…But Seriously

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Collins, Phil
Label: Virgin Records
Erscheinungsjahr: 1989
Laufzeit: 59:42
Bewertung: 4.5/5

Der Sänger und Schlagzeuger Phil Collins befand sich Ende der Achtziger auf dem kommerziellen Höhepunkt seiner äußerst erfolgreichen Musikkarriere – und das gleichzeitig als Solokünstler und als Mitglied der legendären Gruppe Genesis. Nach dem Ende der Genesis-Tournee zur großen Studioproduktion »Invisible Touch« (1986) war klar, dass es wieder an der Zeit war für das nächste Solowerk, mit dem Herr Collins versuchte, den gewaltigen Erfolg des unvergesslichen Vorgängers »No Jacket Required« (1985) zu wiederholen, wenn nicht gar zu übertreffen. Letzteres hatte ihn endgültig als einen der erfolgreichsten und beliebtesten Solokünstler der Achtziger zementiert – und es ist bis heute schlicht faszinierend, dass ein Musiker mit Wurzeln im Jazz und Progressive Rock so lange an der Spitze der weltweiten Pop-Charts bestehen konnte.

Mit dem Album »…But Seriously«, das ihm erneut zahlreiche Hits bescherte, von denen einige bis heute geradezu ‚zum Allgemeingut geworden‘ sind, signalisierte der charismatische Sänger und Schlagzeuger, dass er auch am Ende dieser für ihn unglaublich erfolgreichen Dekade bereit war, an der Spitze der aufregendsten britischen Pop-Acts zu regieren. Die Produktion von »…But Seriously« war, wie es sich für Herrn Collins gehört, traditionell phänomenal, und für einige der Tracks schrieb er einige der besten Arrangements seiner gesamten Solokarriere – weshalb dies neben »No Jacket Required« nach wie vor sein bestes Werk als Solokünstler ist.

In Weiterführung der erfolgreichen Stilformel von »No Jacket Required« entschied er sich diesmal in Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Produzenten Hugh Padgham für eine organischere Produktion, was bedeutet, dass überall echte Schlagzeuge statt einer Rhythmusmaschine eingesetzt wurden. Den Sound modernisierte er auch dadurch, dass er deutlich weniger Synthesizer-Texturen einsetzte und diese größtenteils durch eine stärkere Präsenz von E-Piano und anderen Keyboards ersetzte – was bedeutet, dass »…But Seriously« auch in dieser Hinsicht den Test der Zeit hervorragend bestanden hat.

Collins vertraute weiterhin auf sein bewährtes musikalisches Team angeführt von seinem langjährigen Gitarren-Kumpel Daryl Stuermer und dem Bassisten-Eigenbrötler Leland Sklar, während Dominic Miller die Gitarrenreihen ergänzte, der sich später als Stings Gitarrist einen Namen machte. Neben einer beeindruckenden Bläsersektion arbeitete er auch diesmal mit einigen hochkarätigen Gästen zusammen, darunter Eric Clapton, Steve Winwood, David Crosby, Nathan East, Stephen Bishop und Pino Palladino. Im Gegensatz zu Phils bisheriger Liedtext-Tradition, die überwiegend von seinen Liebesproblemen und allerlei amüsanten Begebenheiten geprägt war, widmet er sich auf »…But Seriously« weit mehr als je zuvor verschiedenen gesellschaftskritischen Themen. Nun, trotz allem finden sich noch einige Liebestexte, denn es handelt sich schließlich um das Studioalbum eines ewigen romantischen Träumers und Pechvogels – doch auch bei diesen hat er einen spürbar reiferen Ansatz gewählt.

»Hang In Long Enough«, einer der zahlreichen Hit-Singles dieses Albums, ist eine echte Eröffnungs-Poprock-Bombe und ein einzigartiger Energiekatalysator, bei dem Phil erfolgreich mit einer Big Band zusammenarbeitet, die die lebhafte Atmosphäre durch witzige Bläserarrangements bereichert. Phil ist hier auf dem Gipfel seiner Gesangsform, besonders während des großartigen Refrains, wo ihn geschmackvolle Harmonien begleiten. Die Rückkehr der ‚organischen‘ Schlagzeuge verleiht diesem wunderbaren Song ein außerordentlich lebendiges und dynamisches rhythmisches Gleichgewicht, während Stuermers extrem dynamische Gitarrenkunstwerke eine Geschichte für sich sind.

»That’s Just The Way It Is«, die nächste Hit-Single, ist eine pazifistische Power-Ballade, die mit ihrem tiefgründigen Text über die Sinnlosigkeit des Krieges eine scharfe Kritik am langjährigen Nordirland-Konflikt darstellt. Gastsänger David Crosby unterstützt Collins hier auf wunderbare Weise bei den Vokalharmonien, während das zentrale, ausgesprochen melancholische Arrangement einen deutlichen keltischen Einschlag hat. Die nächste Hit-Single »Do You Remember« setzt die beeindruckende Serie erfolgreicher Power-Balladen fort. Mit seinem Liebestext erinnert es stark an einige frühere romantische Ergüsse von Phil, denn es handelt sich um eine ziemlich generische Geschichte über einen unglücklich Verliebten, dem eine Frau seine Aufmerksamkeit einfach nicht erwidern will. Diesmal begleitete Stephen Bishop Collins beim Singen auf wunderbare, harmonische Weise, während ruhige Percussion und zarte Arrangements die Garantie einer melancholisch-romantischen Atmosphäre waren. Darauf folgt ein faszinierender atmosphärischer Kontrast, denn dann kommt einer von Collins‘ bekanntesten Hits an die Reihe.

Die Atmosphäre von »…But Seriously« erreicht ihren Siedepunkt mit dem hervorragenden »Something Happened On The Way To Heaven«, das zu den Höhepunkten des gesamten Albums zählt und bei dem auch Gitarrist Stuermer als Songwriter mitgewirkt hat. Mit seiner Struktur und seinem atmosphärischen Puls hätte es sich auch auf jedem beliebigen Genesis-Album der ‚Pop-Ära‘ finden können. Der wunderbare Refrain, bei dem Phil von glänzenden weiblichen Vokalharmonien begleitet wird, ist mit dynamischen Bläserarrangements und energischen Gitarrenpassagen ausgestattet, während durchgehend eine außerordentlich positive Stimmung herrscht. Dieser Pop-Rock-Klassiker wurde ursprünglich für den Film ‚Der Rosenkrieg‘ mit Michael Douglas, Kathleen Turner und Danny DeVito in den Hauptrollen geschrieben und geplant.

Der nächste Track, »Colours«, ist ein noch faszinierenderes Werk, das dem Genesis-Erbe noch näher steht, da Phil darin sogar zu seinen Progressive-Rock-Wurzeln zurückkehrt. Gerade wegen seiner Länge (knapp neun Minuten) war es eines der wenigen Stücke dieses Albums, das nie ein Hit wurde, da die meisten Radiosender es wegen der zu vielen Minuten nicht spielen wollten. Der gesellschaftskritische Text richtete sich gegen das rassistische Regime und die Apartheidpolitik in der Republik Südafrika, die damals gerade ihre letzten, sterbenden Atemzüge erlebte. Es beginnt als melancholische Klavierballade, worauf ein pompöses Arrangement einsetzt. Phil begeistert erneut mit seiner berührenden Gesangsdarbietung, die voller Empathie und Begeisterung ist. Die dynamische Percussion bringt den Rhythmus der Weltmusik in die Instrumentalsektion, worauf ein brillanter Tempowechsel folgt, bei dem subtile Gitarrenpassagen und energische Bläsereinlagen in den Vordergrund treten.

»I Wish It Woul Rain Down«, eine berührende Power-Ballade mit Gospel-Elementen, auf der Phils alter Freund Eric Clapton seinen Gitarren-Stempel hinterlassen hat, ist bis heute eines der bewundertsten Stücke von »…But Seriously« und natürlich ein weiterer großer Hit. Claptons unverkennbare, ‚weinende‘ Gitarrenpassagen erzeugen in Verbindung mit weitläufigen Keyboard-Flächen einen melancholischen Hintergrund, während Collins, unterstützt von mächtigen weiblichen Gospel-Harmonien, sich erneut in einen herzzerreißenden stimmlichen Vermittler zahlreicher erschütternder Emotionen verwandelt. Phils eigenen Worten zufolge war dieser Evergreen die nächste Annäherung an Blues bzw. Blues-Rock in seiner gesamten Karriere.

Der bekannteste Track und zugleich größte Hit von »…But Seriously« war die wunderbare Power-Ballade »Another Day In Paradise«, für die Phil die Inspiration bei einem Besuch der amerikanischen Hauptstadt Washington D.C. fand, wo ihn seinen eigenen Worten zufolge auf einem Spaziergang durch die Stadtstraßen zahlreiche traurige Bilder von Obdachlosigkeit erschütterten, die im Herzen der USA identisch mit jenen in der sogenannten Dritten Welt waren, wenn nicht noch schlimmer. Auf die kurze Eröffnung mit dissonanten Effekten folgt der Einsatz einer feinfühligen Gitarrenphrase und die Herausbildung des wohl bekanntesten Arrangements und Refrains in Phils gesamter Solokarriere, das ihm unter anderem den Grammy für den besten Song des Jahres 1989 einbrachte.

Das Zusammenspiel zwischen wohltuenden Klaviertexturen und sanften Griffen auf der Akustikgitarre erzeugt eine melancholisch-nostalgische Atmosphäre, während Phil den erschütternden Text, dem es nicht an Sarkasmus gegenüber der gesellschaftlichen Apathie gegenüber dem Problem der Obdachlosigkeit mangelt, auf seine subtilste Art singt. Der Text wird aus der Perspektive der dritten Person gesungen und beschreibt die Begegnung zwischen einem gut situierten und apathischen Mann und einer obdachlosen Frau, von der er und seinesgleichen am liebsten ihren Blick abwenden würden. Collins erntete für den Text auch einige Kritik, da ihm manche typische Star-Heuchelei vorwarfen – wie denn ein von den rechtlosen Massen entfremdeter musikalischer Reicher überhaupt irgendeine Empathie für Obdachlose empfinden könne.

»Heat On The Street« ist wieder ein etwas energischeres Werk mit zahlreichen Dance- und Big-Band-Elementen dank der lebhaften Bläsersektion, während Stuermers leidenschaftliche Gitarrenpassagen eine deutlich rockorientierte Komponente liefern. Die Begleitvokalharmonien begleiten erneut auf hervorragende Weise Phils ausgelassene Gesangsdarbietung, die im pompösen Refrain ihren Höhepunkt erreicht. Die Liebesballade »All Of My Life« hat einen leichten Jazzrhythmus dank des einleitenden Trompetensolos, während das zentrale Arrangement verführerische Begleitharmonien und dynamische rhythmische Komponenten enthält, mit denen Collins als einer der talentiertesten Interpreten in der Geschichte des Pop-Rock und (noch früher) des Progressive Rock bekannt wurde. Das kurze Jazznstrumental »Saturday Night And Sunday Morning« stellt mit seinen lebhaften Bläserpassagen einen Triumph der Big Band und der beeindruckenden Percussionsektion dar.

»Father To Son« ist eine der reifsten Liebesballaden in Phils Karriere, da er sich im Text an seinen heranwachsenden Sohn Simon wendet und ihn vor allerlei künftigen Lebensfallen warnt. In einer der Strophen teilt er ihm mit, dass er immer hinter ihm stehen werde, sollte er sich jemals in Schwierigkeiten befinden und einen entsprechenden Rat und Hilfe benötigen. Simon, der in die musikalischen (schlagzeugerischen und gesanglichen) Fußstapfen seines Vaters getreten ist und heute der Chef der exzellenten Prog-Rock-Gruppe Sound Of Contact ist, hat die Hilfe seines Vaters sicherlich gebraucht, als er 2014 wegen des mutmaßlichen Besitzes verbotener Substanzen in Schwierigkeiten geriet. Das Album schließt mit dem dynamischen »Find A Way To My Heart«, das mit einer interessanten Instrumentalsektion beginnt, bevor es sich in eine charakteristische Phil Collins Power-Ballade mit Jazzelementen verwandelt, die gleichzeitig komplex genug ist, um auf jedem beliebigen Genesis-Album aus der ‚Pop‘-Ära zu stehen.

»…But Seriously« stellte in vielerlei Hinsicht den Höhepunkt von Collins‘ Karriere als Solokünstler dar und war auf allen möglichen künstlerischen und kommerziellen Ebenen ein gewaltiger Erfolg. Im Jahr 1990 war es sogar das meistverkaufte Album in Großbritannien, während einige Hits bis heute regelmäßig in zahlreichen Radiosendern weltweit gespielt werden. Phil entschied sich, nach einer kurzen Zusammenarbeit mit der Gruppe Tears For Fears auf ihrer Hit-Single »Woman In Chains«, anschließend wieder Genesis zu widmen, mit denen er 1991 mit dem Album »We Can’t Dance« eine Serie außergewöhnlicher Erfolge fortsetzte. Auf die Soloszene kehrte er erst 1993 mit dem kommerziell nicht besonders erfolgreichen Album »Both Sides« zurück, das damals praktisch niemand erwartet hatte, da er es vollständig auf eigene Faust aufnahm, in strenger Geheimhaltung und ohne jegliche langjährigen musikalischen Mitarbeiter und hochkarätigen Gäste.

Besetzung

Phil Collins – Gesang, Schlagzeug, Percussion, Tamburin, Keyboards
Daryl Stuermer – Gitarre
Leland Sklar – Bassgitarre
Dominic Miller – Gitarre
The Phoenix Horns:
Don Myrick – Saxofon
Louis Satterfield – Posaune
Harry Kim – Trompete
Rhamlee Michael Davis – Trompete
Alex Brown – Hintergrundgesang
Marva King – Hintergrundgesang
Lynne Fiddmont – Hintergrundgesang

GASTMUSIKER:
David Crosby – Gesang auf „That’s Just the Way It Is“ und „Another Day in Paradise“
Nathan East – Bass auf „Hang in Long Enough“ und „Something Happened on the Way to Heaven“
Pino Palladino – Bassgitarre auf „Do You Remember?“ und „I Wish It Would Rain Down“
Stephen Bishop – Hintergrundgesang auf „Do You Remember?“
Eric Clapton – Gitarre auf „I Wish It Would Rain Down“
Steve Winwood – Hammond-Orgel auf „All of My Life“

Produktion

Phil Collins und Hugh Padgham

Trackliste

1. Hang in Long Enough (4:44)
2. That’s Just The Way It Is (5:20)
3. Do You Remember? (4:36)
4. Something Happened On the Way to Heaven (4:52)
5. Colours (8:51)
6. I Wish It Would Rain Down (5:28)
7. Another Day In Paradise (5:22)
8. Heat on the Street (3:51)
9. All Of My Life (5:36)
10. Saturday Night and Sunday Morning (1:26)
11. Father to Son (3:28)
12. Find a Way to My Heart (6:08)

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