Celebration (Forty Years Of Rock)
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Uriah Heep
Label: Edel Records
Erschienen: 2009
Laufzeit: 62:00
Wertung: 5/5
Uriah Heep! Während den Mitgliedern der Besetzung MK II. von Deep Purple die Talente quasi in die Wiege gelegt wurden, haben Uriah Heep diesen Rückstand in jener längst vergangenen Ära der Rockgeschichte als außergewöhnliche Malocher wettgemacht – und schwitzten Blut für ihren Ruhm und ihren Status als eine der größten Bands der Rockgeschichte. Und heute? Vergleich einfach die letzten beiden Studioalben von Deep Purple und Uriah Heep miteinander. Bei Deep Purple ist von den charakteristischen Eigenschaften der goldenen Siebziger nicht mehr viel übrig, während ihre Zeitgenossen Uriah Heep nur so vor Lebensfreude strotzen!
Dieses legendäre Orchester der Orchideen, das in diesem Jahr sein 40-jähriges kreatives Schaffen feiert, hat beschlossen, dass dieses Jubiläum auf keinen Fall unbemerkt bleiben darf. Die Band, die nach langen 10 Jahren des Wartens im vergangenen Jahr das neue Studioalbum „Wake The Sleeper“ (2008) veröffentlicht hat – Rockline-Rezension HIER –, zeigt noch lange keine Anzeichen von Alterung, Erschöpfung oder Einfallslosigkeit. Das Album bestätigte, dass Uriah Heep zu jener Handvoll seltener überlebender Dinosaurier gehören, die in den Siebzigern die Magie der Rockmusik schmiedeten, einen enormen Einfluss auf kommende Rock- und Metal-Bands ausübten und für die gilt: ewig jung. „Wake The Sleeper“ überraschte alle mit seiner Frische, seinem einzigartigen und unverwechselbaren Stempel sowie dem „neu entdeckten“ – retro-orientierten Sound.
Bleiben wir gleich beim Retro-Sound. Uriah Heep haben befunden, dass sie das Jubiläum mit einem besonderen Album krönen müssen. Sie entschieden sich, einige ihrer größten Klassiker in der aktuellen Besetzung neu einzuspielen. Auf die Trackliste von „Celebration“ setzten sie außerdem zwei brandneue Songs – Only Human und Corridors Of Madness –, damit niemand sagen kann, Uriah Heep würden sich auch mit „Celebration“ nur ans unerschütterliche Vermarkten alter Glorie klammern.
Bekanntlich haben Uriah Heep schon 2001 einen ähnlichen Trick versucht, als sie das Doppelalbum „Remasters“ herausbrachten. Dort klingt es deutlich anders – der Ansatz bei der Klanggestaltung im Studio, das Spiel selbst, also die Interpretation des Materials. Acht neue Jahre sind vergangen. Das Repertoire auf „Celebration“ – mit Ausnahme der beiden neuen Tracks, der Lawton-Era-Klassiker Free Me und Free ‚N‘ Easy sowie, interessanterweise, des „Demons And Wizards“ (1972)-Klassikers Wizard – ist im Grunde dasselbe, aber das Album trägt einen unverkennbar anderen Sound, und Uriah Heep spielen die Songs heute auch anders. Spürbar anders. Dazu sind einige Arrangements gewachsen, an denen die Besetzung bei der Interpretation derselben Songs vor acht Jahren noch festhielt. Also: Altes in neuer Verpackung – und trotz der (millionenfachen) Neuauflage wieder interessant genug, um die Aufmerksamkeit aller echten Fans der Band zu wecken.
Auf diesem Album spürt man vor allem, dass Uriah Heep im Jahr 2009 eine Band sind, deren Mitglieder fest miteinander verwoben sind. Das Quintett kennt sich charakterlich bis ins kleinste Detail, zwischen den Mitgliedern gibt es keine Geheimnisse – und diese außergewöhnliche Eingespielheit, die „Celebration“ ausstrahlt, liegt auch darin begründet, dass Uriah Heep eine Band sind, die ständig reist, konzertiert, unterwegs ist. Weltweit. Das ist ihr Lebensstil. Seit 40 Jahren am Stück. Wie es nur die Größten und Hingegebensten im Rockgeschäft können, können die größten Bands ein Album auch so aufnehmen: Das Quintett versammelt sich nicht auf der Konzertbühne, sondern im Studio und spielt dort ein Konzert. Als Einheit. Stecker rein – und spielt im Aufnahmeraum einen kompletten Gig durch. Das ist das Album „Celebration“. Das Klangmosaik ist außergewöhnlich – das akustische Geflecht, die Dreidimensionalität des Sounds, die Klangtiefe, wenn man so will. Dieser Sound platzt geradezu vor Dynamik und der Lebendigkeit, die die Jungs bei der Produktion eingefangen haben. Und ja. Das können sich nur die größten, die eingespielsten, die versiertesten Bands leisten.
Der Sound hat das gewisse „Schmalz“ der Siebziger eingefangen, in das sich David Byron mühelos einfügen würde. Bernie Shaw ersetzt ihn einmal mehr fantastisch – die größte Veränderung gegenüber dem Original, wenn Bernie am Mikro steht, zeigt sich bei den beiden Lawton-Era-Klassikern Free Me und Free ‚N‘ Easy. Uriah Heep sind auch auf „Celebration“ ungemein stark und überzeugend in der Ausführung mehrstimmiger Vokalharmonien, des mehrstimmigen Chorgesangs, wo die Backing Vocals Bernie so unterstützen, als hätte Ken Hensley die Band nie verlassen. Und das gilt auch für Phil Lanzons Keyboardspiel. Die neu eingespielten Songs sind zusätzlich gewachsen durch das deutlich technisch versiertere und spielerisch ausgereiftere Schlagzeugspiel, das Russell Gilbrook in Uriah Heep eingebracht hat. Bird Of Prey, das erste der neu eingespielten Klassiker auf der Liste, macht das sofort deutlich! Mick Box‘ Spielweise, die stark auf Wah-Wah-Effekte setzt, bleibt untadelig – vor allem aber trägt Trevor Bolders rollende, aktive, melodische und fette Basslinie enorm zum Retro-Feeling und der saftigen Lebendigkeit des Klangbilds bei. Sie bringt jenen samtigen Kontrast außergewöhnlicher Wärme in das dreidimensionale Klangbild, der die Klassiker des Albums „Celebration“ antreibt und sie förmlich vor Leben strotzen lässt.
Beide neuen Songs – Only Human und Corridors Of Madness – sind eine Fortsetzung von „Wake the Sleeper“. Sowohl in der Produktions- als auch in der Kompositionsmanier. Only Human ist der leichter und heller charakterisierte Song, ans Album-Intro gesetzt. Die Kombination aus einem harten Klangteppich, aufgebaut auf dem gleichwertigen Dialog zwischen Mick Box‘ Riff und Phil Lanzons Hammond, ist der direkte Beweis, dass Uriah Heep 2009 ihren Old-School-Sound der Siebziger neu mit Bedeutung gefüllt haben. Heep halten sich nicht lange in der Grundstrophe auf, die sie durch einen einfachen, aber enorm melodisch wirksamen Refraingesang ersetzen. Kurz, prägnant und ansteckend. An fünfter Stelle folgt der zweite völlig neue Song – Corridors Of Madness. Der ist länger, mit dunklerer Atmosphäre. Ruhiger und in den Texten auch persönlicher. Absolut liefert auch dieser Song einen neuen Beweis, dass Uriah Heep dem Zahn der Zeit wirksam trotzen. Er klingt in jeder Hinsicht nach Heep. Er bewahrt die Retro-Botschaft, nutzt dabei aber effektiv eine neue Idee und bringt so einen neuen, hervorragenden und anders gearteten Song. Corridors Of Madness ist die Bestätigung, dass Uriah Heep jung, frisch und kreativ bleiben, dabei aber der Tradition jenes Kanons treu bleiben, der sie vor vier Jahrzehnten mit goldenen Buchstaben unter die größten Rockbands aller Zeiten eingeschrieben hat.
„Celebration“ ist alles, was sich ein Uriah Heep-Fan nur wünschen kann. Am Ende dieser Rezension werde ich mich nur wiederholen, aber dennoch möchte ich das Wichtigste noch einmal hervorheben. „Celebration“ ist ein Dokument als Hommage an legendäre Klassiker – in neuer Verkleidung aufgeführt, eingefangen in einem Moment der Inspiration der evolutionären Phase der Uriah Heep-Besetzung für das Jahr 2009, die für Uriah Heep noch keineswegs abgeschlossen ist. Die beiden neuen Songs belegen, dass die Band noch immer in der Lage ist, hervorragende neue Songs zu schmieden und zu komponieren. Die Magie, die einzig der Musik von Uriah Heep eigen ist, bleibt auch auf dem Album „Celebration“ unbefleckt.
Also lass mich noch kurz bei den (heutigen) Journey einhaken. Hallo? Was haben Journey damit zu tun? Erinnert ihr euch an ihre Veröffentlichung „Revelation“, die zur gleichen Zeit wie „Wake The Sleeper“ herauskam? Sie enthielt eine Bonus-CD mit neu eingespielten Journey-Klassikern. Das neue Journey-Album ist voll von Superlativen, genau wie „Wake The Sleeper“ voll von Superlativen ist. „Celebration“ hingegen ist im Grunde Bonusmaterial, das problemlos auf „Wake The Sleeper“ gepasst hätte. Die Band hat klug damit gewartet, das Material noch ein Jahr reifen zu lassen und ihr 40-jähriges Bestehen damit zu krönen. „Celebration“ ist außerdem eine herzliche Empfehlung an alle, die Uriah Heep noch nicht kennen: Holt euch diese CD ohne zu zögern – damit betretet ihr eine einzigartige Welt der Rockmusik. Tut euch diesen kleinen Gefallen.
Besetzung
Bernie Shaw – Gesang
Mick Box – Gitarre
Phil Lanzon – Keyboards
Trevor Bolder – Bassgitarre
Russell Gilbrook – Schlagzeug
Produktion
Mike Paxman
Trackliste
1. Only Human (3:19)
2. Bird Of Prey (3:57)
3. Sunrise (4:20)
4. Stealin‘ (4:38)
5. Corridors of Madness (5:19)
6. Between Two Worlds (6:07)
7. The Wizard (3:12)
8. Free Me (3:25)
9. Free ‚N‘ Easy (2:32)
10. Gypsy (4:32)
11. Look At Yourself (3:43)
12. July Morning (8:45)
13. Easy Livin‘ (2:54)
14. Lady In Black (5:30)