Call Of The Wild
Künstler: Decoy
Label: AOR Heaven Records
Veröffentlichung: 2007
Decoy ist ein Projekt, das aus dem Zusammenschluss zweier treibender Kräfte entstanden ist: dem Songwriter und dänischen Gitarristen Torben Enevoldsen (Section A, Fatal Force) und dem Sänger Peter Sundell, der im Mai 2005 nach 20 Jahren Treue die Rocker von Grand Illusion verlassen hat.
Laut Ankündigung sollte das Album „Call Of The Wild“ reinen melodischen Hard Rock liefern. Zumindest ließ sich das aus der hochfliegenden Werbetrommel im Vorfeld herauslesen, und aufgenommen war das Ding, was Vocals, Gitarren und Bässe angeht, angeblich schon vor einem Jahr. In der Schlussphase der Aufnahmen sprang Enevoldsens alter Kumpel Thomas Heintzelmann ein, und der Job war erledigt!
Reiner melodischer Hard Rock ist die Scheibe nicht, aber sie hat jede Menge Zutaten, die typisch dafür sind. Spannend: Die Platte schlängelt sich zwischen Hard Rock und Elementen des klassischen Heavy Metal hindurch. Die Produktion ist verdammt hart, und die Riffs tragen den Großteil der Melodie. Dazu kommt Sundells Gesang, der in den höheren Lagen auch mal zur Abrissbirne, äh, Sirene werden kann. Für skandinavische Verhältnisse ist die Produktion überraschend: Sie hat es geschafft, die rohe, messerscharfe Lebendigkeit des Riffings und der Gitarrensoli zu bewahren. Die Gitarren sind höher gestimmt, und die Schärfe im Riffing wird dadurch noch betont. In den Soli glänzt Enevoldsen technisch, in Tempo wie Ausdruck, und verneigt sich mehrfach recht deutlich vor dem hochverehrten Herrn „elektrischer Bach“ Y.J. Malmsteen. Die Riffs sind simpel und fließen richtig schön, man spürt Parallelen zu den goldenen „eighties era“-Judas Priest. Der Titelsong Call Of The Wild kommt mit einem rollenden, klassischen Judas-Priest-Riff daher, das im Refrain vor allem durch Sundells hohes Kreischen angeheizt wird. Wäre die Produktion der Rhythmusfraktion hier nicht so schwach, wäre das Element metallischer Aggression deutlich präsenter, und zwar nicht nur in diesem Song, sondern in allen verwandten Nummern auf „Call Of The Wild“. Dasselbe Erlebnis haben wir bei Heavy Metal Thunder, wovor uns schon der Titel warnt, und My Religion. Außerdem gibt es auf dem Album überhaupt keine Keyboards, in Sachen Atmosphäre ist das also ein echter Totalausfall!
Was Decoy andererseits wieder näher an den Hard Rock rückt, ist die Tatsache, dass auf „Call Of The Wild“ die doppelte Basedrum fehlt. Dafür gibt es punktuell mehrstimmige Gesangsharmonien (Refrains), die mehr Melodie reinbringen, aber keine Gefühle hinterlassen, die sich länger im Gedächtnis festsetzen würden – diese Harmonien sind also ziemlich blass. Der Rausschmeißer Piece Of Mind etwa ist ein typischer Hard-Rock-Song mit einem leichten Hauch von bluesy Retro-Feeling im Refrain, der schlecht getarnt aus dem Erbe von Rainbow gewachsen ist. Das etwas „zurückgenommene“ Brothers In Arms hat einen unverschämt vorhersehbaren Mid-Tempo-Hard-Rock-Refrain, den du dir schon nach dem ersten Hören gründlich überhörst. Bei Make A stand stoßen wir dann wieder auf eine direkte Parallele, die wie für Tony Martin in den späten Black Sabbath geschrieben ist. Dem unaufmerksamen Hörer kann dieses „Detail“ glatt durch die Ohren rutschen, denn Sundells Stimmfarbe ist Lichtjahre von Martins entfernt, außerdem wählt der Mann in diesem Song mittlere bis tiefere Gesangslagen. Break Through hat einen der gelungeneren, sauber ausgefeilten Refrains, und dazu gesellt sich ein ähnlicher Geistesblitz in How Long. Achtung! Insgesamt ersäuft das Album in Wiederholungen von bereits Gehörtem und schafft es nicht, das Eis zu brechen, durch das etwas Eigenes und Wiedererkennbares hindurchstrahlen könnte.
Die Jungs bringen also nichts außer leeren Gefühlen zustande, die kaum mehr sind als eine solide bis überdurchschnittliche Imitation des Erfundenen. Das ist ein Album, das uns noch einiges schuldig bleibt. Es müssen vor allem Riffs her, die richtig stimmungsvolle Refrains erzeugen; mehr Abwechslung untereinander als Steigerung von Stimmung und Dynamik; in Zukunft würden Keyboards bestimmt gut passen, die die Monotonie des Sounds aufbrechen, den auf „Call Of The Wild“ vor allem das einfarbige, verzerrte Riff-Gescheuer dominiert; und vor allem müssen Drums und Bässe auf dieselbe Ebene wie das Gitarrenriff gehoben werden. Kurz: Es bleibt mehr als genug Arbeit liegen, deshalb müssen Torben und Peter künftig noch ordentlich in die Hände spucken und im Studio einen dicken Tropfen Schweiß mehr vergießen. Vor dem Kauf dieses Albums im Ausland – bei uns findest du es sowieso nicht – also lieber mit großer Vorsicht rangehen.
Besetzung
Peter Sundell – Gesang
Torben Enevoldsen – Gitarre, Bass
Thomas Heintzelmann – Schlagzeug
Produktion
Torben Enevoldsen
Tracklist
1. Divided
2. Call Of The Wild
3. Brothers In Arms
4. Heavy Metal Thunder
5. Make A Stand
6. Break Through
7. Forever And Ever
8. My Relgion
9. How Long
10. Real Deal
11. Peace Of Mind
Spielzeit: 52.08