Čas disket je pozabljen

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Low Peak Charlie
Label: Celinka
Veröffentlichung: 2017
Laufzeit: 45:16
Wertung: 4.5/5

Low Peak Charlie gehören zu den wenigen slowenischen Rockbands, die schon mit ihrem Studiodebüt aufgezeigt haben, dass es sich hier nicht nur um eine überaus starke Neuentdeckung auf der slowenischen Musikszene handelt, sondern um eine Gruppe, die von Anfang an einen wiedererkennbaren, ganz eigenen Musikstil pflegt – voller urwüchsiger Ideen und der definierten Charisma einer ganz eigenen kreativen Wesenheit.

Fünf Jahre sind vergangen, und die Band kehrt mit ihrem zweiten Studioalbum »Čas disket je pozabljen« zurück. Angeblich soll das Album größtenteils dank des dritten Preises entstanden sein, den Low Peak Charlie beim Demofestu in Banja Luka gewannen – und der ihnen finanziell genug Luft verschaffte. Am Ende hängt eben alles am Geld. Auch wenn der Enthusiasmus in Hülle und Fülle vorhanden ist, hilft der allein nicht weiter – dabei sollten die Kreativität und der rastlose Geist des abenteuerlichen Erforschens dieser Band zumindest durch ein offizielles Dekret des slowenischen Kulturministeriums geschützt sein. Stattdessen kämpfen sich Low Peak Charlie auf unserer Szene weiterhin ganz alleine durch.

Voller frischer Ideen, unglaublicher und endlos wirkungsvoller Beweglichkeit sowie dynamischer Kinetik ist »Čas disket je pozabljen« ein Album, das die künstlerische Weiterentwicklung dessen bringt, was das überaus mutige und kühn funkensprühende Studiodebüt »Kdo bo komu« (2012) im Kern vorgezeichnet hat. »Čas pozabljenih disket« darf sich schamlos noch mehr Feinschliff bei der Gestaltung der Arrangements und der Kompaktheit der Kompositionen rühmen – und bewahrt dabei erneut erfolgreich das Gefühl spontaner Ereignisabläufe sowie Momente unverhoffter musikalischer »Entgleisung«. Das neue Album macht nämlich keinen Hehl daraus, dass die Jungs in fünf Jahren (auch technisch gesehen) zu noch besseren und noch reiferen Musikern, Komponisten herangereift sind. Das Ergebnis ist ein Album, das den Stil des musikalischen Visionarismus der Band vollblütig definiert – ohne Rückzugsmöglichkeit. Das ist das Gewand, in dem Low Peak Charlie sich am wohlsten fühlen.  

Produktionstechnisch folgen Low Peak Charlie dem Anspruch, energetische Authentizität auf Tonträger zu bannen. Deshalb ist dieses Album unglaublich lebendig. Kein Wunder – es wurde nämlich nach dem Vorbild eines Konzerts im Studio eingespielt. Und an voluminösem »groove«-Schmalz mangelt es ihm auch diesmal nicht. Die Band, der man im Kern das lockere Etikett des Alternative Rock umhängen kann, ist weiterhin dem effektiven Überbrücken bzw. Verschmelzen mehrerer Genres verpflichtet – die Bezeichnungen »crossover« und »fusion« passen daher nach wie vor bestens. Die »aufgespitzt aufgefunkten groove«-Rhythmen erzeugen eine ungemein kontrastreiche Tiefe in der Ausschöpfung des Klangbilds; darüber »toben« Gitarrenriffs, eingebettet in eine hyperexplosiv massive Klangwand metallisierter Aggressivität, die vielfach von einem klaren Nachhall des Gitarrenphrasing gestützt (und/oder ersetzt) wird.   

Die Texte behalten ihre gesellschaftskritische Schärfe bei, und das klingt stimmig mit der charakteristischen Gestaltung der Songs zusammen. Andrej Kresevič ist ein herausragender Vokalist. In die Songs schüttet er eine breite, vielschichtig eingefärbte Palette vokalischer Eskapaden, in denen er mit vernichtendem Stimmbandzorn aufmüpfig, beinahe hip-hopesk wüten kann – oder in den Leidenschaften ungemein weich und melancholisch versunken wird (Le Roj). Kurz gesagt: Der Mann findet sich mit unbändiger vokaler Durchschlagskraft und Ausdrucksstärke in jeder Situation zurecht und erweckt – wie schon auf dem Studiodebüt – erneut überaus geschickt die Botschaften brillant verpackter Verse zum Leben. In diesen fehlt es nicht an Enttäuschung über die moralische, emotionale und geistige Ausraubung der modernen Gesellschaft bzw. über das unaufhaltsame Bröckeln gesellschaftlicher Bindungen – was natürlich letztendlich die Kapitalsdoktrin anstrebt, an die uns schon längst die Brüsseler Arschkriecher und sonstigen bürokratischen Faulpelze verhökert haben.

Dabei folgt die Band konsequent der Musikalität in der Gestaltung ihrer eigenen Kompositionen. Auch »Čas disket je pozabljen« ist ein Album, das die Aufmerksamkeit von Liebhabern musikalischer Eigenwilligkeit und mutiger, d.h. kreativ durchdringender ideeller Inspiriertheit auf sich ziehen wird – sowie die von Fans unbändiger klanglicher Usurpation. Low Peak Charlie verstehen es auch, im Stil echter Klangterroristen zu agieren; beim Genre-Verschmelzen sind Einflüsse von Bands wie Rage Against the Machine, den frühen Red Hot Chilli Peppers sowie – völlig angebracht – Faith No More nicht zu übersehen. Die Band weiß auch rhythmisch üppig aufgerüstete Acts zu bedienen, die um den Übergang der Achtziger in die Neunziger auf der internationalen Szene aufgetaucht sind, wie Living Colour oder gar Primus. Aber wie gesagt: Über all dem bringt der Band den unschlagbaren Trumpf die Tatsache, dass »Čas pozabljenih disket« ein Album ist, das den urwüchsig aufgeblühten, eigengewachsenen kreativen Artismus vertieft – was der Band einen besonderen Platz auf der slowenischen Musikszene sichert und festigt! Ein Album des echten und unverfälschten Zorns des Rock’n’Roll-Aufbegehrens für 2017!  Ein Album, das bereits jetzt in die Kandidatur für eines der besten Rockalben des Jahres 2017 in Slowenien gehört – und ein Album, das so viel Bühneninterpretation wie möglich erleben muss. Ein Album, das in seiner Aufrichtigkeit verblüfft und aufwühlt – und zu guter Letzt ein Album, wie es in den neuen Zeiten auf der slowenischen Musikszene bitterlich fehlt.

Low Peak Charlie – Le Roj (offizieller Audiotrack):

Besetzung

Andrej Kresevič „Fučkar“ – Gesang
Luka Križman „Jimi“ – Gitarre
Lovro Velušček „Lušči“ – Bassgitarre
Blaž Kocina „Kocina“ – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Sandi Čekada „Pek“ – Slide-Gitarre auf Track Nr. 4
Tina Križman – Backing Vocals auf Track Nr. 3
Martina Kocina – Backing Vocals auf Track Nr. 3
Nika Vistoropski – Backing Vocals auf Track Nr. 3 

Produktion

Robi Bulešić & Low Peak Charlie

Trackliste

1. Serijski perverznež levo desnih sredin
2. Resetiram se
3. Compadre
4. Le Roj
5. Votli izgovori 
6. Zataknjen
7. Zataknjen outro
8. Rocknrolla
9. Specifični intro
10. Specifična gostota misli 

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