal im Traum, dass Lord und Paice, die nicht länger zusehen konnten, wie die legendäre Band auf den Flügeln zweier Abhängiger zur Parodie ihrer selbst verkam, bereits still und heimlich mehrere Wochen zuvor beschlossen hatten, dass Deep Purple ihr Verfallsdatum überschritten hatte. Coverdale stürzte sich nach der großen Enttäuschung mit vollen Segeln auf eine Solokarriere, die bald zu einer eigenen Band namens Whitesnake anwuchs, der sich im Laufe der Zeit auch Lord und Paice anschlossen. Hughes, der noch lange Zeit mit seiner Kokainsucht kämpfte, begann eine erfolgreiche Solokarriere, die bis heute andauert, während Bolin nicht so viel Glück hatte – denn eine Überdosis Heroin Ende 1976, als er sich auf die Veröffentlichung seines zweiten Soloalbums »Private Eyes« vorbereitete, wurde ihm zum Verhängnis. Deep Purple vereinigten sich nach acht Jahren erneut in ihrer beliebtesten Mark II-Besetzung und veröffentlichten 1984 das hervorragende Album »Perfect Strangers« – aber das ist bereits eine andere Geschichte.

Besetzung

David Coverdale – Gesang
Tommy Bolin – Gitarre, Bassgitarre auf „Comin‘ Home“, Hintergrundgesang auf „Comin‘ Home“ und geteilter Gesang auf „Dealer“
Glenn Hughes – Gesang, Bassgitarre
Jon Lord – Keyboards, Klavier, Synthesizer
Ian Paice – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Deep Purple und Martin Birch

Trackliste

1. Comin‘ Home (3:54)
2. Lady Luck (2:48)
3. Gettin‘ Tighter (3:36)
4. Dealer (3:53)
5. I Need Love (4:24)
6. Drifter (4:05)
7. Love Child (3:07)
8. This Time Around/Owed to ‚G‘ (6:13)
9. You Keep on Moving (5:22)

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