Catharsis
Künstler: Elis
Label: Napalm Records
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 48:56
Bewertung: 3/5
Elis sind eigentlich das Beste, was das kleine Fürstentum Liechtenstein im Metal überhaupt zu bieten hat! Zumindest im Moment, um das klarzustellen. Die Band, die in den letzten drei Jahren eine Krisenphase durchgemacht hat, in der die weitere Existenz der Gruppe fraglich war, hat dank des starken Willens von Pete Streit, einem der beiden Gründer, beschlossen, im Musikgeschäft weiterzumachen. Die andere tragende Figur der Gruppe seit ihren Anfängen, Sängerin Sabine Dünser, ist nämlich im Juli 2006 während der Aufnahmen zu „Griefshire“ tragisch verstorben. Sabine besaß nicht nur eine hervorragende Stimme, sondern schrieb zum Beispiel für das Album „Griefshire“ das gesamte Konzept, weshalb ihre Präsenz bei Elis auch im kreativ-künstlerischen Sinne der Gruppe wichtig war und nicht nur für die Darbietung der Musik an die Massen.
Die Lücke in der Band füllte somit die österreichische Sängerin aus Innsbruck, Sandra Schleret, von Siegfried und Dreams Of Sanity – und dies ist ihr erstes Elis-Album. Das neue Album erreicht die gewünschten Standards in seinem Gothic-Metal-Rahmen, und ich kann ohne Umschweife behaupten, dass dies ein gutes und starkes Studioalbum ist. Für eine halbwegs fundierte Bewertung muss man jedoch die früheren Beiträge von Sabine Dünser unter die Lupe nehmen, die die drei vorherigen Studioalben von Elis geprägt haben. Sandra besitzt leider nicht jenes makellose, jungfräulich-engelhafte i-Tüpfelchen in der Stimmfarbe, das den unverkennbaren Gesang von Sabine Dünser ausgemacht hat. Ebenso setzt die Gruppe keine Terzen-Vokalharmonien in den Refrains mehr ein (das ist auf ein Minimum reduziert), die Elis eine besondere, unverwechselbare Energie verliehen haben. Immer stärker macht sich der Einsatz von männlichem „Growl-Gegrummel“ bemerkbar, womit sich heutzutage eigentlich so gut wie alle Gothic-Metal-Bands bedienen (Morning Star).
Die Band Elis gehörte von Anfang an zu den Gothic-Metal-Bands, die auf die Karte metallischer Wucht gesetzt haben, auf Kosten des Verzichts auf orchestral-symphonische Arrangements. Stattdessen verwenden sie auch auf dem neuen Album im Hintergrund einen Vorhang aus Synthesizern mit vorhersehbarem Sound, wie eine Horde ähnlicher Bands. Die Power-Metal-Note bei Elis ist also etwas, das in ihrem Ausdruck stärker heraussticht. Vor allem durch das gleichwertige Riff-und-Solo-Zusammenspiel der zwei Gitarristen. Auch diesmal ist es so. Gerade das geringere Maß an Charisma des neuen weiblichen Gesangs schafft es nicht, die nach Schablone gestalteten Power-Metal-Riffs zu verdecken, die sich gelegentlich beim Verzieren Helloween-gefärbter Terzenharmonien bedienen (schnelles „Picking“ – Gitarrenanzupfen über Riffs). Es fehlt also etwas mehr, das die Dynamik und Abwechslung der Platte anheben würde, was zu einem höheren Grad an Interesse innerhalb der vorhersehbaren Genre-Grenzen beitragen würde. Elis hat also weder betonte noch unverkennbar herausstechende orchestrale Arrangements wie etwa bei Leave’s Eyes, noch schaffen sie es, die hohe melodische Eingängigkeit von Bands wie Delain zu erreichen, die wahre Meister im Kreieren optimal ausgeschöpfter melodischer Refrainmelodien sind.
Das neue Album bedeutet also unterm Strich keinen neuen Schritt nach vorne für Elis. „Griefshire“ (2006) bleibt das bessere Album. „Catharsis“ hat auch gezeigt, was Sabine Dünser für diese Gruppe eigentlich bedeutet hat. „Catharsis“ schafft es nicht, sich von der klischeehaften Vorhersehbarkeit des bereits Gehörten zu lösen; Elis bieten leider keine Prise eigener Wiedererkennbarkeit mehr, keinen Hauch von etwas Eigenem, selbst wenn es dabei nur um einen routinierten Produktionstrick des Albums ginge. Die Gitarren sind zwar in der Produktion gewaltig aufgedreht, die Soli typisch für Power Metal, mit mehrteiligen gekreuzten Dialogen, die Songs mit Höhepunkten in den Refrainmelodien, melodisch schön abgeschlossen, verlieren den roten Faden nicht, das rhythmische Fundament oft ganz präzise „abgetaktet“ mit dem Doppelbasspedal. Es mangelt dem Album also nicht an Metal-Schmackes. Nur ist er zu vorhersehbar und im Charakter etwas verwässert. Auf der anderen Seite ist „Catharsis“ ein äußerst wichtiges Album für Elis, denn damit hat die Band bewiesen, dass sie weiterhin funktionieren kann, dass sie existieren kann und dass sie damit den Sinn ihrer Tätigkeit gefunden hat. Ich glaube, dass das Album „Catharsis“ eigentlich ein Abtasten der Reichweite des neuen Elis ist, des neuen Zustands, der neu etablierten Chemie. Das nächste Album wird dasjenige sein, das die wahre Antwort gibt, ob es der Band gelingt, sich vom unbehaglichen Verharren im Schatten der Vorhersehbarkeit des Gothic-Power-Metal-Rahmens zu entfernen und die aktuelle Krise der eigenen Identität zu überwinden. Ein solides Album also, mit dem es der Band gelungen ist, den Krisenmoment der Karriere zu überstehen, wobei Elis dabei ein Fünkchen Charisma geopfert haben. Ein halbes Pünktchen extra für den Mut des Trotzens in einem Krisenmoment der Karriere ergibt in der Gesamtbewertung dieses Albums drei Punkte!
Besetzung
Sandra Schleret – Gesang
Pete Streit – Gitarre
Chris Gruber – Gitarre
Tom Saxer – Bassgitarre, Gesang
Max Naescher – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Michelle Darkness – Gesang auf Track Nr. 3
Produktion
Alexander Krull
Trackliste
01. Core Of Life
02. Twinkling Shadow
03. Warrior’s Tale
04. Des Lebens Traum, des Traumes Leben
05. I Come Undone
06. Firefly
07. Morning Star
08. Das kleine Ungeheuer
09. Mother’s Fire
10. Rainbow
11. The Dark Bridge