Capture the Moment
Künstler: Bormann, Michael
Label: AOR Heaven Records
Veröffentlichung: 2008
Bewertung: 3.5/5
Michael Borman, deutscher Multiinstrumentalist, erlebt einen echten Höhenflug, seit er seine Stammband Jaded Heart verlassen hat. Vor zwei Jahren erschien sein zweites Studioalbum „Conspiracy“ (2006), in der Zwischenzeit hat der Mann seine Vocals zu Veröffentlichungen von Bloodbound und Rain beigesteuert, außerdem ist er auf Alben von Redrum, Charade und Zeno zu hören. Kurz: ein Typ, der das Wort Pause nicht kennt.
Sein neues Studioalbum „Capture the Moment“ ist die logische Fortsetzung der musikalisch-künstlerischen Entwicklung dieses Musikers. Klar, Bormann erfindet mit dem neuen Album keine fünfte Dimension, was Innovation und Kreativität angeht. Hard Rock ist Hard Rock. Punkt. So oder so. Trotzdem lassen sich Vorhersehbarkeit und Schablonen-Schemata mit der passenden Studiokosmetik und einem Gespür für produktionsseitig betonte, unwiderstehlich verführerische Riffs prima ausgleichen, die beim Hörer Liebe auf den ersten Ton auslösen.
Michael Bormann ist einer dieser Glückspilze, denen das Talent zum „One-Man-Band“ in die Wiege gelegt wurde. Der Mann schreibt die Songs allein und spielt sie auch allein ein. Zumindest das grundlegende Skelett, das dann die übrigen Spezialisten (Tommy Denander usw…) als Gäste in Bormanns Studioteam mit ihren Beiträgen aufhübschen.
Über allem steht aber Bormann, der Sänger. Und zwar ein hervorragender, geboren für melodischen Hard Rock, mit einem rauen gemeinsamen Nenner aus Stimmen und Gesangsstilen von Steve Lee (Gotthard), Jon Bon Jovi (Bon Jovi), Joe Lynn Turner (ex Rainbow), David Coverdale (Whitesnake) und Bryan Adams. Dieser Gesang ist gefühlvoll, subtil, heiß und wirkt im Gesamteindruck vor allem samtig, mit einem Hauch Erotik – der Garant dafür, dass Kompositionen und Riffs zum Leben erwachen.
When Push Comes To Shove bestätigt Bormanns Liebe zu den Rock’n’Roll-Klassikern von Rainbow, vor allem zum berühmten Stargazer-Gitarrenmotiv. Ein Hauch der legendären Band und ein Hauch Whitesnake ziehen sich durchs ganze Album. Im „modernen“ Gewand des melodischen Hard Rock erwachen die Songs vor allem in den ausgefeilten Refrains zum Leben, die die Höhepunkte aller Nummern sind, mit geschickt eingesetzten Gesangsharmonien und einem Keyboard-Teppich, die Drama, Sehnsucht und Melancholie das ganze Album über auf hohem Niveau halten. Ein motivisch abwechslungsreiches und studiotechnisch überzeugend produziertes Album, das beweist, dass Bormann keinesfalls die kreative Inspiration, der Witz und der Scharfsinn ausgehen. Das Album hält das hohe Hard-Rock-Dynamik-Niveau über Friends For A Lifetime und Come Take Me Higher hinweg, dank der melodisch-arenatauglichen Verführungskraft der Refrains, in denen Bormann schnell seine außergewöhnliche Gesangskunst zeigt. Live Your Life erinnert beim Grundgitarrenmotiv verdächtig an Beat It (Michael Jackson), aber wieder rettet der Refrain die ganze Sache und sorgt dafür, dass sie nicht verwässert. Das Album schwankt auf seinen rockig-hüpfenden Stöckelschuhen in der Qualität keineswegs, Höhepunkte sind schwer herauszupicken, und jeder kann sie sich diesmal ganz allein aussuchen. Songs wie For Just A Little While, Half Way Down und Glory And Pain mit leichten Pop-Anflügen in den Pre-Chorus-Passagen und AOR-Explosionen in den Refrains sind ausgezeichnete Beispiele für Nummern, die im Radio locker in Dauerrotation laufen könnten (natürlich in den Achtzigern).
Der Mann hat natürlich ein ordentliches Bündel Balladen eingebaut, von denen qualitativ vor allem I Wanna Hear Your Voice heraussticht, während die Neufassung des Jaded-Heart-Songs Love Is Magic (Album „Trust“, 2004) mit ihrer Süße doch etwas zu gezwungen wirkt. Dazu kommt unter den Balladen noch Still Haven’t Found It, ein mehr oder weniger gescheiterter Versuch, den Whitesnake-Hit Is This Love neu zu erschaffen. Leider beschließt eine dieser Balladen (Go Going Home) das Album, und gerade im Schlussteil verliert die Platte ein Stück Rock-Dynamit und damit an Spannung.
„Capture The Moment“ ist ein typischer Vertreter des deutschen melodischen Hard Rock, der gern mit Elementen des AOR-Rock flirtet. Die Produktion ist bei den Gitarrenriffs einen Tick schärfer und betonter, also ziemlich lebendig, mit dem dominanten Gesang absolut im Zentrum und auf dem festen Griff der Rhythmusarbeit aufgebaut. „Capture The Moment“ ist ein knorriger Vertreter des Genres, der der Tradition sturköpfig folgt, doch Bormann trotzt als Meister all dem erfolgreich mit einem einzigartigen Gesangsansatz, überzeugendem Songaufbau und ebensolcher Produktion und liefert so in der Gesamtsumme ein neues bravouröses Album im Feld des melodischen Hard Rock. Für alle Fans von Fair Warning, Gotthard, Frontline, Jaded Heart (und natürlich mehr).
Besetzung
Michael Bormann – Gesang, Backing Vocals, Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboards
Andreas „Rippel“ Rippelmeier – Gitarre
Chris Ivo – Keyboards
Eric Ragno – Keyboards
Niklas Olssen – Keyboards
Marco Grasshoff – Keyboards
Sabine Edelsbacher (EDENBRIDGE)- Backing Vocals auf Track 9
Sonja Rippelmeier – Duettgesang auf Track 10
Tommy Denander – zusätzliche Gitarren, Keyboards und Bass
Lanvall(EDENBRIDGE) – zusätzliche Gitarrensoli
Bobby Stöcker – zusätzliche Gitarrensoli
Guido Gallus – zusätzliches Schlagzeug
Produktion
Michael Bormann
Tracklist
1. When Push Comes To Shove
2. Friends For A Lifetime
3. Come Take Me Higher
4. Live Your Life
5. I Wanna Hear Your Voice
6. Half Way Down
7. I Will Hold The Line
8. Love Is Magic
9. Glory And Pain
10. Don’t Bother Me
11. Doing Or Not
12. Still Haven’t Found It
13. For Just A Little While
14. Go Going Gone
Spielzeit: 61.38