Cirkus
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Sara
Label: Celinka
Veröffentlichung: 2017
Laufzeit: 44:18
Bewertung: 4.5/5
Enos Kugler zählt zu den profilierten und erfahrenen Musikern, mit einer schon wunderbaren Kilometerleistung an musikalischen Betätigungen in Slowenien. In der Vergangenheit hat er nämlich mit einer ganzen Reihe etablierter Namen der heimischen Musikszene zusammengearbeitet, oder tut es ständig – sei es der »große« Vlado Kreslin oder der »etwas kleinere« Smaal Tokk und noch viele andere dazwischen. Enos hat bei diesen Zusammenarbeiten bewiesen, dass er sich mit außerordentlicher Geschicklichkeit in den verschiedensten Musikgenres zurechtfindet, und gleichzeitig auch im Schmelztiegel der künstlerischen Verschmelzung dieser Genres. Diesmal hat der geschätzte Musiker, Multi-Instrumentalist und vor allem Schlagzeuger und Perkussionist seine eigene Band zusammengestellt, der er den Namen Sara gab. In diese holte er noch Sängerin und Keyboarderin Ana Šimenc, Gitarrist Peter Jan sowie Bassist Dejan Jerončič.
Kugler hat sich einer neuen musikalischen Geschichte zugewandt. Das heißt: einem neuen Musikprojekt. Diesmal ist es sein „Kind“, denn Enos schlüpft in die Rolle des grundlegenden ideellen Visionärs und kreativen Antriebsmotors, der für das Material des Debüts der Band mit dem Titel »Cirkus« vollständig und ganz allein die Musik und die Texte beigesteuert hat. Angesichts der Ausführungen zur Vielseitigkeit von Enos Kugler im obigen Abschnitt war daher schon im Voraus zu erwarten, dass Sara ein interessantes musikalisches Faltblatt sein würde, auch im Sinne der genreübergreifenden Verschmelzung beziehungsweise Kollision.
Tatsächlich überrascht das Album schon von Anfang an, denn nach dem Opener Grem geht es weiter, das heißt bis fast zur dritten Minute des zweiten Songs Kapsula sanj, in völlig akustischer Manier. Man fängt schon langsam an, mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln und zu grübeln: „Ahhhh, gähn, nicht schon wieder….“ Doch dann schlagen plötzlich Klavier und ein fett »gewachster« Riff der E-Gitarre ein, die dann in dieser Art gemeinsamer Phrasierungsdialoge bis zum Abschluss des Albums regelmäßig beim grundlegenden Ausschmücken der Arrangements auftauchen. Sara besitzen eine außerordentliche Portion Musikalität, die sie in den Lösungen der Suche nach musikalischem Wert äußerst feinsinnig entwickeln – das heißt auf ungewöhnliche Weise, was bedeutet, dass sie den Hörer gerne angenehm überraschen. Das Album ist außerordentlich rhythmisch. Die Rhythmen sind einfach, aber kernig und mehrfach knackig kontrastiert, vor allem wenn die Gitarre sich ins akustische Phrasieren »wegduckt«. Die Rhythmik lädt mehrfach zum Tanzen ein, und die Kompositionsgesten sind nach dem Axiom weniger ist mehr zugeschnitten. Ein Album mit leichten, kurzen und prägnanten Gesten, das dabei gleichzeitig einen hohen musikalischen Ertrag an Sanglichkeit erzielt. Vier Instrumente und Gesang in außerordentlich kontemplativem Austausch, der eine wünschenswert warme, lebendige und dynamische Entfaltung organischer Klanglichkeit entwickelt – nach dem Vorbild eines im Studio gespielten Konzerts. Die Kontraste der Bausteine der Klanglandschaft sind schön verteilt und betont; der Gesang, der die Fokusposition trägt, entfaltet Expressionen einer emotional leidenschaftlichen Ausdruckskraft.
»Cirkus« ist eigentlich ein Art-Rock-Album. Es besitzt eine besondere Mischung der Genreverschmelzung, bei der sich (trendiger) Indie-Rock die Hand reicht mit einer subtilen Pop-Kulisse hoher Sanglichkeit, geerbt von The Beatles, leichten Prisen kaum wahrnehmbarer Blues-Rhetorik und sogar alternativer Rockhaltung (Črno belo). Die Prise Kabarettchanson ist diesmal ausgezeichnet »gedämpft« beziehungsweise verborgen, und auf diesem Album lässt sich auch ein Flirt mit Weltmusik aufspüren. Daher lässt sich diese ausgeprägte, aber gleichzeitig ungewöhnliche Bildlichkeit am einfachsten mit dem Label Art Pop Rock zusammenfassen. Die Gitarre entwickelt gelegentlich in der Verzerrung eine unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Retro-Sound der ersten Hälfte der Siebziger und vermittelt dieses ursprüngliche Gefühl aus der Zeit, als Rock’n’Roll noch ganz jung war.
Das ist ein Album, das durchgehend auch einen außerordentlich starken Moment der Mystik und Sehnsucht entwickelt. Vor allem dank des hervorragenden Gesangs von Ana, der den Hörer mehrfach auf liebkosende Weise im Geist des Geheimnisvollen anspricht. Der sanfte, zarte, weiche Gesang wird kontrastiv verstärkt durch die straffe Rhythmik auf der einen Seite, und auf der anderen durch das Gegengewicht des betonten Dialogs des gemeinsamen Phrasierens von E-Gitarre und Klavier.
Der Pop-Moment ist besonders erfolgreich eingefangen im Song Cirkus, der geradezu nach Rotation auf den Radiofrequenzen ruft; großes Potenzial trägt auch der Song Obrazi, der sich durch Strophe und Anfangsmotiv in außerordentlich verführerischer mystischer Manier entwickelt, um das dann später überraschend zu durchbrechen und in einen ganz anderen Stimmungszustand zu entführen – einen ruhigen und geheimnisvollen Refrain. Der zweite Kandidat, der unbedingt den Weg zu den Radiofrequenzen finden muss, ist das hervorragende Kruha in iger, und als dritter auch das obligatorische Črno belo, einmal mehr mit einem ausgezeichneten atmosphärischen Crescendo in einem ansteckenden Refrain (dieser Song wird von einer gehörigen Portion verzerrter Dezibel getragen).
Ein außerordentlicher Vorteil der Band liegt auch in der hochgradig geschmeidigen, feinsinnigen und intelligenten Poesie, die auf verfeinerte Weise auch einen Batzen gesellschaftlicher Kritik serviert. Diese Botschaften in den Versen erweckt Ana auf ausgezeichnete Weise zum Leben, denn die Sängerin ist in der Interpretation durchgehend vollständig eingetaucht, wenn sie sich der Poesie nähert. Aber Sara sind Meister des plötzlichen Stimmungsumschwungs innerhalb der Songs. Der Song, der in dieser Manier für den Hörer eine regelrechte kleine Schocktherapie bringt, ist auf dem Album Čisto tiho. Zu Beginn entwickelt er sich sanft, zart und melancholisch, was dann in der Strophe plötzlich von einem schaurigen und dunkel wiegenden Refrain durchbrochen wird. »Eine kleine Nachtmusik«, die man konzeptuell auch durch den Einfluss der einen oder anderen Erzählung von Edgar Allan Poe einordnen kann.
Kurzum. Das Album »Cirkus« gehört zu den interessantesten Produkten, die in diesem Jahr auf der slowenischen Musikszene erschienen sind. Es vereint das, was nur wenige Pop-Alben in Slowenien mitbringen. Außerordentliche Musikalität, die sich durch leicht, entspannt und prägnant dosierte Kompositionsgesten entfaltet. Diese Gesten vertragen kein Verkomplizieren. Dabei sind die Melodielösungen, aber auch die gelegentlich plötzlichen Stimmungsumschwünge (zwischen Strophe und Refrain), musikalisch ungewöhnlich. Sogar mehr noch: Die Texte besitzen gelegentlich auch eine bewusste Bizarrheit. All das fügt dem Bild des Albums Hand in Hand eine unmissverständliche Art-Rock-Charisma hinzu, der Band Sara aber ein edles Merkmal der Einzigartigkeit und markanter musikalischer Besonderheit. »Cirkus« ist in dieser Hinsicht eine der schönsten und interessantesten Leistungen auf dem Feld der Musik, die nach der Gunst des breiten Radios greift, dabei aber niemals die fest betonte Autorenparadigma des eigenwüchsigen Artismus verleugnet.
Sara – Cirkus (offizielles Video):
Besetzung
Ana Šimenc – Gesang, Keyboards, Hintergrundgesang
Peter Jan – Gitarre, Hintergrundgesang
Dejan Jerončič – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Enos Kugler – Schlagzeug
Produktion
Enos Kugler
Trackliste
1. Grem
2. Kapsula sanj
3. Cirkus
4. Na drugi strani
5. Obrazi
6. Čisto tiho
7. 34
8. Kruha in iger
9. sem že nazaj
10. Brezkončna
11. Črno belo
12. Koliko