Camel

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Camel
Label: MCA Records
Erscheinungsjahr: 1973
Bewertung: 5/5

Warum Camel, eine der originellsten und kreativsten Bands des symphonischen Prog Rock, zu Unrecht die am meisten übersehene Band dieses Genres bleibt, wird mir nie vollständig klar sein. Obwohl sie praktisch während ihrer gesamten Karriere phänomenale Musik gemacht haben, haben sie nie den kommerziellen Erfolg oder die Aufmerksamkeit von Yes, Genesis, Pink Floyd, Jethro Tull oder ELP genossen. Hat vielleicht die Tatsache dazu beigetragen, dass ihr erstes Album, schlicht »Camel« genannt, mit dem Cover eines weinenden Kamels auf einem Zug, relativ spät erschien, zu einer Zeit, als die Prog-Rock-Szene auf dem Höhepunkt ihrer Popularität war? Camel begannen zwar bereits 1971 aktiv zu werden, aber ihr erstes Album erschien zwei Jahre später, also zu einer Zeit, als es schon von allerhand Prog-Meisterwerken wie „Larks‘ Tongues In Aspic“ (King Crimson), „Tales From Topographic Oceans“ (Yes), „Selling England By The Pound“ (Genesis), „Brain Salad Surgery“ (ELP) usw. nur so wimmelte.

Im Gegensatz zu den meisten Bands dieses Genres war Camel in ihrer Frühphase eine stabile Besetzung. Sie vereinten Symphonik, gewisse Jazzelemente, Virtuosität und Melodiosität. Gleichzeitig pflegten sie einen bescheidenen Umgang mit sich selbst und mieden die mediale Aufmerksamkeit, die die meisten verwandten Bands begleitete. Und genau damit haben sie sich Kultstatus und die volle Loyalität treuer Fans erarbeitet, die ihnen bis heute folgen. Ich kann sagen, dass es sich um eine der wenigen alten und legendären Bands handelt, in deren Diskografie ich kein einziges schlechtes Album bzw. keinen einzigen »Moment der Schwäche« in der Karriere gehört habe. Zwar haben auch sie ihre besten Werke in den 70ern geschaffen, aber ihren Sound und ihre Integrität haben sie nie verkauft. Das haben sie sich nie erlaubt, nicht einmal auf Kosten eines möglichen größeren kommerziellen Erfolgs und einer größeren Bekanntheit.

Camel überraschten schon damals mit ihrer Frische, Originalität, ihrem eigenen Sound und musikalischen Elementen, trotz gelegentlicher Parallelen zwischen der Gitarren- (und auch Gesangs-)Technik des Gitarristen und Sängers Andrew Latimer und David Gilmour (Pink Floyd). Obwohl stets eher auf der Seite des symphonischen Prog als des Canterbury-Sounds, befanden sich Camel praktisch an der Grenze beider. Ihre drei Sänger von dieser Platte (also Latimer, Keyboarder Peter Bardens und Bassist Doug Ferguson) waren nie Sänger der »ersten Liga« oder charismatisch im Stil von Peter Gabriel (Genesis) oder Peter Hammill (Van Der Graaf Generator), passten aber dennoch hervorragend zum musikalischen Konzept. Alle drei hatten jedoch auch hochmelodische und unverwechselbare Vocals. Den Großteil der Vocals sang üblicherweise Gitarrist (später auch Flötist) Andy Latimer. Eine ihrer charakteristischen Eigenschaften ist überhaupt, dass es nie viele Vocals gab und sie lieber lange Instrumentalteile bevorzugten.

»Slow Yourself Down«, das die Platte eröffnet, klingt fast wie Jazz Fusion. Es erinnert sogar ein bisschen an den frühen, nicht-kommerziellen Santana. Es klingt nämlich ziemlich unbritisch, sogar leicht exotisch, tropisch. Und genau das ist jene Qualität, die Camel wesentlich von den anderen Bands des britischen symphonischen Prog Rock unterschied. Gleichzeitig hatten auch sie viel keltische Magie und die typische Melancholie verwandter Bands in sich. Bereits bei diesem Stück zeigen Camel, dass sie außergewöhnliche Musiker sind. Der damals gerade 18-jährige Schlagzeuger Andy Ward zeigt sein jazziges Geschick mit schnellen und packenden Übergängen am Schlagzeug, die einem den Atem verschlagen. Er vereint also sowohl brillante Technik als auch Power. Andy Latimer (bei diesem Stück auch am Mikro), dessen Soli und originelle Riffs reine Perfektion sind und das gesamte Album begleiten, folgt seinem Rhythmus, ergänzt durch Fergusons spritzigen Bass und Bardens‘ »Zaubereien« am Mellotron und der Orgel.

»Mystic Queen« ist eine epische Ballade. Gesungen wird sie von Bassist Doug Ferguson. Latimers Solo im mittleren Teil klingt diesmal wirklich sehr »Floyd-esk«, als hätten er und Gilmour in denselben Schulbänken gesessen. Das ist eigentlich eine Tatsache, die ich bereits am Anfang erwähnt habe: Latimer wurde wegen seiner ähnlichen Gitarrentechnik (und auch des Gesangs) gerne mit Gilmour verglichen, Camel mit Pink Floyd (den »entspannten« Pink Floyd). Was eindrucksvoll von der Qualität dieses brillanten und übersehenen Gitarristen zeugt. Ich bin der Meinung, dass Latimer überhaupt der am meisten übersehene Prog-Gitarrist ist. Der leider bereits verstorbene Peter Bardens ist ebenfalls ein Meister (sein Solo-Vermächtnis ist der Aufmerksamkeit wert), der dir mit seinen außergewöhnlichen orchestralen Harmonien den Atem verschlägt (in dieser Phase verwendete er gerne auch den VCS3-Synthesizer, der damals unter anderem auch Peter Sinfield (ex-King Crimson, ELP) und den bereits erwähnten Pink Floyd »gefiel«). »Mystic Queen« klingt wirklich sehr mystisch.

Es folgt das vorzügliche Instrumental „Six Ate“, in dem die bereits erwähnte technische Exzellenz, das außergewöhnliche Gespür der Band für Melodie und die Kombination beider besonders zur Geltung kommen. Camel waren in der Lage, unglaublich schnelle Soli und einfallsreiche Riffs aus den Fingern zu schütteln, dabei aber gleichzeitig auch ein exzellentes Instrumental mit Anfang und Ende zu kreieren. Latimer präsentiert hier einige der originellsten und witzigsten Riffs, die ich je gehört habe. Bardens‘ Orgelspiel und Mellotron sind reine Magie. Die Band klingt hier so eingespielt wie kaum eine andere Rockband, die ich je gehört habe, viel eher wie eine Jazz-Fusion-Band, was kein Wunder ist, da die Rhythmuslinie von Camel durch und durch jazzartig ist. Nur wenige Bands können sich bereits auf ihrem ersten Album eines so herausragenden Instrumentals rühmen.

»Separation« ist wieder ein Stück anderen Typs. Es klingt nämlich deutlich stärker Hard-Rock-orientiert und hat sogar Metal-Riffs. Latimers Vocals sind hier sehr solide und ausdrucksstark und erlauben sich sogar etwas Dramatik. Seine Gitarrenriffs sind hier überhaupt eine ganz besondere Geschichte. Und hier folgt meine, zugegeben leicht bissige, Anmerkung auf Kosten einer bekannten Band. Ich sage es mal so: Eine sehr bekannte und wichtige Metalband hat sich hier »ausgeliehen« oder zumindest die Idee für das Hauptmotiv, also sowohl das Riff als auch den Rhythmus, für ihr Stück „Phantom of the Opera“ geholt. Wenn ihr mir nicht glaubt, hört euch den zweiten Teil von „Separation“ an – ich war selbst schockiert, als ich diese ziemlich große Ähnlichkeit zum ersten Mal entdeckte. Nur dass Camel das Ganze noch eine Stufe schneller spielen und beenden. Heh, um es mal leicht scherzhaft zu sagen: Iron Maiden auf Jazz!

Es folgt ihre Hymne „Never Let Go“, die ein brillantes, mystisches Intro hat und von Keyboarder Peter Bardens gesungen wird. Sie erschien auch als ihre erste Single und hat alle Qualitäten eines brillanten progressiven Mini-Epos. Sie hat einen wunderschönen Refrain und ein brillantes Latimer-Riff. Der beste Teil kommt am Ende, wenn erneut ein mystisches Latimer-Riff folgt und darauf Bardens‘ dramatisches Mellotron. Und dann zum Schluss noch ein kurzes, monumentales Metal-Solo, für das sich weder Dave Murray (Iron Maiden) noch Brian May (Queen) schämen müsste. Phänomenal! Ein brillanter Abschluss. Zweifellos eines ihrer besten Stücke und ein Klassiker, der zum festen Bestandteil ihrer Konzerte geworden ist.

Die Dramatik legt sich wieder etwas mit „Curiosity“, das wieder etwas jazziger gefärbt ist. Ich mag den mystischen und verträumten Latimer-Refrain sehr, bevor sein und Bardens‘ Solo folgt. Ebenso ist Fergusons verträumter und mystischer Gesang eine durchaus passende Wahl für dieses Stück, das wirklich wie eine Sinfonie aus Träumen klingt.

»Arubaluba« ist ein großartiges Instrumental und wahrscheinlich der Höhepunkt der gesamten Platte. Bardens‘ VCS3-Synth-Begleitung (die übrigens Wellen- und Plätschergeräusche erzeugt) schafft einen köstlichen Klangteppich, dem sich das temporeich und punktgenau aufeinander eingespielte Stürmen der anderen Musiker anschließt.
Gott, ich komme aus dem Staunen über Wards Schlagzeugspiel nicht heraus. Die Becken fliegen fast weg. Intelligent und kraftvoll zugleich. Über Latimers Akrobatiken bei diesem Stück lässt sich nur sagen: Man muss sie mit eigenen Ohren hören – in Worte lassen sie sich nicht fassen. Ein Meister ist eben ein Meister. Fergusons melodisches Bassspiel darf ich dabei nicht vergessen. Kein Chris Squire (Yes), aber dennoch ein Bassist, den sich jede Prog-Rock-Band wünschen würde. Auch Bardens zeigt hier an der Orgel meiner Meinung nach seine besten Momente auf der Platte, die sich mit den größten Keyboardern jener Zeit messen können. Wirklich, bei »Arubaluba« kannst du dir problemlos Oasen mitten in der Wüste vorstellen, wo eine Kamelherde weidet, obwohl ich immer noch nicht weiß, was der Titel des Stücks bedeutet, und ich das gerne eines Tages herausfinden würde. 

Hinzufügen möchte ich noch, dass die Produktion bei diesem letzten Remaster aus dem Jahr 2002 wirklich ausgezeichnet und ein gewaltiger Sprung gegenüber der Originalaufnahme ist. Der Sprung in der Produktion ist also enorm und hat auch dazu beigetragen, dass ich diese Platte nun endlich im richtigen Licht gehört habe, nämlich als Meisterwerk, was sie zweifellos auch ist.

Dabei sollte man natürlich auch die Bonustracks erwähnen, die sich, im Gegensatz zu den meisten ähnlichen Neuauflagen, alle Aufmerksamkeit verdienen. Zunächst gibt es die Single-Version des ausgezeichneten „Never Let Go“, die natürlich eine andere Version ist, da sie für den Single-Release gekürzt wurde.
Die 19-minütige Instrumentalkomposition „Homage To The God of Light“, eigentlich Bardens‘ Solo-Kreation von seiner damaligen Solo-Platte (das heißt, sie erschien nie auf einer Camel-Platte), ist mit Sicherheit das Beste, was dieses tolle Remaster zu bieten hat. Diese Instrumental-EP, live gespielt am 29. Oktober 1974 im Londoner Marquee Club, ist ein wahres Schmankerl für alle Fans von Camel, symphonischem Prog, Canterbury und Jazz Fusion – und ein einzigartiges Unikat, das auch davon zeugt, wie die Band mühelos eine lange, abwechslungsreiche und spannende EP spielte, bei der dem Zuhörer die Aufmerksamkeit keinen einzigen Moment lang abschweift. Camel haben zwar nie eine EP ähnlicher Länge geschaffen, aber diese Bardens-Solo-Kreation war eine Ausnahme und zweifellos der Höhepunkt der damaligen Konzertauftritte der Band.

»Camel«, noch heute eine komplett übersehene Platte selbst von Progressive-Fans, ist also eines der besten Debüts im Prog Rock, ein Meisterwerk, zu Unrecht eine der am meisten übersehenen Rockbands aller Zeiten. Pflichtanschaffung für alle Fans des symphonischen Prog Rock und des Canterbury-Sounds. Wer sie noch nicht gehört hat, weiß echt nicht, was er verpasst.

Besetzung

Andy Latimer – Gitarre, Gesang (1 & 4)
Doug Ferguson – Bassgitarre, Gesang (2 & 6)
Peter Bardens – Keyboards, Gesang (5)
Andy Ward – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Dave Williams

Trackliste

1. Slow Yourself Down (4:45)
2. Mystic Queen (5:53)
3. Six Ate (5:57)
4. Separation (4:54)
5. Never Let Go (6:20)
6. Curiosity (5:52)
7. Arubaluda (6:26)

Albumlänge: 40:07

Das remasterte Release aus dem Jahr 2002 enthält zwei Bonustracks:

8. Never Let Go (single version) (3:36)
9. Homage To The God Of Light (Live 10-29-1974) (19:01)

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