Chicago-Marathon in Padua (2014)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Padua / Gran Teatro Geox / Italien
Datum des Konzerts: 28.06.2014
Besucherzahl: 1500
Kartenpreis: 62€

Amerikaner hegten im Gegensatz zu uns Europäern stets ein etwas anderes Verhältnis zur (Rock-)Musik, weshalb der Erfolg vieler Rockgrößen an ihre kontinentale Herkunft geknüpft war. Eine ganze Reihe von Bands europäischer Herkunft hat in Nordamerika nie wirklich Fuß gefasst – natürlich spielte sich ein eigenartiges Phänomen auch in die andere Richtung ab: In Amerika gab es etwa eine enorm starke Bewegung des radioorientierten Rocks, die in Europa niemals die überseeische Kraft entfalten konnte. Bands wie Boston, Journey, Reo Speedwagon oder Chicago pflegen ihre Karriere trotz gigantischem Erfolg auch heute noch fast ausschließlich in der Heimat. Selten sind die Gelegenheiten, wenn einer dieser Musikgrößen der Weg auf europäische Konzertbühnen verschlägt – und wenn es passiert, darf man die Gelegenheit keinesfalls sausen lassen!

Chicago sind natürlich noch weit mehr als eine AOR-Band. Ihre Geschichte begannen sie als Jazz-/Fusion-Kollektiv bereits 1967 und feierten durch die Siebziger enorme Erfolge. Der Druck der Plattenfirma in der Hoffnung auf noch größeren kommerziellen Erfolg lenkte sie teilweise auf die Pfade der Popmusik, und das eigenwillige Überschreiten zahlreicher Genregrenzen belohnte sie mit einer Reihe von Mehrfach-Platin-Alben, die bis heute die unglaubliche Zahl von hundert Millionen verkaufter Exemplare erreicht haben. Im Laufe der Jahre fegte der Wind personeller Wechsel durch die Band – dennoch touren und veröffentlichen sie auch heute noch regelmäßig neue Alben. Das jüngste, »Chicago XXXVI: Now«, erschien mitten in der aktuellen Europatournee, die uns am nächsten Ende Juni im italienischen Padua Station machte.

Chicago reisten in der Besetzung mit zwei Originalmitgliedern nach Europa: Robert Lamm an Gesang und Keyboards sowie Lee Loughnane an der Trompete, während die übrigen zwei Mitglieder des klassischen Bläsersatzes zu Hause geblieben waren und Chicago Ersatz für sie finden mussten. Auf der Bühne formierte sich ein neunköpfiges Kollektiv, das für ein instrumental rundum sattes Klangbild sorgte.

Anders als beim Yes-Konzert in der Halle Gran Teatro Geox am selben Ort eineinhalb Monate zuvor (Bericht hier) war die Halle nicht bis auf den letzten Platz gefüllt. Der hintere Teil der Sitzreihen war mit einem Vorhang verdeckt, sodass das Gefühl eines vollen Auditoriums als Grundvoraussetzung für ein intensives Konzerterlebnis dennoch nicht ausblieb. Chicago eröffneten den Auftritt mit Introduction sowie Questions 67 & 68 vom kultigen Debüt »Chicago Transit Authority« (1969). Die Befürchtung, dass die Pop-Rock-Phase der Achtziger das klassische frühe Material der Band dominieren würde, war damit bereits im Keim erstickt!

Der Auftritt begeisterte durch seine Dynamik. Chicago vergessen trotz ihres Alters und der Verhaftetheit im klassischen Musikstil nicht auf Showmanship, das so typisch für das amerikanische Verständnis vom Musikbusiness ist. Vor allem Robert Lamm, der den ersten großen gespielten Hit If You Leave Me Now sang, animierte das Publikum durchgehend zum Klatschen – auch der Bühnenanteil der Bläsersektion war beträchtlich. Das Trio hatte aufeinander abgestimmte Bewegungen und unternahm nicht selten Ausflüge bis an den Bühnenrand, wo es rasch Kontakt zu einem immer ausgelassener werdenden Publikum überwiegend ergrauender Haarschöpfe fand. Die lebhafte Bühnendynamik wurde durch das wechselhafte Übergeben des Staffelstabs an die Hauptakteure auf der Bühne unterstrichen, denn der Scheinwerferstrahl suchte stets in Abstimmung mit dem jeweiligen Stück eine andere Kombination der zentralen Figuren des Moments. Auch die Gesangsaufgaben waren auf mehrere Schultern verteilt. Den akustischen Strauß beim Übergang in den Hauptteil des Konzerts teilten Chicago gleich auf drei Teile auf: Will You Still Love Me? sang Bassist Jason Scheff, Another Rainy Day in New York City Chefvokalist Robert Lamm, und Look Away übernahm an diesem Abend ebenfalls sehr gesangsaktiver Trompeter Loughnane.

Chicago suchten durchgehend die Balance zwischen Hitsongs und instrumentalen Ausflügen, bei denen in der Regel die Bläsersektion in den Frontalangriff ging. Die lange experimentelle Komposition Ballet For A Girl In Buchannon befriedigte alle Liebhaber farbenfroher Jazz-Passagen und zeigte, in welcher künstlerischen Form Chicago sich (einst) bewegten. Es folgte die Präsentation der Single America, einer der beiden gespielten Nummern vom aktuellen neuen Album. Den Refrain füllten sie mit einer ansprechenden Vokalharmonie, dennoch verdrehten wegen des allzu pathetischen patriotischen Textes so manche im Saal in diesen vier Minuten die Augen. Vaterlandsliebe ja, aber nicht um jeden Preis – wer mit eigenständig arbeitenden Hirnzellen ausgestattet ist, versteht schwer, zu wessen Ehren die Zeilen »America is free, America is you and me« geschrieben wurden. Nach erneuter Übernahme der Gesangspflichten durch Lamm, der vor allem bei den sensibleren Kompositionen der Achtziger in vollem Glanz erstrahlte – etwa bei Hard Habit to Break, wo die Keyboards einen sanften Klangteppich weben –, stürzten sich Chicago in ein neues Marathon-Jamming mit I’m A Man. In dieser experimentellen Version des The Spencer Davis Group-Covers war das Sahnehäubchen das abwechselnde Schlagzeugsolo beider Perkussionisten, Tris Imboden und vor allem Walfredo Reyes, dem langjährigen Weggefährten Santanas mit kubanischen Wurzeln – also durfte auch das Kokettieren mit dem lateinischen Melos nicht fehlen.

Dann kam das unerwartete Pogrom! Ein einziger Funke in Form einer Handvoll mutigster Besucher genügte, damit ein Teil des Auditoriums seine Hinterteile erhob und bis vor die Bühne schaukelte – sodass die Band im Schlussteil des Auftritts ihre Energie direkt aus dem Vorgraben schöpfen konnte. Nach der unvergesslichen Ballade Hard To Say I’m Sorry / Get Away wollte das Konzert einfach kein Ende nehmen: Die Amerikaner ließen die gespielten Stücke meisterhaft ineinanderfließen und beendeten das Beisammensein nach einem guten zweidreiviertel Stunden langen Auftritt mit der dramatischen, satte 45 Jahre alten Komposition 25 or 6 to 4.

Fans der Band aus nah und fern holten sich an diesem Abend vollen Gegenwert – und bekamen ihn auch! Chicago bleiben auch nach einer bereits fast ein halbes Jahrhundert andauernden Karriere glaubwürdige Hüter ihres reichen Erbes, und bei dem bezaubernden Bühnenspektakel in Marathonlänge lässt sich sagen: Unsere westlichen Nachbarn erlebten wieder einen unvergesslichen Konzertabend, an den wir noch in Jahren zurückdenken werden.

Setliste

1. Introduction
2. Questions 67 & 68
3. Dialogue (Part I & II)
4. Now
5. If You Leave Me Now
6. Alive Again
7. Call on Me
8. (I’ve Been) Searchin‘ So Long
9. Will You Still Love Me?
10. Another Rainy Day in New York City
11. Look Away
12. Ballet For A Girl In Buchannon
13. America
14. Old Days
15. Does Anybody Really Know What Time It Is?
16. Hard Habit to Break
17. You’re the Inspiration
18. Beginnings
19. I’m a Man (The Spencer Davis Group cover)
20. Street Player
21. Just You ’n‘ Me
22. Saturday in the Park
23. Hard to Say I’m Sorry / Get Away
24. Feelin‘ Stronger Every Day
——-
25. Free
26. 25 or 6 to 4

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