Come Out To Play
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Estrella
Label: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 57:52
Wertung: 3,5/5
Estrella, schottische Hard Rocker, brachten 2012 ihr Studiodebüt »Come Out To Play« heraus. Die im schottischen Thurso 2004 gegründete Band zog nach einem Jahr nach Aberdeen um. Der romanische Gruppenname hat seinen Ursprung in einer Geschichte, als die Jungs den Film »Rock Star« mit spanischen Untertiteln schauten und ohne großes Grübeln schnell kapiert hatten, dass »star« auf Spanisch »estrella« heißt — was ihnen offensichtlich sehr vertraut klang.
Nach Veröffentlichung des Debüts absolvierten Estrella einige interessante Touren. Eine mit den britischen Metal-Hoffnungen Furyon, eine weitere mit Robin Beck, 2013 dann mit House Of Lords. Das bedeutet, dass sie mit dem Debüt für ordentlich Staub gesorgt haben — nicht nur das breite Publikum hat sie wahrgenommen, sondern auch renommierte Künstler, A&R-Leute und Booker. Die Antwort liegt im überzeugenden Inhalt des Studiodebüts!
Trotz allem ist es ein Debüt — der Inhalt macht aber klar, dass Estrella längst keine Grünschnäbel mehr sind. Es sind Musiker, die bereits einige Kilometer auf dem Tacho haben. Das Debüt durchlief einen längeren Entstehungsprozess. Es vereint nämlich interessante Einflüsse mehrerer Hard-Rock-Bands der Achtziger und sogar der Siebziger. Die Band verbindet in bestimmten Momenten nämlich unglaublich effektiv rohe Rock ’n‘ Roll-Energie, sogar rhetorische Qualitäten der Bluesmusik, mit Mitteln des Melodic Rock und sogar AOR. Das ist eigentlich ihr Alleinstellungsmerkmal. Melodische Eingängigkeit gekreuzt mit roher Rockenergie öffnet ihnen die Türen zum Publikum weit auf.
Das Quartett besteht aus gleich drei Brüdern! Paul, Luke und Nathan Gunn! Das vierte Mitglied ist Schlagzeuger Leo J. McPherson, mit dem die Besetzung 2010 gefestigt wurde — und von da an richteten die Jungs ihre Kräfte endlich auf die Aufnahme des Studiodebüts. Auf sie aufmerksam wurde auch der legendäre Keyboarder und Klangproduzent John T. Sinclair. Der Mann spielte in den Achtzigern unter anderem für Uriah Heep und Ozzy Osbourne. Auf dem Album ist seine Handschrift als Mentor spürbar. Sinclair spielte eine sehr wichtige Rolle im Entstehungsprozess dieses Albums. Seine typischen Handgriffe sind leicht zu spüren und zu hören. Der Mann fand also einige hervorragende Arrangementlösungen, durch die die Ideen der Jungs auf dem Album neuen Mehrwert bekamen und charakterlich gewachsen sind.
Estrella haben einige außergewöhnliche Riffs gefunden, die auf einzelnen Songs des Albums herausstechen. Einige Songs zeichnet ein außergewöhnlicher dynamischer Fluss aus, der das Ergebnis eines ausgewogenen Zusammenführens eingängiger melodischer Melodien mit primärer rockiger Schärfe ist. Das bestätigt bereits der Eröffnungsteil des Albums mit der Abfolge der Songs Chance Of A Lifetime, Come Out To Play und Party. Es ist ein einleitender hedonistischer Rock ’n‘ Roll-Marsch, in den Sinclair durch Keyboard-Arrangements einige mögliche Parallelen zu The Who der Siebziger einwebt (Songs Chance Of A Lifetime, Come Out To Play). Nach dem Adrenalinrausch der ersten drei Songs findet sich auf der Liste ein sehr interessanter Album-Track namens Mona Lisa Smile. Er basiert auf Lösungen des totalen Minimalismus, die aber zusammen als Ganzes verdammt gut wirken. Den Hintergrund füllen größtenteils Keyboards (mit Imitation eines Streichorchesters), denen in kontrastierendem Gleichgewicht eine betont aufgeplusterte Snare-Drum als ausdrucksstarke Stütze dient, während die Gitarre den Rhythmus mit nur wenigen Tönen einfärbt. Clever, aber vollblütig wirkend. Es folgt ein wirkungsvoller Stimmungswechsel von der ausgefeilten Strophe in den brodelnden Refrain, wo die Gitarrenphrase voluminös erwacht. Der Song gewinnt an frecher Neckerei, mit der die Jungs ans Reizen der Mädchen herangehen. Ein Song fürs Frühlingserwachen, wenn sich alle möglichen Blümchen bereitwillig öffnen. Die einen wie die anderen. Die Fantasie kennt keine Grenzen. Der andere Song, der mehr Raffinesse verlangt, ist Last Mohican. Nur ist es ein dramatischer Song, was schon sein Titel andeutet. Auch hier werden ähnliche Arrangement-Tricks beim Einfärben von Kontrasten wie im Song Mona Lisa Smile eingesetzt, und wieder einmal zeigt sich der Wert von Pauls Gesang — dass er auch dann ausdrucksstark sein kann, wenn er die Strophen nur mit der natürlichen Farbe seiner Stimme nimmt (ohne hinzugefügte Rauigkeit). Genau diese beiden »weicheren« Songs des Albums sind auch wegen Pauls emotionaler Tiefe auf ihre eigene Weise Höhepunkte des Albums.
Man darf auch den Song Shout (I Wanna Hear) und dicht dahinter I’d Give It All nicht übergehen. Sinclair hat nämlich in beide Synthesizer-Spieltricks eingewoben, in die er die Klangcharakteristiken der Achtziger gepackt hat! So beschwören besonders die Refrains Gefühle der klanglichen Arrangement-Charakteristiken der Uriah Heep-Alben »Abominog« und/oder »Head First« herauf. Dieses Gefühl vertiefen in Kombination mit den Synthesizer-Vorhängen auch die vollendeten Harmonien der Vokalmelodien in den Refrains. Bombastisch!
Do It Til‘ We Drop ist ein weiterer Ausflug in die Produktionsakten der Achtziger. Im Hall eine betont vertiefte, kanonenartig dröhnende Snare-Drum und darüber ein roher Gitarren-Riff. Der Song ist ein echter Strolch! Rocker Lily ruft Gefühle früherer Def Leppard-Kompositionen hervor. Das bluesgefärbte What You See reizt wegen der Assoziationen mit Tesla! Zunächst im »unplugged«-Modus, später dann elektrisch. Neben dem spöttischen Riff ist einer der »Schuldigen« für diese Assoziation auch Paul mit seinem äußerst durchdringenden Gesang in der Strophe. Das akustische Don’t Forget Me ist ein Zug zu viel — gut, dass es am Ende des Albums steht. Es gehört allenfalls auf ein Album, das komplett in einem »abgehalfterten« Varieté gespielt würde.
Das Album trägt einen Makel in der Klangproduktion. Auf den meisten Songs klingt die Snare-Drum zu dünn, mit Ausnahme der bereits erwähnten drei Songs, auf denen sie absichtlich aufgedreht ist. In Zukunft wird man die tiefen Töne klarer hervorheben und das Klangbild auch in diesem Bereich füllen müssen. Das andere Problem ist Pauls Gesang, der in den höchsten Lagen nicht so überzeugend ist. Das offenbart sich schon schnell im Titelsong. Die höchsten Register schafft er schwerer, und in Zukunft wird er der Anpassung der Linien mehr Aufmerksamkeit widmen müssen, damit sie überzeugend über das gesamte Produkt klingen. Aber wie gesagt: Pauls Stärke liegt im Einsatz der natürlichen Stimmfarbe, die er auch in den rockig aufgeladenen Songs zukünftiger Alben gewinnbringend einsetzen kann.
Die Band spielt insgesamt ausgezeichnet. Unter den Instrumentalisten sticht Luke Gunn auf jeden Fall heraus. Er lieferte einige wirklich prägende Gitarren-Riffs, ebenso wie einfallsreich gestaltete Gitarrensoli und Übergangsornamente. Es mangelt ihm nicht an Sprengstoff, und mit seinen Lösungen füllt er den verfügbaren Raum in den Songs ausgezeichnet. Nirgends „predozira“ er! Die Tonverteilung in den Soli ist also konzise und dient der Aufrechterhaltung von Dynamik, Melodie und Kompaktheit der Songs.
Das Album trägt ausgeprägtes Drama-Theater, einen Hauch britischen Zynismus und eine Prise schwarzen Humor. Es ist ein typischer Vertreter der britischen Hard-Rock-Schule! Als Debüt ist »Come Out To Play« ein sehr, sehr solider Erfolg. Einige Stücke ragen konzeptuell und arrangementtechnisch heraus und ziehen die Aufmerksamkeit tatsächlich bis zu dem Punkt auf sich, wo klar wird, dass wir es mit einer außerordentlich talentierten Band zu tun haben, die in Zukunft noch viel, viel mehr entschlossene rockig geschliffene Songs liefern kann, die von einem verfeinerten Sinn für musikalische Entwicklung geprägt sind. Estrella tragen zwar einige klangliche Verwandtschaften mit Bands der Achtziger, klingen aber in der neuen Zeit eigenständig genug, um sie als Band zu bezeichnen, die engagiert an einem eigenständig ausgearbeiteten musikalischen Charakter baut. »Come Out To Play« zeigt also außergewöhnliche Entwicklungspotenziale, gleichzeitig aber auch noch etwas Reserve. Vor allem wird man beim nächsten Album mehr Aufmerksamkeit auf die »Verdichtung« des Klangbildes widmen müssen, und auf dem Album befinden sich auch mindestens drei Songs, die die Band im Ärmel hätte behalten können, damit sie mit der Zeit noch exemplarischer reifen.
Besetzung
Paul Gunn – Gesang, Hintergrundgesang
Luke Gunn – Gitarre, Hintergrundgesang
Nathan T. Gunn – Bass, Hintergrundgesang
Leo J. McPherson – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
John T. Sinclair – Keyboards
Produktion
John T. Sinclair
Tracklist
1. Chance of a Lifetime
2. Come Out to Play
3. Party
4. Mona Lisa Smile
5. Shout (I Wanna Hear You)
6. Do It Til‘ We Drop
7. One Love
8. Rocker Lily
9. She’s Got It
10. Last Mohican
11. Whatever It Is
12. What You See
13. I’d Give It All
14. Don’t Forget Me